Um die Weltbilder von Islamisten und Islamhassern aufzulockern, die beide den gleichen Tunnelblick pflegen, ist manchmal ein Blick in die Geschichte nĂŒtzlich.
âZu den grössten Theoretikern und Praktikern der Toleranz gegenĂŒber Verschiedenheit muss man in Indien selbstverstĂ€ndlich den Grossmogul Kaiser Akbar zĂ€hlen, der zwischen 1556 und 1605 herrschte. Wieder haben wir es nicht mit einem Demokraten zu tun, sondern mit einem mĂ€chtigen Herrscher, der predigte, dass unterschiedliche Formen sozialen und religiösen Verhaltens hingenommen und respektiert werden mĂŒssten, und der auch Menschenrechte verschiedener Art vertrat, einschliesslich der freien ReligionsausĂŒbung, was in manchen Teilen Europas zu Akbars Zeit nicht so leicht toleriert worden wĂ€re.
Als zum Beispiel nach dem islamischen Hedschra-Kalender 1591/92 das Jahr 1000 erreicht war, sorgte das fĂŒr einige Aufregung in Delhi und Agra (nicht unĂ€hnlich dem, was sich nach dem christlichen Kalender im Jahr 2000 abspielt). Akbar erliess anlĂ€sslich dieser historischen ZĂ€sur verschiedene Gesetze. Diese betrafen unter anderem die religiöse Toleranz:
âKein Mensch soll wegen seiner Religion belangt werden, und jeder soll seine Religion nach Belieben wĂ€hlen dĂŒrfen. Wenn ein Hindu als Kind oder sonstwie gegen seinen Willen zum Moslem gemacht worden ist, soll er das Recht haben, wenn er möchte, zur Religion seiner VĂ€ter zurĂŒckzukehren.â
Auch hier gilt, dass der Bereich der Toleranz zwar religiös neutral, aber in anderen RĂŒcksichten nicht universal war, also z. B. keine Gleichheit der Geschlechter oder keine Gleichstellung von Jung und Alt einschloss.
Leicht liessen sich die Beispiele vermehren. Worauf es ankommt, ist, dass die modernen Verfechter der autoritĂ€ren Sicht âasiatischer Werteâ ihre Darstellung auf sehr willkĂŒrliche Auslegungen und eine Ă€usserst enge Auswahl von Autoren und Ăberlieferungen stĂŒtzen. Die WertschĂ€tzung der Freiheit ist nicht auf nur einen Kulturraum beschrĂ€nkt, und die westlichen Ăberlieferungen sind mitnichten die einzigen, die uns zu einem GesellschaftsverstĂ€ndnis fĂŒhren, in dessen Zentrum die Freiheit steht.â
Amartya Sen, Ăkonomie fĂŒr den Menschen, Wege zu Gerechtigkeit und SolidaritĂ€t in der Marktwirtschaft,
DTV Verlag 2003, Seite 285 / 286 / 287
Originalquelle: Akbar: The Great Mogul, Oxford 1971, S. 257, ĂŒbersetzt von Vincent A. Smith.
Amartya Sen, geboren 1933, lehrt Wirtschaftswissenschaften an der UniversitĂ€t Cambridge, Er bekam 1998 den Nobelpreis fĂŒr Wirtschaftswissenschaften fĂŒr seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung.