Leistung - Ein Essay über Fragen
Sollte „Leistung“ als solche nicht subjektiv sein? Gilt eine Leistung nur dann als vollbracht, wenn sie den gesellschaftlichen Normen und Regeln entspricht? Wenn das wirklich der Fall ist, so frage ich mich natürlich warum dann jeder Mensch mit einem Gehirn und Verstand im petto auf die Welt kommt. Wieso dann nicht nur jeder zehnte? Zehntausendste? Einer aus einer Millionen? Wieso sollte der Mensch als Individuum trotz Verstand, Intelligenz und Instinkt andere für sich entschieden lassen, wie er zu leben hat? Wo liegt darin dann der Zweck? Die Natur, Gott oder wer auch immer (sucht euch etwas aus) hat sich doch sicher etwas dabei überlegt, wieso alle mit der selben Grundausstattung bei Null anfangen. Mit dem ersten Schrei, wenn wir die Welt nach der Geburt erblicken, beginnen sich unser Verstand, unser Wissen und unsere Wünsche, Ziele, Zwecke zu formen. Wieso also sollte der Mensch andere für und über sich entscheiden lassen, welche Wünsche, Ziele und Lebenszwecke er zu verfolgen hat? Wieso kann er diese nicht in sich selbst wachsen und gedeihen lassen? Und letztendlich daraus seinen Lebensweg formen. Warum muss es immer das „Umfeld“ geben, welches dem Einzelnen mit allen Mitteln versucht seine Meinung aufzudrängen. Wie man sich kleiden soll. Was sich gut im Lebenslauf macht. Wie das Leben aussehen soll. Und „ach das ist keine gute Idee, das wird dich auf jeden Fall unglücklich machen; mach das nicht“ - Na und? Vielleicht möchte ich ja hinfallen und schlechte Erfahrungen machen? Vielleicht weiß das „Umfeld“ auch einfach gar nicht was für mich gut ist? Vielleicht weiß niemand außer ich selbst, was ich wirklich gut kann und was mich glücklich machen wird? Vielleicht sollte sich das ach-so-weise Umfeld mal zurück halten und vor der eigenen traurigen Haustüre kehren. Denn meist sind es gerade die Verunglückten, auf dem Lebensweg mit Zielen und Wünschen gescheiterten, die den „Jungen“, „Unwissenden“ und „Unerfahrenen“ ihre Meinung geben - meist ganz ohne zu fragen. (Aber das sei mal so dahingestellt)
Was bedeutet denn Leistung? Für den Einzelnen? Für die Gesellschaft als solche? Für wen sollte Leistung überhaupt etwas bedeuten? Sollte Leistung nicht für jeden neu definiert werden, beziehungsweise besser gesagt von jedem neu und für sich definiert werden? Wäre es nicht besser alle gesellschaftlichen Normen und Gegebenheiten mal beiseite zu nehmen und als neue Norm eher „Unbestimmtheit“ zu verfolgen. Denn sind wir das nicht alle seit Beginn - unbestimmt? Klar, wir wachsen auf und stärken dabei gewisse Fähigkeiten oder genetisch gegebenen Veranlagungen. Und gewiss hat jeder seine Stärken und Schwächen (wobei ich stets der Meinung bin: Übung macht den Meister - auch wenn man bei Null anfängt). Gerade die Stärken sind doch unsere Wegweiser, die für uns auf ein vermutlich glückliches Leben deuten. Denn was ich gut kann, das macht mir meistens auch Spaß und das verfolge ich beruflich. (Das ist natürlich auch der einfache Weg.)
Warum? Naja der Satz lässt sich, wie alles, auch umformen zu: Was ich noch nie versucht habe, könnte mir vielleicht auch Spaß machen. Na, wie klingt das? Eigentlich auch nicht so schlecht? Wir haben doch nur dieses eine Leben. Diese begrenzte Anzahl an Jahrzehnten. Manche sogar zu wenig, um wirklich im „Erwachsenenleben“ anzukommen. Also wann sollten wir je die Zeit haben Neues zu versuchen? Während der Schulzeit? Nein, eher nicht. Pardon, wenn ich jetzt einige festgefahrene Vorstellungen zerstöre. Während der Schulzeit kämpfen wir so sehr mit unserem eigenem Körper (und Geist), dass wir gar keine Chance haben uns auf etwas anderes zu konzentrieren. Die Pubertät benötigt in dieser Zeit so unendlich viel Energie, dass meistens keine wirklich wahrhaftigen Pläne zustande kommen. Natürlich haben wir alle eine gewisse Vorstellung davon, wie unser Leben in drei, fünf und vielleicht auch zehn Jahren aussehen soll. Jedoch ist doch davon nichts konkret und in Stein gemeißelt. Wir kommen aus der Schule, haben keine Erfahrung (wirklich keine!) und sollen unseren Berufswunsch parat haben - aber bitte pronto! Selbst ein Jahr Auszeit reicht meist nicht aus, um wirklich zu begreifen, welche Palette an Möglichkeiten sich plötzlich von einer Sekunde auf die nächste entfaltet. Wo soll ich anfangen? Wie soll ich mich orientieren? Was passt zu mir? Ich habe nicht genug Zeit alles auszuprobieren - wie gehe ich vor?
Und Zack schaltet sich das „Umfeld“ ein. „Kind, mach das, das könnte dir gut liegen! Damit kann man gut Geld verdienen.“ Und fertig ist eine erste kleine Manipulation auf einem meist unbeschriebenen Blatt Papier. Sollte es nicht eher beginnen mit: „Fang an, wo du möchtest. Vertraue deinem Bauchgefühl und wenn es dir nicht gefällt, dann mache das nächste. Du findest deinen Weg!“? Sollte es nicht um Ermutigung und Unterstützung gehen? Vielleicht würden viele plötzlich auf absolut, für das „Umfeld“, absurde Ideen kommen und genau das finden, was sie sich für ihr Leben gewünscht haben. Vielleicht bräuchte jeder nur ein bisschen Grundvertrauen ohne eine fremde Meinung im petto und voilà ein glücklicher, arbeitender Mensch ist am Bahnhof „Berufsalltag und verantwortungsvolles Erwachsensein“ angekommen.
Natürlich ist es nie leicht für das „Umfeld“ mitanzusehen, wie eine/r ihrer Lieben einen für das „Umfeld“ falschen Weg einschlägt. Doch manchmal muss man den Menschen fliegen lassen, damit er merkt wie unsere Flügel wirklich funktionieren - „Learning by Doing“ wie man so schön sagt.
Vielleicht liege ich auch absolut falsch mit meinen Fragen und doch bleibe ich dabei. Wieso haben wir Normen und gesellschaftliche Vorstellungen, die so erdrückend auf die Nachkommenden wirken? Wieso tun wir uns das an? Vielleicht hindert genau diese Einstellung eine/n unserer Lieben just in diesem Moment daran sein Leben noch einmal komplett umzukrempeln und von vorne zu beginnen, weil er denkt er sei zu alt, zu weit gekommen oder ähnliches. Und wieder kommt eine Frage: Für was? Für was „zu alt“? Ist man nicht genau so alt wie man sich eben fühlt? Wer bestimmt denn, dass man „zu alt“ ist? Für was „zu weit gekommen“? Nur damit ich später sagen kann: „Kinder, schaut was ich alles erreicht habe! Schaut wie viel Geld ich habe!“ Sollte es nicht heißen: „Kinder, schaut was ich alles erlebt habe! Schaut wie viele Erfahrungen ich gemacht habe! Seht mal wie glücklich ich bin! Ich würde alles wieder so machen!“
Denn genau so möchte ich später mit einem Lächeln im Gesicht sprechen können! Genau so möchte ich später auf mein Leben zurück sehen können! Ohne, dass es von gesellschaftlichen Normen und Vorstellungen manipuliert oder geformt wurde - sondern nur von mir!