Urlaub in Polen (2007): Wanderlust. Berlin: Festsaal Kreuzberg.
"Die Band heisst Urlaub in Polen, und viel seltsamer als ihr Name ist der Umstand, dass sie nur aus zwei Typen besteht, einem exzellenten Schlagzeuger und einem Sänger mit Intellektuellenbrille, der zugleich Gitarrist ist, an den Keyboards steht und mit den Füßen ein paar weitere Regler bedient, denn wenn man sie hört, meint man, vor einem ganzen Rockorchester zu stehen, einer Mischung aus Punk und Pink Floyd, so gewaltig und zugleich in sich differenziert ist der Sound.
Es quietscht, es knarrt, es röhrt, es hämmert, es ist wirklich Garage mit allen Rückkopplungen, die darein gehören, und ebenso wuchtigen wie präzisen, ebenso rasanten wie variantenreichen Drums, und dabei hast du elektronische Bassläufe und Klangwolken und akustische Einsprengsel, die nicht die selten einsetzbare Singularität von Hammond-Orgeln haben, aber endlich einmal auch nicht klingen wie weiland Rick Wakeman, sondern manchmal wie Kraftwerk, manchmal wie Stockhausen. Ich stand da mit Amir, genauer gesagt wippte ich vor und zurück, und dachte dankbar, dass Rockmusik im Jahr 2007 genauso klingen könnte, so alt und heutig, so bekannt und nie gehört.
Das Problem des Gesangs, das sich stellt, wenn man keinen Sänger wie Jim Morrison hat, also fast immer, haben Urlaub in Polen so gelöst, dass die Stimme meistens elektronisch verzerrt ist oder in dem Klanggewitter beinah untergeht. Die Texte haben auch nichts Gefühlsduseliges wie in der Neoromantik, die derzeit unter jungen Leuten en vogue zu sein scheint, sondern scheinen mehr zum Dada zu tendieren. Ohnehin sind es blosse Fetzen, die zu verstehen sind. Das Ganze ist ja so laut, dass man sich wundert, überhaupt noch etwas zu hören, ich meine Nuancen, nicht nur Krach. Es stellt sich dann ein anderes Hören ein, jenseits physikalisch verzeichneter Schallgrenzen, es klingt von innen wie von außen; man hat dieses physische Vibrieren, das Dröhnen im gesamten Körper, und zugleich gewöhnt man sich daran, so dass man in diesem Stahlbad (den Ausdruck erlaube ich mir einfach einmal, er trifft es) eben doch die einzelnen Instrumente und Töne unterscheidet, auch wenn man sich selbst fragt, wie das möglich sein soll, da ist doch nur Lärm.
Amir ging es ebenso wie mir, wir traten auf die Straße, liefen die paar Meter zu meiner Kneipe, tranken noch ein paar Kölsch, hörten alten Rock oder Blues, gegen den die fünf Bands, die wir zuerst erlebt hatten, eben wirkliche Waisenknaben waren, Schülerbands, gingen schlafen und hatten die ganze Zeit diesen Klang von Urlaub in Polen im Ohr, noch beim Träumen, noch beim Aufwachen, noch auf der Fahrt nach Siegen, Wumm, Wuuuumm." Navid Kermani (2011): Dein Name. S. 400-401. München: Carl Hanser Verlag