âfor Laws, Religion, Liberty we fallâ: Politik, nationale IdentitĂ€t und Religion in HĂ€ndels Oratorium Judas Maccabaeus
I.           Kompositorischer Kontext
 Das Oratorium Judas Macchabeus von Georg Friedrich HĂ€ndel ist wohl, nicht nur gemessen an der Anzahl der AuffĂŒhrungen, eine der bekanntesten und erfolgreichsten Kompositionen HĂ€ndels. Lediglich das Oratoirum Messiah aus dem Jahr 1742 wurde öfters aufgefĂŒhrt.[1] Judas Maccabaeus begeisterte die gesamte Mittel- und Oberschicht.[2]
Dies ist vor allem vor dem Hintergrund interessant, da HĂ€ndels vorherige Kompositionen nicht allzu erfolgreich waren. Vor allem gegen Ende der Spielzeit 1740/41 schlug das Desinteresse des Londoner Publikums bisweilen in Aversion um.[3]
Im Jahre 1748, also ein Jahr nach der UrauffĂŒhrung, erlebte das Werk ein kleines Revival. Insgesamt sechsmal wurde es in jenem Jahr aufgefĂŒhrt[4] Die spĂ€teren Inszenierungen enthielten den Zusatz âwith Additions and a New Concertoâ.[5]
HĂ€ndel komponierte das Oratorium zwischen Juli und August 1746.[6] UraufgefĂŒhrt wurde das Werk allerdings erst ein knappes Jahr spĂ€ter.
Unmittelbar vor der Komposition von Judas komponierte HĂ€ndel bereits ein anderes politisches Oratorium, das Occasional Oratorio. Dieses patriotische Pasticcio aus diversen SĂ€tzen eigener Kompositionen bezog sich ebenfalls, wie Judas auf den Vormarsch der Jakobiten auf London.[7] Es handelt sich hierbei um ein noch deutlicher politischeres Werk, welches der britische Musikwissenschaftler Dean Winton sogar als âpiece of propagandaâ[8] bezeichnet. Einige der Arien wurden auch in Judas Maccabaeus verwendet.[9]
Die bisherigen Forschungen zu HĂ€ndels Judas Maccabaeus beleuchten entweder die sozial-politischen UmstĂ€nde des Werkes oder stellen eine ausschlieĂlich musikwissenschaftliche Analyse am musikalischen Material dar. Eine Kombination und eventuell direkte eine Verbindung zwischen beiden Feldern gibt es bisher kaum.           Â
 II. Libretto und Handlung
 Das Libretto zu Judas Maccabaeus stammt von dem geistlichen Thomas Morell.
Es war die erste von vielen Kollaborationen zwischen HĂ€ndel und Morell.[10] Der Pastor Thomas Morell stellt eine wichtige Person in HĂ€ndels spĂ€teren Leben und Schaffen dar.[11] Dieser ist unter anderem auch fĂŒr die Libretti der beiden Opern  Jeptha und Joshua verantwortlich. Letzteres Werk ist darĂŒber hinaus nicht ganz irrelevant fĂŒr die Betrachtung von Judas Macchabaeus, was im Verlauf dieser Hausarbeit noch verdeutlicht wird. Es ist vielleicht nicht unerheblich zu erwĂ€hnen, dass Morell wie bereits oben angedeutet, hauptberuflich Geistlicher war und somit im Dienste der anglikanischen Kirche stand. Viele Librettisten von HĂ€ndel teilten nicht nur ein gemeinsames Interesse an religiösen und politischen Thematiken, sondern auch die musikalische Bewunderung fĂŒr den Komponisten.[12] So ist es nicht verwunderlich, dass Morell und HĂ€ndel sich fĂŒr diesen thematischen Stoff entschieden haben.
Inhaltlich geht das Libretto vor allem auf das erste Buch der MakkabĂ€er im alten Testament zurĂŒck.
In jenem wird vor allem der jĂŒdische Freiheitskampf gegen die repressive Herrschaft der Seleukiden geschildert, die unter der Herrschaft von Antiochus IV. Epiphanes versuchten, den jĂŒdischen Glauben zu unterdrĂŒcken und zu bekĂ€mpfen. Â
HĂ€ndel komponierte das Oratorium, als der Ausgang der jakobitischen Rebellion noch gar nicht abzusehen war.[13]
Thomas Morell selbst Ă€uĂerte, dass Judas Maccabaeus eine Hommage an den Herzog von Cumberland und seine siegreiche RĂŒckkehr aus Schottland darstelle.[14]
HĂ€ndel und Morell entschieden sich, das Libretto in englischer Sprache zu verfassen, obwohl manche Autoren zu jener Zeit sprachlich-musikalische Nachteile in der englischen Sprache in Opern sahen. So kritisiert der englische Dichter und Dramatiker John Dryden beispielsweise, dass die englische Sprache viele einsilbige Wörter und Konsonantenverbindungen aufweise und somit in Hinblick auf das VersmaĂ eine geringere Eignung fĂŒr die Musik darstelle, als beispielsweise die französische oder italienische Sprache.[15] Trotzdem entschieden sich Morell und HĂ€ndel fĂŒr die englische Sprache, vermutlich um den gesellschaftspolitischen Kontext dem Londoner Publikum besser vermitteln zu können oder um ĂŒberhaupt fĂŒr ein breiteres Publikum zu sorgen.
 III. Politischer Kontext in GroĂbritannien um 1746
Mit dem invasiven Vormarsch von Schottland nach England des Prinz Charles Edward, der oftmals auch Bonnie Prince Charles genannt wird, geriet die Londoner Gesellschaft in Panik und  das gesellschaftliche Klima des Londoner Alltags verÀnderte sich sukzessiv.[16]
Bonnie Prince Charles
Wie durchaus nicht unĂŒblich nach einer nationalen Krise, dĂŒrstete es nun der Londoner Gesellschaft nach einer Sensation beziehungsweise einem Novum, das möglichst von der temporĂ€ren Bedrohung ablenken und die Moral und Motivation der englischen Bevölkerung wieder stabilisieren sollte.
Der Erfolg von Judas Maccabaeus trug sicher auch dazu bei, das Londoner Publikum wieder zu erheitern und aufzumuntern.[17]
Dass sich besonders HĂ€ndels Musik eignete, um (gesellschafts-) politische Botschaften an die Londoner Gesellschaft zu vermitteln, beweist auch folgendes Zitat: â For a writer with something to say to the educated, influential upper- and middle- class London public, Handel`s music could be an ideal vehicleâ[18].
Prinz Charles Edward Stuart vollzog jenen oben genannten Vormarsch, nachdem er 1745-46 ganz Schottland eroberte. Die Eroberung Schottlands, sowie der Vormarsch auf London bildeten den Höhepunkt eines langjÀhrigen Konfliktes zwischen Jakobitern und Briten.
Jakobiter waren die AnhĂ€nger von König Jakob dem II[19]. Dieser gehörte dem Hause Stuart an und war König von Schottland und England. Seine prokatholische Politik brachte ihm in der Bevölkerung wenig Sympathie.  Er fĂŒhrte immer mehr Katholiken in hohe Ămter, wodurch sich die protestantische Elite bedroht fĂŒhlte.
Zu jener Zeit gab es ohnehin zahlreiche Spannungen und Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken.
Dieser zunehmende Katholizismus und Absolutismus von König Jakob wurde fĂŒr viele Briten schlieĂlich untragbar bzw. mit der britischen Verfassung nicht mehr vereinbar.
Sein Enkel Prinz Charles Edwart Stuart eroberte zudem, wie oben erwĂ€hnt, Schottland und befand sich auf dem Vormarsch auf London. Er eroberte einige StĂ€dte in England, darunter auch Manchester. Doch danach beging er  einen fatalen strategischen Fehler; er lieĂ sich von seinen Offizieren ĂŒberreden zunĂ€chst nach Schottland zurĂŒckzukehren, um neue KrĂ€fte zu sammeln, bevor die Jakobiter versuchen wollten, London anzugreifen.
Dieser strategische Fehler brachte Wilhelm August, Herzog von Cumberland genĂŒgend Zeit, um eine groĂe Truppe zu mobilisieren.
Wilhelm August war der Sohn von König Georg II., ein König aus dem Hause Hannover und König von Irland und GroĂbritannien und befand sich zur Zeit des Vormarsches der Jakobiter aufgrund einer Fehlinformation ganz im SĂŒden Englands, um einen vermeintlichen Angriff der Franzosen auf England zu verhindern.
Durch den RĂŒckzug der Jakobiter konnte der Herzog von Cumberland genĂŒgend Truppen mobilisieren, um die Jakobiter weiter zurĂŒck in den Norden Englands zu drĂ€ngen. Die Jakobiter gewannen danach noch eine Schlacht, bevor sie sich schlieĂlich bis in den Norden Schottlands, nach Inverness zurĂŒckziehen mussten.
An jenem Ort kann es am 16. April 1746 zur sogenannten (letzten) Jakobitischen Rebellion. In der berĂŒchtigten Schlacht von Culledon[20] wurden die Jakobiter von den britischen Truppen buchstĂ€blich niedergemetzelt, was dem Duke of Cumberland auch den oftmals zitierten Spitznamen âButcher of Cumberlandâ brachte. In jener Schlacht wurden die Jakobiter ein fĂŒr alle mal geschlagen.
Ganz London atmete damals auf. Doch HĂ€ndel wartete noch zwölf Wochen mit der Komposition seines âSiegesoratoriumsâ.
Ein interessanter und noch wenig erforschter Nebenaspekt ist, dass Jakobiter, obwohl HĂ€ndel zu mindest seit den 1720er Jahren als Sympathisant des Hauses Hannover gelten kann, nie Anti HĂ€ndel waren. Im Gegenteil: von einigen wurde er sogar unterstĂŒtzt und er selbst hatte den ein oder anderen jakobitischen Librettisten engagiert[JS5]Â .
  III. Politik und nationale IdentitÀt in Judas Macchabaeus
 Das Oratorium besitzt also einen politisch gesellschaftlichen Kontext.  HĂ€ndel spĂŒrte, was das Londoner Publikum nach solch einer nationalen Krise und dem bereits erwĂ€hnten Konflikt mit den Jakobitern hören wollte: NĂ€mlich ein festliches Konzertoratorium, das eingĂ€ngige Melodien bot.
Als ein Beispiel sei âSee the conquering hero comesâ genannt, dessen Melodie heutzutage noch oft unter dem Namen âTochter Zionâ (vor allem an Weihnachten) gesungen wird. UrsprĂŒnglich stammte dieser Satz aus HĂ€ndels Oratorium Joshua.
[1] Vgl.: Channon,Merlin: Handel`s Early Performances of `Judas Maccabaeus`:Some New Evidence And Interpretation in: Music and Letters 1996, Â S. 499
[2] Vgl. Winton,D.: HandelÂŽs Dramatic Oratiorios and Masques. S. 471
[3] Vgl. MGG Art. HĂ€ndel, Sp. 533
[4] Vgl.: Channon,M: Handel`s Early Performances of `Judas Maccabaeus`:Some New Evidence And Interpretation in: Music and Letters, Â S. 499
[5] Vgl.: ebd., S.506
[6] Vgl.ebd., S.499
[7] Vgl. MGG Art. HĂ€ndel, Sp. 534
[8] S.: Winton, Dean: Handel`s Dramatic Oratorios And Masques. London: Oxford University Press,1959. S. 460
[9] Vgl. Ebd.
[10] Vgl.: Smith, Ruth: Handel`s Oratorios and 18th Century Thought, Cambridge: Cambridge University Press ,2005. S.198
[11] Vgl.: Dean, W.: Handel`s Dramatic Oratorios And Masques. London: Oxford Unviersity Press,1959. S. 462
[12] Vgl.: MĂŒller-OberhĂ€user, Gabriele: âA Valiant jewish Commanderâ: Morells Libretto des Judas Maccabaeus im Kontext der englischen Literatur in: Höink,Dominik und Heidrich, JĂŒrgen: Gewalt-Bedrohung-Krieg: Georg Friedrich HĂ€ndels Judas Maccabaeus. Göttingen: V&R Unipress,2010. S.60
[13] Vgl.: Ruth, Smith: The Meaning of Morells Libretto Of `Judas Maccabaeus` Libretto in: Music And Letters,1998, S.50 Â Â
[14] Vgl.: Dean,W.: Handel`s Dramatic Oratorios and Masques,S. 461
[15] Vgl.:MĂŒller-OberhĂ€user, G.: A Valiant jewish Commanderâ: Morells Libretto des Judas Maccabaeus im Kontext der englischen Literatur in: Höink,D. und Heidrich, J.: Gewalt-Bedrohung-Krieg: Georg Friedrich HĂ€ndels Judas Maccabaeus. Göttingen: V&R Unipress,2010. S.64
[16] Vgl.: Dean,W.: Handel`s Dramatic Oratorios and Masques, S. 463
[17] Vgl. ebd. (Dean W S. 463)
[18]S.: MĂŒller-OberhĂ€user, G.: A Valiant jewish Commanderâ: Morells Libretto des Judas Maccabaeus im Kontext der englischen Literatur in: Höink,D. und Heidrich, J.: Gewalt-Bedrohung-Krieg: Georg Friedrich HĂ€ndels Judas Maccabaeus. Göttingen: V&R Unipress,2010. S.61
[19] Anm.: Engl. King James the Second
[20] Anm.: Ort im Norden Schottlands, bei Iverness
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