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Fromm lĂ€chelnd kommt sie daher. Mit geheuchelter Vorsicht, gespielter Bescheidenheit und dem Verweis auf pseudo-historische Tatsachen. Es schmerzt mich, wenn die grösste Schweizer Tageszeitung die Emotionen, die bei der Terror-Berichterstattung aufkommen, direkt in Islam-Hetze ĂŒberfĂŒhrt.Â
Und als Christ schmerzt es mich besonders, wenn dabei ein offizieller Kirchenvertreter zu Wort kommt: Martin Grichting, Stellvertreter des Bischofs von Chur, gehört das einzige freundlich anmutende Gesicht auf den ersten vier Seiten des heutigen BLICKS, die sich mit dem Terroranschlag in BrĂŒssel befassen. Zwischen den vielen Gesichtern von traurigen Menschen, maskierten Polizisten und AttentĂ€tern wirkt dies nicht bloss als visuell inszenierter Lichtblick.Â
Auf sprachlicher Ebene bemĂŒht sich der christliche Verfasser um Sachlichkeit und Bescheidenheit. NatĂŒrlich dĂŒrfe der Terror nicht fĂŒr Islamophobie missbraucht werden, heuchelt er. Und er ermahnt, dass âwir EuropĂ€erâ uns davor hĂŒten sollten, hochmĂŒtig zu werden. Schliesslich wĂŒrden auch wir unseren hohen Idealen nicht immer gerecht. Durch diese rhetorische Rahmung wirkt die eigentliche Botschaft seines Artikels besonders perfide:
WĂ€hrend das Christentum Gewalt ablehne, wĂŒrde der Islam diese fordern. Zwar hĂ€tten frĂŒher - er spricht bei christlicher Gewalt immer von âfrĂŒherâ - sich auch Christen auf Jesus berufen um Gewalt anzuwenden, doch hĂ€tten diese âdamit Christus verraten.â Der âGrĂŒnder des Christentumsâ sei nĂ€mlich selbst Opfer von Gewalt geworden, wĂ€hrend der GrĂŒnder des Islams zum Töten aufgerufen habe. Der Priester scheint es nicht fĂŒr notwendig zu halten, diese Behauptung zu begrĂŒnden. Ist es wirklich so, dass die Mehrheit der BLICK-Leser diesen Unsinn nicht hinterfragt? Genauso wie die Anti-AufklĂ€rungskeule, die von Islam-Hetzern immer wieder gerne geschwungen wird? Der lĂ€chelnde Hirte doppelt nĂ€mlich auch mit dieser nach um damit seine Forderung zu untermauern, dass die europĂ€ischen Staaten von jedem Muslim, âder bei uns leben will,â ein Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit verlangen mĂŒssten.
Als Beitrag zur âAufklĂ€rungâ erlaube ich mir die folgende Bemerkung: So verschieden die Muslime und Christen auf dieser Welt sind, so sehr unterscheiden sich auch die Geschichten, die die GlĂ€ubigen von Mohammed und Jesus erzĂ€hlen. WĂ€hrend friedlich eingestellte Menschen die Lebensgeschichte ihrer Ideale so gestalten, dass diese selbst als friedlich erscheinen, so erzĂ€hlen zu Gewalt aufrufende Menschen die Geschichte ihrer Helden so, dass sie Gewalt zu rechtfertigen scheinen. Auch die Kanonisierung antiker Texte zu âheiligen Schriftenâ vermag daran nichts zu Ă€ndern. Die Texte werden dann halt entsprechend anders interpretiert: So wird beispielsweise die Koranstelle ĂŒber den âKampf mit seinem Selbstâ (4,95) von den einen Muslimen als Aufruf zu Ă€usserer Gewalt interpretiert, wĂ€hrend andere Muslime dieselbe Stelle als Anlass zu MeditationsĂŒbungen nehmen. Und wĂ€hrend die einen Christen Jesus Worte ĂŒber das âerschlagen der Feindeâ (Lk 19,27) als Teil eines Gleichnisses sehen, das zu Selbstverantwortung ermahnen soll, so lesen andere Christen dies als Aufruf zum Töten UnglĂ€ubiger.Â
Wir sollten damit aufhören, anderen Geschichten in den Mund zu legen, die sie selber auf ganz andere Weise erzÀhlen. Und stattdessen damit beginnen, uns sowohl mit den Chancen als auch mit dem Gefahrenpotential unserer eigenen Mythen - egal ob aus heiligen Schriften oder aus der Presse - kritisch auseinanderzusetzen.
Fabian Perlini-Pfister, 24.3.2016
Quelle:
Art. âDer Generalvikar des Bistums Chur ĂŒber den religiösen Hintergrund der AnschlĂ€ge. NatĂŒrlich hat das auch mit dem Islam zu tunâ von Martin Grichting, Blick vom 24.3.2016, Seite 3.