"Er likte die AfD - und von da an ging alles wie von selbst. Sofort schlugen Facebooks-Algorithmen weitere Seiten vor, die Tim gefallen könnten. [..] Ich wollte keinen politischen Extremisten erschaffen, sondern einen möglichst realistischen Eindruck bekommen, wie Facebook fĂŒr Menschen aussieht, mit denen ich auĂerhalb sozialer Medien kaum ins GesprĂ€ch komme. [..] like ein paar der Kommentare und teile einige Links zu rechtskonservativen Blogs und Medien wie Tichys Einblick, Achse des Guten oder Junge Freiheit. Bereits nach wenigen Tagen wollen sich fremde Menschen mit mir befreunden - keine Bots oder Fake-Profile, sondern augenscheinlich echte Nutzer. [..] Fast alle BeitrĂ€ge in meiner Timeline lassen sich auf drei Narrative reduzieren: Die Politiker fĂŒhren uns hinters Licht, die Medien belĂŒgen uns, die FlĂŒchtlinge nehmen uns zuerst die ArbeitsplĂ€tze und dann das ganze Land weg. Jedes politische Ereignis wird so umgedeutet, dass es in eine dieser Kategorien passt. Die Ausschreitungen beim G20-Gipfel? Bewusst von der "Systempresse" angestachelt und verharmlost. Die Ehe fĂŒr alle? Homosexuelle und Muslime haben sich verbĂŒndet, um Deutschland endgĂŒltig zu ruinieren. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz? Der Versuch von Heiko Maas, Kritiker mundtot zu machen und abweichenden Meinungen zu zensieren. [..] WĂ€hrend Merkel, ErdoÄan und die EU als gemeinsame Feindbilder dienen, gelten Trump und Putin als vorbildliche Staatenlenker. Insbesondere Trumps Versuch, Menschen aus ĂŒberwiegend muslimischen LĂ€ndern die Einreise zu verweigern, stöĂt auf groĂe Zustimmung. [..] Beim Umweltschutz ist Tims Facebook-Blase etwas inkonsequent: Die Angst vor genverĂ€nderten Lebensmitteln ist groĂ, der Klimawandel gilt dagegen gemeinhin als Erfindung von Medien und Politikern. [..] Die meisten Nutzer scheinen nur die Ăberschriften zu lesen. Kaum jemand bezieht sich auf Inhalte im Text, niemand prĂŒft die Faktengrundlage der Nachrichten oder interessiert sich fĂŒr Originalquellen. Weitere wichtige Medien sind etwa das Compact Magazin, RT Deutsch, Sputnik, die Junge Freiheit, Epoch Times, Jouwatch, KenFM, Politically Incorrect und das Portal Unzensuriert.at. Viele dieser Seiten nehmen reale Ereignisse als Anlass, um Stimmung gegen die verhasste "Troika" (Politiker, Medien, FlĂŒchtlinge) zu machen. Wer den Meldungen hinterherrecherchiert, wird schnell skeptisch - fĂŒr Zweifel oder gar Widerspruch ist in Tims Echokammer kein Platz. [..] "Zur Deeskalation: Hamburger Polizei fĂ€hrt Atomrakete auf". Das klingt nicht nur wie eine Schlagzeile des Postillon, das ist auch eine. Trotzdem haben am vergangenen Wochenende Dutzende von Tims Freunden die Meldung ernst genommen und geteilt. Selbst auf Seiten wie "Wir fĂŒr Deutschland" und "Freie Medien", die den Link als Satire kennzeichnen, finden sich etliche Kommentare wie "Schmeisst die politiker ins gefĂ€ngniss und wir haben Weltfrieden", "Wo sind unsere Soldaten Panzer los und schieĂen Feuer frei auf das pack" oder "Merkel und ihre Brut is wie Honecker. Die wĂŒrde auch alles niederschiessen lassen um an der Macht zu bleiben. Honecker hat man davon gejegt....Jetzt ist das Volk gefragt. ...". Vorsichtig versuche ich, Tims Facebook-Bekanntschaften darauf hinzuweisen, dass sie eine Satire-Seite ernstnehmen. Sie ignorieren die Kommentare. [..] Wenn FlĂŒchtlinge im Mittelmeer ertrinken, antworten viele mit Schadenfreude. Wenn FlĂŒchtlinge Straftaten begehen, drĂŒcken sie ihre Wut mit einem Klick auf das zornesrote Gesicht aus. Das sind Extrembeispiele, die aber gut verdeutlichen, nach welchen Mustern die Reaktionen meist ablaufen. [..] Tims Freunde unterstreichen ihre Meinung gerne mit vielen Ausrufezeichen. Lange Antworten sind selten, meist hinterlassen sie kurze Kommentare, die sich nur selten aufeinander beziehen ("Gut so!", "Skandal!"). Wenn ĂŒberhaupt, bestĂ€tigen sich die Kommentatoren und schaukeln sich gegenseitig hoch, bis aus einem "Einsperren oder Abschieben!" die Forderung nach WiedereinfĂŒhrung der Todesstrafe wird. [..] sie tauchen nicht nur fĂŒr wenige Stunden in eine fremde Filterblase ein, ihr Nachrichtenstrom sieht immer so aus. Wer Facebook als reprĂ€sentativen Ausschnitt der RealitĂ€t betrachtet, bekommt fast zwangslĂ€ufig Angst vor dieser Welt, in der es angeblich vor kriminellen Migranten, korrupten Politikern und lĂŒgenden Journalisten wimmelt. Diese Facebook-Welt ist eine Dystopie.â