In Zukunft werden alle Bilder rhetorisch sein
Neues von der Polloiforschung!
In Zukunft werden alle Bilder rhetorisch sein, denn das waren sie bisher auch, zumindest in der Perspektive der Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken. Rhetorisch sind die Bilder, die zwar nicht in echt, dafĂŒr aber auf artifizielle, kĂŒnstliche oder technische Weise Bilder sind. Diese Bilder kursieren rekursiv und mimetisch. Solche Bilder kursieren auch ökonomisch, ökologisch oder echographisch.
Wenn das digitale, kĂŒnstlich generierte Bild einem latenten Raum (so die These von Antonio Somaini) aufsitzt, dann sitzt das rhetorische Bild Bildregeln auf, es sitzt Formen auf, durch die Regen geht. Das rhetorische Bild sitzt Generationen von Bildern auf, von mir aus kann man sagen, dass es einer Generation von Bildern aufsitzt, nĂ€mlich dem Bereich, der das Bild auch ohne jene Intelligenz generiert, deren KĂŒnstlichkeit durch fleissiges Marketing markiert wird.
Kein Bild, das keine Wiederholung eines Bildes ist. Kein Bild, das nicht technisch, artifiziell und kĂŒnstlich generiert ist. Das gilt auch fĂŒr die Bilder, die Gilbert Simondon in seiner Vorlesung zu Imagination und Invention in den Blick nimmt (schon im Titel der Vorlesung taucht ein SchlĂŒsselbegriff der Rhetorik, nĂ€mlich der Begriff Invention auf).
Simondon nennt den Gegenstand seiner Vorlesung l'image mentale. Das wird auf deutsch teilweise mit 'das mentale Bild' ĂŒbersetzt. Emmanuel Alloa wĂ€hlt die Ăbersetzung 'das geistige Bild'. Simondon markiert mit seinem Begriff eine Unterscheidung, er qualifiziert das Bild aber nicht als etwas, was reiner Geist oder reine MentalitĂ€t, reine Idee wĂ€re. Dieses Bild nistet in Körpern und Formen. L'image mentale ist ein Bild, das auch Form und Körper hat und durch das Ăbertragung stattfindet. Dieses Bild ist insoweit ein Trajekt, ein TrĂ€ger, ein Trakt, eine Trasse, eine Gasse, eine Kasse, eine Bar, ein Riegel, ein Regen, ein Raster, ein Kassiber eventuell?
Dieses Bild regt etwas an, etwas auf oder etwas ab. Es bewegt etwas, auch sich bewegt es. Dieses Bild geistert, es geht von hier nach da und von da nach hier. Dieses Bild kann begeistern, kann erschrecken und dĂ€monisch anstiften, musisch bis engelhaft reizen. Dieses Bild ist ein dynamisches Bild, ein Bild der Dynamik. Dieses Bild ist ein 'animalisches' oder 'animaisches', ein beseeltes Bild, eventuell eine Instanz oder eine Stanze? Das geistige Bild, ich ĂŒbernehme Alloas Ăbersetzung hat auch Körper und Form. Was dieses Haben ist, wie man dieses Nisten, Hausen, Aufsitzen oder auch Beziehen verstehen soll, darauf wird in der LektĂŒre zu achten sein.
Damit wÀre zu rechnen, wenn man Gilbert Simondons Text zu Imagination und Invention liest und auf den Begriff l'image mentale stösst. Ohne Körper kommt l'image mentale nicht vor, sei dieser Körper aus organischer oder anorganischer Chemie zusammengetzt, sei er Fleisch oder Schaltkreis. Ohne StÀtte und Sichtung findet die Unterscheidung nicht statt, auch nicht die des Bildes. Ohne Operationsfeld keine Operation. Dieses Bild, l'image mental, könnte also ein Bild der Psyche sein, wenn Psyche der Name einer Faltung aus Körpern und Geistern ist.