Dies ist der dritte Teil meines Berichts ĂŒber meine sommerliche Schlesien-Reise. Heute geht es von Hirschberg nach Liegnitz, einer schlesischen Stadt, die die meisten Touristen links liegen lassen und die dennoch einen Besuch lohnt.
Wer meinen Reisebericht chronologisch lesen möchte, findet hier Teil 1 und Teil 2.
Von Hirschberg (Jelenia Gora) ging es ĂŒber die Gemeinde Königszelt (Jaworzyna Sl.) nach Liegnitz.
Das Ticket kostete 23.60 Zlothy, was umgerechnet ca. 5,50 ⏠ist.
Der Bahnhof  wurde im Jahre 1927 pĂŒnktlich zur Gartenbauausstellung (GUGALI) in Betrieb genommen; die offizielle Einweihung erfolgte jedoch erst 1929. Der Bahnhof  ist im expressionistischen Stil gehalten und wirkt, besonders in der Eingangshallte, so, als ob die Zeit stehengeblieben wĂ€re.
Beate Störtkuhl schreibt dazu:
Im Innern bestimmen tĂŒrkisfarbene und schwarzgrĂŒne Keramikkacheln und kristalline Ornamente das Bild; dabei zeigt sich besonders deutlich der flieĂende Ăbergang zwischen gotisierendem Expressionismus und Art DĂ©co. (Störtkuhl, B. : Liegnitz- Die andere Moderne. Architektur der 1920er Jahre. MĂŒnchen 2007, S. 36)
Da ich mein Hotelzimmer erst ab 14 Uhr zur VerfĂŒgung hatte, stellte ich dort mein GepĂ€ck unter und kaufte mir bei der Touristinformation erst einmal einen kleinen ReisefĂŒhrer. AuĂerdem informierte ich mich darĂŒber, ob es ohne Auto möglich sein wĂŒrde, den Geburtsort meines Vaters â Seifersdorf (pol. Lukaszow)- aufzusuchen. Prinzipiell ja, aber der Bus fĂ€hrt so selten, dass ich insgesamt nur einen Aufenthalt von 45 Minuten dort gehabt hĂ€tte. AuĂerdem mĂŒsste ich den Bus von Goldberg (Zlotoryja) aus nehmen und dafĂŒr auch erst einmal dorthin anreisen. All das kam mir stress- und fehlerlastig vor, zumal ich in Polen nach wie vor die VerstĂ€ndigung schwer finde. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass es sich eben um eine slawische Sprache handelt und ich hier auf keinerlei Referenzen zurĂŒckgreifen kann, wie beispielsweise bei romanischen oder germanischen Sprachen.
Ich entschloss mich also, obwohl die Mitarbeiterin mir freundlich die einzig mögliche Verbindung heraussuchte, beide Tage lieber in Liegnitz zu verbringen.
Als erstes fallen in der Stadt die  vielen Kirchen auf und dass leider die Altstadtbebauung teilweise durch gesichtslose Neubauten ersetzt sind. Erschreckend ist, dass dies nicht auf Kriegszerstörungen zurĂŒckzufĂŒhren ist, sondern dass ein GroĂteil der alten HĂ€user Brandschatzungen durch die sowjetische Armee zum Opfer fielen. Andere wurden aus stĂ€dtebaulichen Ăberlegungen in den 60er Jahren abgerissen.
Nun ja: Â Solche BausĂŒnden wurden auch in meiner Heimatstadt Hannover (Stichwort: autogerechte Stadt), begangen.
Immerhin erinnern einige der Neubauten in der Innenstadt mit ihren angedeuteten Giebeln entfernt an RenaissancehÀuser
Das Hotel Gwarna ist ein Vier-Sterne-Haus und bietet ein ĂŒberaus luxuriöses Zimmer, das mir auch einen tollen Blick ĂŒber die DĂ€cher von Liegnitz ermöglicht. Am Abend genoss ich den Spa Bereich mit Swimmingpool und Sauna und fiel sehr entspannt in das gerĂ€umige Hotelbett.Das ist der Blick aus dem Hotelzimmer auf die DĂ€cher von Liegnitz:
Die KirchtĂŒrme auf der rechten Seite gehören zur Kathedrale St. Petri und Paul, diejenigen links im Bild zur Kirche St. Johannes des TĂ€ufers. Sie liegt gleich neben der Ritterakademie, die 1708 vom Habsburger Kaiser Joseph I. gestiftet wurde und wo junge Adelige ab dem 16. Lebensjahr innerhalb von drei Jahren in Jura, Mathematik, Geschichte, Rhetorik, Italienisch, Französisch sowie Geschicklichkeitstraining, Reiten, Fechten und SchieĂen ausgebildet wurden.
Rechts im Bild  ist, zwischen all den moderne GebÀuden, die im Stil des Barocks gehaltene Ritterakademie zu sehen.
 Vor der St. Petri und Paul Kathedrale befindet sich ein Denkmal fĂŒr die sowjetische Freundschaft, was ich angesichts der Geschichte, fĂŒr seltsam deplatziert halte. SchrĂ€g hinter dem Denkmal befindet sich ein Kaufhaus von 1884, was, genauso wie die Kirche, in Backstein-Optik gehalten ist.
Das hier sind zwei Detailfotografien der Kathedrale:
Dies ist eines der schönsten Renaissance-HÀuser von Liegniz: Zum Wachtelhaus
Es ist aufwÀndig mit Sgraffito-Dekorationen, die in der Altstadt aber auch noch an anderen HÀusern zu bewundern sind, verziert.
Das sind die sogenannten Heringsbuden, in denen frĂŒher mit Heringen gehandelt wurde. Zwei der HĂ€user zeigen die Sgraffito-Dekorationen der Renaissance.
 Eine Meerjungfrau gibt es in Liegnitz auch, was mich besonders freut, schlieĂlich ist mein Blog nach einer Meerjungfrau benannt.
Trotz all dieser vielfĂ€ltigen StadteindrĂŒcke fand ich es am ersten Tag schwierig  einen Zugang zur Seele des Ortes, zum sogenannten locus amoenus. zu finden.
Der zweite Aufenthaltstag: Tiefe Wunden und die Entdeckung der Seele des Ortes!
Der zweite Aufenthaltstag begann mit einem HotelfrĂŒhstĂŒck,  das sich leider, aufgrund hyperaktiven Personals, das bestĂ€ndig hektisch Teller hin- und her schepperte,  wenig mĂŒĂig gestaltete. Danach  machte ich mich auf den Dornbusch mit seinen BĂŒrgerhĂ€usern zu erkunden. Auf der einen Seite machte es mir sehr viel Freude, den Charme der maroden HĂ€user fotografisch einzufangen, auf der anderen Seite deprimierte mich der Grad ihrer Verwahrlosung auch. Den Eindruck, den ich in Hirschberg gewonnen hatte, dass nĂ€mlich eine tiefe Wunde in Schlesien spĂŒrbar ist, verstĂ€rkte sich in Liegnitz noch.
Hier war sie dennoch  endlich fassbar: Die Seele des Ortes!
Die hatte es ja auch schwer, schlieĂlich war die historisch gewachsene Bevölkerung nach 1945 fast vollstĂ€ndig ausgetauscht worden und die neuen BĂŒrger hatten wohl keinen Bezug zu der alten  Bausubstanz gefunden, was, neben der sozialistischen Mangelwirtschaft, den Verfall der HĂ€user erklĂ€ren könnte. Erschwerend kam in Liegnitz dazu, dass aufgrund des Status der Stadt als sowjetische Garnisionsstadt, ein ganzes Stadtviertel fĂŒr die Bevölkerung nicht zugĂ€nglich war. Dazu aber spĂ€ter!
  âDer schönste Garten Ostdeutschlandsâ
Irgendwann  war mir dies  alles zu deprimierend, sodass es sich gut traf, dass ich plötzlich am hinteren Ende des Stadtparks stand, der einst als âder schönste Garten Ostdeutschlandsâ gegolten haben soll. Das ist lange her und die einstige Pracht lĂ€sst sich nur noch mit sehr viel Phantasie erahnen.
Ich vermute, dass  die Bassins mit den Wasser des Katzbaches, eines Nebenflusses der Oder, gefĂŒllt werden. Die trĂŒbe BrĂŒhe lĂ€sst gewaltige Umweltprobleme erahnen und stört die Ăsthetik der Anlage gewaltig!
Dies ist der Uferweg, der am FlĂŒsschen (rechts) entlangfĂŒhrt und der den Landschaftspark abschlieĂt.
Einst hatte der Park  unter gĂ€rtnerischer Verantwortung des Landschaftsarchitekten Eduard Petzold gestanden (ab 1860). Dieser war HofgĂ€rtner beim FĂŒrsten Hermann von PĂŒckler-Muskau gewesen, dessen GĂ€rten ich ja schon unlĂ€ngst in Branitz und Muskau besucht hatte. SpĂ€ter fand hier die Gartenausstellung statt.
Die zentrale Allee ist beeindruckend, obwohl die BĂ€umchen, aufgrund eines Sturmschadens, noch jung sind.
Das ehemalige SchieĂhaus, das 1928 zum Konzerthaus und zentralen Ort des Parks umbebaut wurde, ist (wie sollte es anders sein!) in einem beklagenswerten Zustand. Immerhin gibt es im Park Beschilderungen mit deutscher und englischer Ăbersetzung, was ja, wie ich bei meiner Schlesien-Reise wiederholt erleben durfte, meist nicht der Fall ist.
 Selbst die Wege sind zum Teil im katastrophalen Zustand und Fundamente finden sich, die nichts mehr tragen und wie âhingeworfenâ wirken.
Innerhalb der Gartens befinden sich Sportanlagen, die, wenn ich dann zum Beispiel an die TennisplĂ€tze denke, sich nicht unbedingt harmonisch in die gĂ€rtnerische Anlage einfĂŒgen.
Das Stadion wird gerade umgebaut, sodass ich die sich dort im Eingangsbereich befindendliche  Gedenkhalle fĂŒr die Gefallenen des Ersten Weltkriegs aus nationalsozialistischer Zeit (1939), nur von der RĂŒckseite und stark eingeschrĂ€nkt sehen konnte. FrĂŒher hat hier eine âewige Flammeâ gebrannt.
 Planlos, wie ich durch die Stadt geschlendert war, hatte ich den Park von der RĂŒckseite her kennengelernt und nĂ€herte mich erst jetzt den eigentlichen Eingangsbereich.
Was das hier sein sollte erschloss sich mir nicht. Schön jedenfalls ist es nicht
 Jedoch gibt es durchaus immer noch  hĂŒbsche Perspektiven in der Gartenlandschaft, die verstehen lassen, warum Liegnitz einst als âGartenstadtâ galt.
 Bei den alten GewÀchshÀusern gibt es einen Kleintierzoo, einen Kiosk und immerhin noch ein GewÀchshaus, was besichtigt werden kann.
Auf diesem GelĂ€nde hĂ€ngen auch Bilder aus der Zeit, in der der Park noch in seiner BlĂŒte gestanden hat, aus.Â
Der Kleintierzoo ist bei Familien mit Kindern beliebt.
Am Parkeingang  befindet sich der hĂŒbsche Ziegenteich, wo auch das Wasser plötzlich klarer, als in den Wasserbecken des hinteren Parkteils zu sein scheint.
In der unmittelbaren NĂ€he des Ziegenteiches befindet sich das Denkmal mit dem schlafenden Löwen, der die schlummernde Kraft der preuĂischen Armee versinnbildlichen soll. Das Denkmal ehrt die im deutsch-französischen Krieg gefallenen Liegnitzer.
SpĂ€ter besuche ich noch das Kupfermuseum, wo u.a. eine Ausstellung mit GemĂ€lden zu Walter Bayer (1883 â 1946), einen KĂŒnstler und PĂ€dagogen, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte, stattfand.  Das hier abgebildete Bild âMĂ€rchenzugâ von 1944 hat mich in seinem Bann gezogen. Leider ist das Foto nicht wirklich scharf, hoffe aber, dass es euch trotzdem erfreut. Ăberhaupt scheint Walter Bayer viele MĂ€rchenillustrationen gemacht zu haben, doch die Informationen im Internet sind leider rar. Immerhin fanden sich  hier  einige Hintergrundinformationen.  Einen Ausstellungskatalog gab es leider auch nicht.
Kupfer gibt es im Kupfermuseum natĂŒrlich auch zu sehen!
Zum Museum gehört ein Lapidarium, was zum Abschluss dieses ereignisreichen Tages dann fĂŒr mich auch noch einmal die Möglichkeit bot, spannende Fotos zu schieĂen.
 Ăber Liegnitz gibt es noch einiges mehr zu berichten. Im nĂ€chsten Teil nehme ich euch  u.a. mit in das âQuadratâ, also den Stadtteil, der fĂŒr die Liegnitzer nach Ende des zweiten Weltkrieges  abgesperrt war.  Fortsetzung folgt!
Literaturempfehlung fĂŒr Architekturinteressierte (affiliate Link):
In RĂŒbezahls Reich. 3. Teil Dies ist der dritte Teil meines Berichts ĂŒber meine sommerliche Schlesien-Reise. Heute geht es von Hirschberg nach Liegnitz, einer schlesischen Stadt, die die meisten Touristen links liegen lassen und die dennoch einen Besuch lohnt.