Orpheus und die Tiere, Hans Leu d. J., 1519. Bild: Kunstmuseum Basel
Arion und Orpheus in ZĂŒrich
Sie waren die berĂŒhmtesten Musiker der griechischen Antike: der Lyriker Arion und der mythische SĂ€nger Orpheus. Ihre Kunst soll die Tiere angezogen und den Sturm besĂ€nftigt haben. Bei den ZĂŒrcher KĂŒnstlern der Renaissance und des Barock erfreute sich die Darstellung der Zauberkraft ihrer Musik grosser Beliebtheit.
Ein 1562 mit der Feder gezeichneter Scheibenriss des jungen ZĂŒrcher Glasmalers Jost Ammann (1539â1591) zeigt die dramatischste Szene im Leben des SĂ€ngers Arion: Auf der RĂŒckfahrt von einer Tournee durch SĂŒditalien nach Griechenland beraubt ihn die Schiffsbesatzung seines vielen Geldes und wirft ihn mitsamt der «Harfe» ĂŒber Bord. Es sind krĂ€ftige MĂ€nner, die Hand anlegen. Auch und gerade der Musikstar Arion wirkt eher als Athlet denn als SĂ€nger. Das GedrĂ€nge auf dem in der stĂŒrmischen See hin- und hergeworfenen Schiff und die hohen Wellen lassen die Situation aussichtslos erscheinen. Aber im Bildvordergrund rechts taucht auch schon der rettende Delfin auf. Angelockt vom Abschiedslied, das Arion in vollem SĂ€ngerornat vor dem scheinbar sicheren Tod noch singen durfte. Auch die Matrosen wollten den neusten Hit noch hören. Das wurde ihnen zum VerhĂ€ngnis. Periander, der Tyrann von Korinth, liess sie ans Kreuz schlagen, nachdem die Geschichte aufgeflogen war. Die glĂŒckliche Wende fĂŒr Arion, den die antike Ăberlieferung mit dem Beginn des tragischen BĂŒhnenspiels der Griechen in Verbindung bringt, ist im Bildhintergrund dargestellt: Zwischen dem Schiff und dem Festland reitet der gerettete SĂ€nger auf dem RĂŒcken des Delfins davon. Der Sturm hat sich gelegt.
Arion wird von der Besatzung eines Segelschiffs ins Meer geworfen. Federzeichnung von Jost Ammann, 1562. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
Ăber dem Hauptbild links ist die Einschiffung Arions in SĂŒditalien dargestellt, oben rechts geht er beim Poseidontempel am Kap Tainaron auf der Peloponnes an Land. Jost Ammann wusste Bescheid: Sein Vater Johann Jakob Ammann (1500â1573) war Lateinprofessor am Carolinum, der damaligen Hohen Schule ZĂŒrichs. Die Humanisten der Stadt, auch Huldrych Zwingli, gingen in seinem Haus ein und aus. Kannte der hochtalentierte und gebildete Zeichner Jost Ammann auch bildliche Vorlagen? Zweifellos. Aber den Weg des Motivs nach ZĂŒrich kennen wir nicht. Nur mögliche Wegmarken: Andrea Mantegnas zwischen 1465 und 1475 entstandene Fresken im Herzogspalast von Mantua, Albrecht DĂŒrers Pinsel- und Tuschzeichnung von 1514 im sogenannten Ambraser Kunstbuch, die ihrerseits auf eine Darstellung in Hartmann Schedels Weltchronik nach einer Vorlage von Cyriacus von Ancona zurĂŒckgeht, und schliesslich â und zeitnah â die Druckermarken des Basler Humanisten und Buchdruckers Johannes Oporinus (1507â1568), der den ersten Koran und den ersten modernen anatomischen Atlas druckte.
Arion und der Delfin im ZĂŒrcher Seebecken. Johannes Meyer, 1685. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
Die sorgfĂ€ltig ausgefĂŒhrte Federzeichnung von Jost Ammann bildet den ikonografischen Auftakt zu einer ganzen Reihe von Darstellungen von Arion auf dem Delfin im ZĂŒrichsee. Am bekanntesten ist das von Johannes Meyer radierte, erste Neujahrsblatt der Gesellschaft ab dem Musiksaal (1685). Arion und der Delfin erscheinen im unteren Seebecken vor dem Panorama der Stadt. Die ZĂŒrcher NeujahrsblĂ€tter waren ursprĂŒnglich Einblattdrucke, welche die Gesellschaften der Stadt jeweils am BĂ€chtelistag, also am 2. Januar, den Kindern der Gesellschafter zur Erbauung und Belehrung ĂŒberreichten. «Einer Kunst- und Tugend liebenden Jugend in ZĂŒrich / ab dem Music-Sal daselbst, am Neuen-Jahrstag des 1685. Jahres verehrt», steht auf dem ersten «NeujahrsstĂŒck» der Musikgesellschaft. Mediengeschichtlich betrachtet handelt es sich bei den ab 1645 gedruckten NeujahrsblĂ€ttern um die ersten periodisch erscheinenden, bebilderten Kinder- und Jugendschriften der Schweiz.
In ZĂŒrich nicht minder beliebt war das Motiv des mythischen SĂ€ngers Orpheus, der mit seinem Gesang und Saitenspiel nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen und Steine bewegte. BerĂŒhmt ist das von Hans Leu d. J. 1519 auf Leinwand gemalte Bild Orpheus und die Tiere, das sich durch detailgetreue Naturbeobachtung und eine zauberhafte, fast schon romantisch anmutende Landschaftsdarstellung auszeichnet. Es gehört zu den schönsten kĂŒnstlerischen Darstellungen des Themas ĂŒberhaupt und ist eines der wenigen Bilder des Malers, welche die Reformation ĂŒberdauert haben.
Orpheus auf der Allianzscheibe von Jos und Barbara Murrer-Schön, um 1580. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
Auch der vielseitige KĂŒnstler und Dramatiker Christoph Murer (1558â1614) greift das Thema im Kreissegment einer fĂŒr seine Eltern Jos Murer und Barbara Schön geschaffenen Allianzscheibe auf. Orpheus war damals das Sinnbild der poetischen Inspiration schlechthin. Der prominente Platz auf der reprĂ€sentativen Allianzscheibe unterstreicht seine zentrale Bedeutung fĂŒr die wichtigste ZĂŒrcher KĂŒnstlerdynastie ihrer Zeit.
Neujahrsblatt der Gesellschaft ab dem Musiksaal mit Orpheus und den Tieren, ZĂŒrich 1698. Die «NeujahrsstĂŒcke» bestanden aus einem Kupferstich mit einem belehrenden oder moralischen Text und, im Fall der Gesellschaft ab dem Musiksaal, der Vertonung eines geistlichen Gedichts. Bilder: Schweizerisches Nationalmuseum
Ăbrigens: Die fĂŒnfbĂ€ndige, in der Offizin Froschauer gedruckte Tierkunde des ZĂŒrcher Universalgelehrten und Renaissancegenies Conrad Gessner mit den nach der Natur gezeichneten Tierbildern erschien zeitlich ziemlich genau zwischen dem GemĂ€lde von Hans Leu d. J. und dem Scheibenriss von Jost Ammann sowie der Allianzscheibe von Christoph Murer. Sie gilt als Auftakt der modernen Zoologie. Das ist kein Zufall. Das Tier war in der Forschung und Kunst ZĂŒrichs im 16. Jahrhundert ein auffallend wichtiges Thema.
Arion und Orpheus in ZĂŒrich - Blog des Schweizerischen Nationalmuseums