âDu sollst dir kein Bildnis machenâ â Zu einer Notiz von Max Frisch
11. Mai 2018Â Dominik Kawa
Ob auf SpaziergĂ€ngen oder Reisen, im ZĂŒrcher CafĂ© de la Terrasse oder am Strand von Portofino â Max Frisch war selten ohne Notizbuch unterwegs. Sein Selbstbefund deutete auf âGraphomanieâ.
Bei aller Liebe zu seiner Hermes, Remington oder Olivetti befiel Max Frisch manchmal ein âfast unĂŒberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschineâ. Dagegen half nur eins: âVersuche mit Handschriftâ.[1] Wieweit die Versuche geglĂŒckt sind, lĂ€sst sich an den Notizheften ablesen, die sich im Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek erhalten haben. Neben bunten Ringheften und schwarzen Lederkladden lagern hier auch Spiral- und Reporterblöcke. Frischs treueste Begleiter waren jedoch die blauen âMilchbĂŒchleinâ. Nach einer Wanderung auf dem ZĂŒrcher Pfannenstiel hielt er im Winter 1947 fest: âDas sind eigentlich meine besten Stunden: wenn ich nach langer einsamer Wanderung in einer fremden Bauernstube sitze, einen Rotwein habe u. mein blaues Heftleinâ.[2]
Frisch notierte mal mit blauer, mal mit schwarzer Tinte. Gelegentlich griff er auch zum Bleistift oder genauer: zum âfixpencilâ, dem Bleistift des Architekten. Bereits die Titel, die er aufs Deckblatt setzte, eröffnen eine FĂŒlle an Assoziationen: âMax Frisch, dipl. arch. / Kritikâ â âEnglish: Wörter nach LektĂŒreâ â âPortofino IIâ â âSpanien. (1950)â â ââGespenstâ / Skizzenâ â âZeitstĂŒcke â erledigtâ â âGELD. / New Yorkâ â âĐаĐșŃ Đ€ŃĐžŃâ, ist da zu lesen. Zugverbindungen finden sich neben DramenentwĂŒrfen, architektonische Skizzen folgen auf LesefrĂŒchte, Reisezeichnungen auf Stimmungsbilder oder TagebucheintrĂ€ge.
Eines der folgenreichsten Hefte trĂ€gt die Nummer 77 und datiert auf den 16. Juni 1945. âĂber unser Leben mit den andernâ lautet der Titel des lĂ€ngsten Eintrags. Er beginnt mit einer Aufforderung: âDas Bild, das man sich von einem andern macht, â du sollst Dir kein Bildnis machenâ. An die Losung aus dem Alten Testament knĂŒpft eine Formel an, die zur damaligen Zeit ebenso gut von einem Pariser Existentialisten hĂ€tte stammen können: Der Mensch ist ânicht ein Festes, sondern ein FluĂ von Möglichkeitenâ.
Deckblatt und erste Seite von Max Frischs Notizheft H. 77 (Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek)
Max Frisch trug sich von Jugend auf mit dem Wunsch nach einer Bindung, welche nicht auf Kosten der Lebendigkeit geht. Den Appell aus dem Buch Exodus nahm er sich dafĂŒr als Leitbild. In seinen Werken griff er ihn abermals auf, wandelte ihn ab und schrieb ihn fort. Am ausfĂŒhrlichsten kam er im Tagebuch 1946-1949 darauf zurĂŒck, in einem Eintrag mit der Ăberschrift âDu sollst dir kein Bildnis machenâ:
âEs ist bemerkenswert, daĂ wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, daĂ sie uns in der Schwebe des Lebendigen hĂ€lt, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. [âŠ]
Unsere Meinung, daĂ wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe [âŠ].
Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.â[3]
Diese Einsicht strahlte weit aus ins Werk der Folgejahre. Dem Bildhauer Anatol Stiller redet seine Frau Julika ins Gewissen: âJedes Bildnis ist eine SĂŒnde. Es ist genau das Gegenteil von Liebeâ.[4] Was das Paar streitend unter sich ausmacht, hebt das TheaterstĂŒck Andorra ins Gesellschaftliche. Hier setzt das biblische Gebot ein Nachdenken ĂŒber das Anderssein in Gang: âAuch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihmâ, gesteht der Pater nach Andris Hinrichtung, âauch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht.â[5] Dass jedem Bildnis etwas Gewaltsames innewohnt, zeigt sich auch in der âMoritatâ Graf Ăderland. Nun ist es der Staatsanwalt, der ein SelbstportrĂ€t ins Feuer wirft: âich vertrage keine Bildnisse, Madame, Sie gestatten!â[6]
Vor einem PortrĂ€t des Malers Otto Dix (ETH-Bibliothek ZĂŒrich, Bildarchiv / Fotograf: Jack Metzger)
Die Frage nach dem Bild, das wir uns voneinander machen, durchzieht Frischs Werk. Wie manch andere nahm sie ihren Ausgangspunkt in einem Notizheft. Das macht die Notizen aufschlussreich fĂŒr die Entstehung der Werke. Gleichzeitig stehen sie je fĂŒr sich und sind weit mehr als blosse Vorstufen. Frisch selbst verstand sie als EinfĂ€lle âbevor man das Licht löschtâ.[7] Diesen privaten Charakter haben sie mit dem Eingang ins Archiv hinter sich gelassen. Nunmehr geben sie den Blick frei auf eine Autorenwerkstatt, in der das Schreiben noch nicht zum âBildnisâ erstarrt ist.
[1]Â Max Frisch: EntwĂŒrfe zu einem dritten Tagebuch, Berlin: Suhrkamp 2010, S. 16.
[2]Â Max Frisch: Notizheft H. 94, Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek.
[3]Â Max Frisch: Tagebuch 1946-1949, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1950, S. 31 f.
[4]Â Max Frisch: Stiller, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1954, S. 196.
[5]Â Max Frisch: Andorra, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1961, S. 64.
[6]Â Max Frisch: Graf Ăderland. Eine Moritat, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1963, S. 85.
[7]Â Max Frisch: Notizheft H. 54, Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek.
âDu sollst dir kein Bildnis machenâ â Zu einer Notiz von Max Frisch â ETHeritage