Kontrolle. Schlaf.
Kräftige Schläge gegen die Magenwände. Diese Schmerzen. Diese furchtbaren Bauchschmerzen. Etwas wuchs in ihr. Es wurde größer, wollte Platz, den es nicht gab und wollte vor allem eines: hinaus.
Was? Ernsthaft? Eine Schwangerschaftsphantasie? Nein, doch nicht. Da war noch dieses Schuldgefühl, das die ganze Situation überlagerte. Und sie kannte das etwas in ihrem Bauch bereits...
Achja. Doch im Moment der Erkenntnis...
...Szenenwechsel: Immer größer wurde der rote Fleck im Sand unter ihnen. Sandkorn für Sandkorn sog die Welt die wertvolle Flüssigkeit in sich auf. Der Alte röchelte schwer, bemühte sich aber um ein Grinsen, eine grässlich freundliche Grimasse. Sie konnte noch nicht los lassen. Sie durfte auch nicht. Auch wenn die Wirkung jetzt erreicht war. Ihre Hand war verkrampft. Als wollte Sie das harte Messer zerquetschen. Kapitän Gollat war ein guter Mensch... gewesen. Oder noch war er. Und anscheinend wollte er doch bleiben, denn im Ringen um die Beherrschung bäumte er sich plötzlich auf und mit einem gestöhnten: „Du hättest... mich... besser... fesseln müssen...“ ging er ihr an die Gurgel. Sie konnte nichts tun. Die Finger des Mannes, den sie gerade umbrachte drückten ihr in die Halsschlagader, versuchten sie am Hals von ihm wegzudrücken. Der allerletzte Lebenswille eines Kämpfers wurde ihr gerade gefährlich.
Aber überwältigt von dem Bewusstsein, dass der einvernehmlich Plan, dass sie allein überleben sollte doch noch einen Gegenspieler hatte, nämlich den, dass der Mann gar nicht fähig war, wirklich sterben zu wollen, tat sie einfach nichts. Er tat auch nicht wirklich viel. Er hätte ihr problemlos den Kehlkopf eindrücken können aber er schnürte ihr nur die Luft ab, gab ihr das Gefühl, dass Leben und Zeit schneller vorbei gingen. Der schwere Alte lag jetzt auf ihr. Mit jedem Versuch eines Atemzuges sog sie seinen Schweißgeruch ein. Luft. Saugen. Fester! Als es in Ihrem Kopf richtig eng wurde, war nur noch Platz für das Wichtigste: Leben. Tod.
Sie drehte das Messer im Brustkorb ihren Freundes um, zog es heraus und stieß ihn von sich.
Schwall.
Blut.
In ihrem Kopf und auf ihren Körper. Zwei kräftige Pulsschläge brauchte sie, um wieder voll da zu sein.
Adrenalin.
Leben.
Länger leben.
Hieß: schnell den vorbereiteten Plastikbeutel greifen und an die Wunde des Sterbenden halten. Denn jetzt war der Strom kaum noch aufzuhalten. Und während sie egoistisch dem jetzt endgültig sterbenden den Lebenssaft abfing, entspannte sich der endlich. Nun gelang ihm das verschmitzte Grinsen, das er während ihrer gemeinsamen Zeit immer wieder gezeigt hatte. Ruhig, mit letzter Anstrengung sah er sie an. „Hast du... gut... gemacht... mach weiter... für mich...“ Und weil er Kapitän Gollat war, musste er noch hinzuhauchen: „Und falls du doch noch willst, es gibt immer noch rigor mortis.“ Seit dem Tag, als sie sich kannten hatte der Alte halb ernst versucht, sie ins Bett zu bekommen. „Gute Nacht.“ Das waren seine letzten Worte am Vormittag. „Gute Nacht.“ und ein tränenfeuchtes Schmunzeln ihm zuliebe waren ihre Antwort. Das war das Ende ihrer Freundschaft. Und dafür, dass es auch sein Tod war, war es ein gutes Ende, wie sie fand. Denn in ihrem Beutel hatte Sie jetzt eine Menge Flüssigkeit, die sie zumindest ein bisschen länger am Leben halten würde. Und trotzdem hatte sie gerade einen Menschen umgebracht, einen der besten Menschen, den sie kannte. Denn er hatte sich für sie geopfert, hatte ihr erklärt, wie sie in umbringen sollte, und wie sich am meisten Wert aus seinem Körper schöpfte und...
Wie oft sollte Sie diese Situation eigentlich noch durchmachen? Bis sie sie verarbeitet hatte? Das schaffte sie doch niemals! Sie würde wohl bis an ihr Lebensende davon träumen müssen.
Obwohl sie einiges gewohnt war, tat sie sich schwer, die Übelkeit zu unterdrücken, als sie aufwachte, sehr schwer. Doch wie ihre Träume hatte sie auch ihren Würgereflex halbwegs unter Kontrolle. Auf diese Weise Wasser zu verlieren war das letzte, was sie auf ihrem ziellosen Weg durch die Wüste brauchen konnte.











