Ode to a class struggle network
Auf die Gefahr hin, fĂźr meinen Beitrag eine Netzgemeinschaft zu wählen, welche â die Angst jedes nicht-Hipster-igen-aber-ironisch-doch-etwas-Hipster-igen Medienstudenten â als zu âmainstreamâ (*gasp*) gilt, werde ich mich heute mit meiner aktivsten WhatsApp-Gruppe befassen. Ich bin mittlerweile Mitglied einer derartigen Vielfalt von lebendigen, halb-toten und fossilisierten Gruppenchats, dass jedes Runterscrollen meines WhatsApps aufs Neue eine Reise in eine Vergangenheit bildet, welche ich selbst zu oft kaum wiedererkenne. Geburtstagsparty-Chats, Referatsgruppen, Wir-sehen-uns-nie-wann-sehen-wir-uns-mal-wieder-Gruppen, Kleidertausch-Gruppen, sogar leere Gruppen, die aus unerfindlichen GrĂźnden fast alle Mitglieder verloren haben. Eine fĂźr viele meiner Uni-Freunde Ăźberraschende Gruppe, welche sich auf meinem iPhone regelmässig zu Worte meldet, ist der Chat meiner Gymnasialklasse. Bereits zu Schulzeiten um einiges (!) aktiver als derjenige anderer Klassen, hat der Chat seit dem offiziellen Ende unserer Klasse (was fĂźr uns alle glĂźcklicherweise das Erreichen der Maturität bedeutete, phew) ein Eigenleben angenommen, da viele von uns auch offline zumindest mit gewissen Klassenkollegen regelmässigen Kontakt pflegen. So feiert der Chat glĂźckliche 4 Jahre seit seiner Entstehung. Und, egal wie weit wir reisen, alle kehren zumindest fĂźr kurze Zeitabschnitte in unsere Stadt zurĂźck, sodass wir uns nicht auf Nimmerwiedersehen verabschieden mĂźssen.
Da es mit der jetzigen geographischen und mentalen Verteilung meiner Klasse mehrere Tage dauern wĂźrde, von jedem Einzelnen ein Einverständnis fĂźr diese medienwissenschaftliche Sezierung einzuholen, geschieht die Schilderung der Gemeinschaftsmitglieder mĂśglichst generell und natĂźrlich anonym. Wir zählten in der Klasse 19 SchĂźler, die heutige Mitgliedschaft hat sich aufgrund dem Verlassen dreier Personen auf 16 reduziert. Nebst einer kurzzeitig aktiven Facebook-Gruppe hat sich unsere Gemeinschaft auf diese Plattform beschränkt. Kaum eine andere Kommunikations-App kĂśnnte die variierten Mitteilungsformen meiner Klasse unterstĂźtzen. Eine Gruppenprominenz von etwa fĂźnf Individuen hat eine deutlich aktivere Präsenz als andere Mitglieder â dies hatte der Kollege mit Matheaffinität einmal sogar dank WhatsApp-Statistiken im Chat dargelegt. Doch selbst schlummernde, fĂźr lange Zeitabschnitte schweigende Gruppen-Lurker melden sich nach AWOL-Perioden wieder zu Wort, sodass dennoch eine homogene Gemeinschaft florieren kann. Charakterisierungen anhand traditioneller Stereotypen funktionieren in einer widerwillig selbsterklärten âStreber-Klasseâ nicht gross, da selbst unser Schulrektor am ersten Schultag erklärte: âStreber ist hier kein Schimpfwort â sondern ein Lernziel!â
In einem Mischmasch von G-english (mein Morph-Wort fĂźr die eigenartig bilinguale Deutsch-Englisch-Sprachkombination, die man so pflegt) unterhält sich meine ehemalige Klasse seit Jahren Ăźber Marx und die Welt. Nebst den obligatorischen Online-Zeitungsartikeln zu politischen Themen, die von unserem Klassen-Kommunisten-nun-jedoch-Militärleutnanten wie (nicht unerwĂźnschte) Push-Notifications geteilt werden, historisch geprägten Memes, Party-Annoncen, Uni-Tageshighlights sowie -Hilferufen, finden sich auch KĂśpfe fĂźr stundenlange Debatten, während denen glĂźcklicherweise die Mute-Funktion WhatsApps zu Hilfe kommt. Falls die Eigenarten meiner Klasse noch nicht genug hervorgestochen sein sollten, wird der langjährige Gruppennamen wohl den letzten Eindruck hinterlassen: durch unseren Geschichtsunterricht, der sich auf die Weltkriege, Friedensversuche des 20. Jahrhunderts und autoritäre Staatsoberhäupter fokussierte, entdeckte die Klasse ihren Enthusiasmus fĂźr PropagandasprĂźche und -initiativen. Weiter motiviert durch unseren geselligen Klassen-Kommunisten, konnten wir den Tag kaum erwarten, als wir Stalins Ăśkonomischen 5-Jahres-Plan ehren konnten â 2+2 = 5A, der Klassenchat mit dem ultimativen Namen, wĂźrde unser Maturjahr massgeblich prägen, erschweren, aber hie und da mit kollegialen ĂbungsprĂźfungen und Themen-Zusammenfassungen auch erleichtern.


















