16. September 2015
Das analoge BĂŒro
Wenn mir langweilig ist, gucke ich manchmal im Netz Videos ĂŒber Kinder, die daran scheitern, ein WĂ€hlscheibentelefon oder eine Schreibmaschine zu bedienen. Die kennen das ĂŒberhaupt nicht mehr! Dabei fiel mir letztens auf, dass ich selbst ein Kind des Computerzeitalters bin. Zumindest arbeitstechnisch. Bei meinem ersten BĂŒrojob stand schon ein 286er PC auf meinem Schreibtisch. Schwarzer Bildschirmhintergrund, orangene Schrift. Ich hab tatsĂ€chlich noch ein Foto von 1994 gefunden.
Wie hat man eigentlich vorher gearbeitet â ohne Computer, Drucker, Telefonkonferenzen und vor allem ohne E-Mail? Wir im Osten hatten ja nicht mal Kopierer. (Aus gutem Grund, wie unsere Regierung fand.) Ich beschloss, meinen 75-jĂ€hrigen Vater zu fragen. Er war frĂŒher im DDR-AuĂenministerium, in einer Botschaft und spĂ€ter in einer staatlichen Gesellschaft tĂ€tig. Im Interview bezieht er sich vor allem auf die BĂŒroarbeit in den 70er Jahren.
Ziemlich schnell nahm das Interview eine ĂŒberraschende Wendung, denn es entwickelte sich zu einer Lobeshymne auf eine vom Aussterben bedrohte Berufsgruppe.
Also Papa, wie lief das denn damals so ohne Computer?
Am meisten konnten einem die SekretÀrinnen leidtun. Die mussten ja manchmal denselben Text zehnmal abtippen. Kaum hatten sie ihn fertig, schrieb jemand Anmerkungen rein oder strich etwas raus, und wenn es ein wichtiges Schreiben war, konnte man das ja nicht so weiterschicken. Also wurde es neu abgeschrieben.
Auch bei einem Schreibfehler musste in der Regel die ganze Seite noch mal abgetippt werden. Die Rechtschreibung und gewisse Normen, wie ein Schreiben aussehen musste, wurden damals fanatisch beachtet. Ăber jeden Fehler oder einen falschen Absatz oder Zeilenabstand wurde die Nase gerĂŒmpft. Das fiel auf den Absender zurĂŒck. Tipp-Ex ging vielleicht fĂŒr interne Schreiben, aber ansonsten hieĂ es: noch mal abtippen.
Als ich Jahrzehnte spĂ€ter das erste Mal selbst am Computer saĂ, war das ungewohnt. Aber dann stellte ich fest, dass man Tippfehler sofort korrigieren kann. Was fĂŒr eine Wohltat!
Es gab damals auch keine Kopierer, sondern nur Blaupapier und spĂ€ter dĂŒnnes Durchschlagpapier. Wichtigen Adressaten konnte man aber kein labberiges Durchschlagpapier schicken. Da wurde dann wieder der komplette Text mehrmals abgetippt. Wenn das ein Brief war von ein, zwei Seiten â ok. Aber es gab ja teilweise Reden und VortrĂ€ge von 30, 40 Seiten.
Vielleicht mal so zum Tagesablauf. Bei mir ist es immer so: Ich komme ins BĂŒro, schalte den Computer ein und checke meine E-Mails. Also, die neuen, denn die ersten Mails des Tages lese ich meistens gleich nach â Ă€h, eigentlich vor dem Aufstehen. Wie fing dein Tag damals an?
Als erstes habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt und in die Zeitungen geguckt.
Zeitungen! Ach ja!
Also wenigstens zehn Minuten quergelesen, die Ăberschriften und den einen oder anderen Artikel. Man musste ja informiert sein. Dann begann die Arbeit, indem man Telefonate gefĂŒhrt hat zu anstehenden Vorhaben oder Problemen. Oder ich habe etwas ausgearbeitet, eine Vorlage zum Beispiel oder eine Analyse zu einer bestimmten Situation. Es wurde ja erst mal alles mit der Hand geschrieben. Als dann die DiktiergerĂ€te aufkamen, konnte man auch auf Band diktieren.
Die SekretĂ€rinnen hatten immer sehr viel zu tun. Sie waren meistens fĂŒr 5-6 Mitarbeiter zustĂ€ndig. Es wurde ja sehr viel geschrieben. Alles musste schriftlich festgehalten werden.
Die meisten Mitarbeiter in der Behörde konnten nicht mit der Schreibmaschine umgehen. Dann standen wir manchmal Schlange im Sekretariat. Und wenn der Chef etwas hatte, ging das natĂŒrlich vor und wurde zuerst abgetippt. Da musste man warten.
Dann gab es immer mindestens eine Kopie fĂŒr die Ablage. Auch dafĂŒr war die SekretĂ€rin verantwortlich. Sie kannte das Ablagesystem, sortierte, beschriftete und verwaltete alles. Alle Schreiben wurden in Akten verwahrt, nach soundso viel Jahren gingen sie in eine Art Zwischenablage, nach Ablauf einer bestimmten Frist dann endgĂŒltig ins Archiv. Wenn dann irgendeine Frage oder ein Problem auftauchte, wusste die SekretĂ€rin: âAch, das war vor 2 Jahren und das Protokoll liegt da und da.â
Das klingt alles sehr ordentlich. Heute auf dem Computer muss man ja nicht mal eine Ordnerstruktur haben. Man könnte theoretisch alles auf einem Haufen speichern und dann ĂŒber die Suche des Computers finden. (Also, als Mac User.) Das heiĂt ja, die SekretĂ€rin war sozusagen Ordnerstruktur und Suchmaschine in einem?
Ja, es war damals lebenswichtig, eine Ordnung zu haben. Die SekretĂ€rin nahm dadurch eine SchlĂŒsselstellung ein. Alles, was in der Institution passierte, ging ĂŒber ihren Tisch. Wirklich alles. Sie kannte den gesamten Schriftverkehr, wusste, wo was abgelegt war, verwaltete die AdressbĂŒcher und Terminkalender. Sie war die bestinformierte Person im Haus. Ăbrigens â nur mal am Rande â war das einer der GrĂŒnde, warum wĂ€hrend des Kalten Krieges die SekretĂ€rinnen oft von den Geheimdiensten anvisiert wurden. Sie wussten eben alles â viel mehr als der einzelne Mitarbeiter.
Das war doch aber generell ein Risikofaktor. Was passierte, wenn die SekretĂ€rin krank war oder kĂŒndigte?
Wenn sie krank war, lief nichts mehr. Gar nichts. Vielleicht gab es einen pfiffigen Mitarbeiter, der es selbst versucht hat an der Schreibmaschine. Aber wenn der einmal daneben gehauen hat, musste er eben wieder von vorn anfangen. Die Masse konnte das nicht.
Jemand, der Schreibmaschine schreiben konnte, hatte also einen wichtigen und wertvollen Beruf. An einen Computer kannst du heute jeden dransetzen, der kein Vollidiot ist. Die SekretÀrinnen konnten enorm schnell schreiben und blind. Das mussten sie auch, denn wenn sie eine gewisse Geschwindigkeit nicht schafften, stapelte sich alles bei ihnen. Die Stars unter ihnen konnten sich neben dem Tippen sogar noch unterhalten.
AuĂerdem beherrschten sie Stenografie â eine Kurzschrift, mit der sie Sitzungen und Konferenzen protokollieren konnten. Das gibt es heute kaum noch, auĂer im Bundestag oder bei Gericht.
Eine gute SekretÀrin war damals Gold wert. Sie wurde behandelt wie ein rohes Ei und man passte auf, dass sie nicht wegging.
Das war auch ein ganz harter Job, weil sich immer alles auf sie konzentrierte. Sie war dadurch nicht nur psychisch, sondern auch physisch stark belastet. Die Schreibmaschinentastatur war ja frĂŒher viel schwerer anzuschlagen als heute ein Computer. Durch das viele Tippen hatten sie oft Beschwerden. SehnenscheidenentzĂŒndungen waren eine Art Berufskrankheit. Wenn man das 35, 40 Jahre lang gemacht hatâŠ
Heute hat jeder seinen Computer und schreibt selbst, auch der Chef. Das konnte damals keiner der Mitarbeiter. Es war nicht ĂŒblich und teilweise unter ihrer WĂŒrde. Insofern war man total abhĂ€ngig von der SekretĂ€rin. Das Wohl und Gedeihen einer Firma hing von der SekretĂ€rin ab. Sie war Herrin ĂŒber alle Termine, hat das Kalendarium gefĂŒhrt und auch die Leute erinnert: âSie haben heute um 14 Uhr den Termin bei XY.â
Sie war also auch die Kalender-Software.
Ja. Und die Telefonzentrale. Denn auch die Telefonate liefen ĂŒber die SekretĂ€rin. Sie wusste, wer wann am besten ĂŒber welche Nummer zu erreichen war. Sie hatte das Telefonbuch. Man konnte nicht einfach mal schnell irgendwo anrufen. Die Telefonnetze waren veraltet und ĂŒberlastet. Es war sehr schwer durchzukommen und man musste x-mal von vorne wĂ€hlen, damals ja noch mit der WĂ€hlscheibe. Ohne Wiederholungstaste oder Speicher. AuĂerdem hatten viele Leute zu Hause kein Telefon und haben also auch ihre PrivatgesprĂ€che vom BĂŒro aus gefĂŒhrt. Und wenn besetzt war, war besetzt.
Stimmt, es gab ja keine Anklopfen-Funktion. Und man konnte ja auch nicht sehen, wer angerufen hatte. Von Anrufbeantwortern ganz zu schweigen âŠ
Die SekretÀrin hat manchmal unheimlich viel Zeit gebraucht, um eine Telefonverbindung herzustellen. Gerade auch ins Ausland. Oft war schon nach der Landesvorwahl besetzt, dann fing man wieder von vorne an. Und wenn du Pech hattest, waren da plötzlich noch zwei andere in der Telefonleitung, die dazwischen gequatscht haben.
Haha, das kenne ich auch noch! War sehr lustig manchmal.
Aber im Ernst: Aus heutiger Sicht klingt Eure Arbeitsweise ein bisschen nach einer Horrorvision. Wie diese bĂŒrokratische Riesenmaschine bei George Orwell âŠ
Das Schlimmste war, dass eben alles ĂŒber Schriftverkehr oder Telefon abgewickelt werden musste. Beides war langsam und belastend. Man schickte zum Beispiel jemandem per Post ein Konzept. Meistens war ein Brief 2-3 Tage unterwegs. Dann hast du ewig versucht, denjenigen ans Telefon zu kriegen: âIst mein Brief schon angekommen?â âNein, aber ich guck mal in der Poststelle.â So lief das nur.
Diese Verlangsamung der Arbeitsprozesse hat uns ganz schön genervt. Das war alles total ineffektiv! Wir kannten es nicht anders, aber es war uns trotzdem bewusst. Den Durchbruch brachten erst die BĂŒroelektronik und natĂŒrlich das Internet. Heute drĂŒckst du auf den Knopf und schickst binnen Sekunden eine Mail nach Saudi Arabien oder Australien. Vielleicht bekommst du sogar in ein paar Minuten schon die Antwort!
Also war das Arbeiten damals schwerer?
Ich wĂŒrde schon sagen, man war körperlich belasteter. Heute kannst Du zu Hause im Sessel flĂ€zen und Mails auf dem Smartphone checken. Damals war viel mehr physische PrĂ€senz gefragt. Es gab nicht diesen lĂ€ssigen Arbeitsstil wie heute. Und der Arbeitsaufwand war so enorm, etwas fertigzustellen â das hat viel Kraft gekostet. Heute arbeitet man mit mehr Leichtigkeit und EffektivitĂ€t.
Dein Wort in Gottes Ohr. Danke, Papa, fĂŒr das interessante GesprĂ€ch.
(Lydia, zuerst veröffentlicht unter bueronymus.wordpress.com/2015/09/16/das-analoge-buero/, dort auch mit Fotos)













