Veranstaltung: Berlin Music Week
Wen es interessiert, wieso ich auf der Music Week war und warum ich dort nicht das Berlin Festival besucht habe, der darf dies gerne hier nachlesen. Allen andere viel Spaß mit diesem launigen Abriss zu drei Tagen Berlin Music Week.
Die Berlin Music Week, bisher immer schier unüberschaubares Ungetüm, das seine Tentakel über ganz Berlin ausstreckt, hat sich dieses Jahr neu sortiert. Mag die Musik auch "released" sein (auch wenn sich das Motto wohl eher darauf bezieht, dass die Musik nicht mehr unbedingt in den gängigen marktwirtschaftlichen Strukturen gefangen ist, wobei sich ein Großteil der Konferenzen dann ja doch eher darum dreht wie man die Musik möglichst schnell wieder gewinnbringend einsperren könnte; dazu später mehr), die Veranstaltung erstreckt sich nicht mehr wie ein Kraken über die gesamte Stadt, sondern beschränkt sich auf einen Ballungsbereich in Kreuzberg und Friedrichshain. Natürlich möchte man damit bestimmt vermitteln am Puls der Zeit (und Gentrifizierung) zu sein, die räumliche Nähe der Veranstaltungen macht dennoch stärker als zuvor klar, dass man es hier mit einem zusammenhängenden Konzept zu tun hat. Hier macht auch das umstrukturierte Berlin Festival Sinn: das Booking überschattet nicht mehr, sondern stellt eher die Party nach all dem Debattieren, dem Preise verleihen und dem Showcases angucken dar. Denn genau damit beginnt die Woche, als ich am Mittwoch ankommen: mit Showcases. Viel mehr gibt es an diesem ersten Tag der Music Week nämlich nicht zu tun. Auf dem Gelände des Berlin Festivals präsentiert der lokale Wodkaproduzent Our frische skandinavische Talente. Ansonsten passiert an diesem ersten Tag nichts, also sehe ich mir Sherpa (der seine Neo R'n'B Songs freundlich vom MacBook abspielt und dazu schöne Melodien singt) und The White Album (die ziemlich nach Bon Iver, auf jeden Fall nach zeitgenössischem, gerne mal mehrstimmigen Indie - Folk - Pop klingen) an, entfliehe danach aber in Richtung Hostel.
Als es am Donnerstag dann so richtig losgeht sieht die Sache schon anders aus. Nach einem Zwischenstopp bei Mr. Dead & Mrs. Free stürze ich mich ins Getümmel der Konferenzen. Das bestimmende Thema ist - mit Ansage, irgendwie - die Bedeutung digitaler Medien für den Umgang mit Musik. Alles von Streaming bis Youtube steht auf dem Programm und man diskutiert vor allem darüber, wie man Musik anno 2014 am besten vermarkten kann; weniger darüber, wie es eigentlich um die Inhalte bestellt ist. An der Schnittstelle operiert eine Diskussion über das Mäzenatentum in der Popmusik, die einen sehr satten Max Dax, einen zahm in der Opposition agierenden Frank Spilker und zwei Industrievertreter gegenüberstellt und letzten Endes etwas hilflos resümiert: irgendwomit muss man sein Geld ja verdienen. Ein zur Provokation aufgelegter Zuhörer beginnt seine Kritik an der Debatte mit einem markigen "Das war gerade richtig schlecht", und ganz falsch liegt er mit dieser Einschätzung nicht. Die Männer von Migros und Telekom preisen das eigene Modell als Kulturförderung an, Dax spricht von oben herab über weniger finanzkräftige Medien als seine Electronic Beats und Spilker versucht zu relativieren, erdet die Debatte und liefert am Ende vielleicht die sinnvollsten Beiträge. Wenn man sich auf seine Fragestellungen einlässt, fängt man wirklich an über gesponserte Auftritte nachzudenken: sollten die Bands den Scheiß nicht machen und dafür zwei Jahre den Rücken frei haben? Wie sieht es denn aus wenn man für viel Geld auf einem normalen Festival steht? Das ist doch letzten Endes auch nur eine große Werbefläche, auf der man als Band agiert, oder? Am Ende des Tages wurden diese Ansätze aber nicht zu Ende diskutiert. Den Ausbruch aus allzu handzahmen Diskussionen hält erst der nächste Tag bereit, als vier recht spannende Akteuere versuchen folgende Gleichung zu lösen: Pop + Politik = Haltung?.
Besonders konfrontativ agiert Gregor Samsa, einziges Mitglied des Labels Sounds Of Subterrania), der in einem Anfall selbstergriffener Nostalgie seine Generation komplett verwirft und fragt, wo denn die alten Werte gerade in der Punkszene geblieben sind. Marcus Wiebusch und sein Video zu "Der Tag wird kommen" führt er dabei als Paradebeispiel an, bei dem Promo für das eigene Schaffen wichtiger ist als der Inhalt der Aktion; aber im Grunde ist die ganze Gesellschaft scheiße, schlussendlich sogar Fußballspieler die sich Iros frisieren lassen und damit den Punkbegriff aushöhlen. Dass es natürlich schon länger so funktioniert, dass sich der Mainstream immer das aus einer Subkultur schnappt was ihm passt und dann entkernt auf den eigenen Kaminsims stellt will Samsa ebenso wenig wahrhaben wie er positive Beispiele aus der Vergangenheit nennen will (oder kann). Gerade die neben ihm sitzende Sookee könnte man doch als leuchtendes Beispiel gegen die Jugend mit Meinung, aber ohne Haltung anführen, generell natürlich die gesamte Zeckenrapszene. Doch da ist der Kulturpessimismus wohl zu stark, was auch Zwischenrufe aus dem Publikum nahelegen; ein Publikum, das wohl auch gerne die (zugegebenermaßen etwas unbeholfen agierende) Joiz Chefredakteurin Britta Schewe gerne auffressen würde. Passender ist da schon STOPPOK besetzt, der an etwas offensichtlichen, dennoch passenden Beispielen belegt, dass das mit den Idealen in der Popmusik immer ein schwieriges Thema ist (vgl. die Sex Pistols und ihre Geschichte). Am Ende gibt es natürlich keine Antworten, stattdessen wirkt es so, als hätte man in den vergangenen Tagen besser mal über sowas geredet anstatt einem Googlemenschen dabei zuzuhören, wie er sich und Youtube abfeiert.
Bevor es jedoch allzu ausweglos wird heißt dann auch mal kurz schnell weg von der Debatte und der Feier, hin zur Musik. Zumindest theoretisch, denn obwohl ich eigentlich den ein oder anderen Chimperator Act im Lido antesten möchte schaffe ich es erst zum Secret Headliner, der sich als die Orsons erweist. Da mich die neuen Künstler des Hauses jedoch in letzter Zeit sowieso meist etwas gelangweilt zurück lassen feiere ich lieber die wohlbekannten Hits der vielleicht besten Crew des Landes ab. Eine Stunde lang bollern die alles weg was sich ihnen in den Weg stellt, selbst wenn das Lido zu Beginn noch etwas verhalten agiert. Mit verhaltenen Reaktionen hatten auch andere Hip Hop Künstler bereits zu kämpfen - tags zuvor suchte ich den im Programmheft als Mischung aus Yaam Club und Splash Mag Stage angekündigten Ort, an dem ein vielversprechend klingender Hip Hop Abend stattfinden sollte leider auf dem Gelände der Music Week. Wie sich herausstellte wurde auf dem Lageplan zwei Mal die Nummer 18 vergeben - ich war leider zur falschen gelaufen, was die Ordner zunächst aus dem Konzept bringt, dann aber doch schnell als Druckfehler zu meinen Ungunsten aufgeklärt wird. Leider versäumen die Ordner es dann auch mir mitzuteilen, dass ich die eigentliche Location auch mit einem Shuttleservice erreichen könnte. Also pilgere ich mehr als eine Stunde durch Berlin und komme schließlich im mäßig gefüllten Yaam Club an, der gerade von der neuen Metalcore/Hip Hop Hoffnung GWLT bespielt wird. Auch wenn die Mischung absurd klingt - sie geht absolut auf. Auf der Bühne wirkt es manchmal noch etwas verbissen, doch gerade die bisher veröffentlichten EPs machen Lust auf das hoffentlich bald kommende Album. Zurecht setzt man auf diese Gruppe; dass das auch auf Zugezogen Maskulin zutrifft dürfte kein Geheimnis mehr sein - die Leute die da sind feiern die Crew entsprechend ab, Tiesto und Grim 104 liefern viel Feierwürdiges, wobei man ganz klar sagen muss, dass Grims Songs nicht nur die Setlist dominieren, sondern der Rapper auch in Sachen Persona und Attitüde seinen manchmal etwas zu konventionell agierenden Kollegen aussticht. Am Ende verlasse ich den Club mit beiden GWLT EPs und der Grim 104 Platte auf Vinyl, ohne Downloadcode natürlich.
Was habe ich sonst von der Berlin Music Week mitgenommen, die dann ja für mich Freitag in der Nacht schon vorbei war? Die Konferenzen brachten Impulse, stellten als großes Ganzes jedoch in Frage, ob es bei Musik wirklich nur ums Verdienen geht. Das Thema hat dominiert - vielleicht auch, weil es nun mal ein Zusammentreffen von Businessmenschen ist. Zwischen den Zeilen lugte jedoch hervor, dass es Gesprächsbedarf auch bei anderen Themen gibt; davon scheint man hier jedoch nicht viel wissen zu wollen. Vielleicht ist die Konferenz aber auch tatsächlich der falsche Weg. Vielleicht ist es wirklich besser rauszugehen und sich die Musik anzuhören, die wie die von GWLT die Themen einfach direkt zur Sprache bringt. Oder man kann sich einfach an Straßenmusikern erfreuen, so wie ich es Freitagnacht auf einer Brücke getan habe. Ob das jetzt First We Take The Streets, Berlin Flair oder am Ende doch schäbige Straßenmusik war ist ja auch erst mal sekundär, Hauptsache diese sehr krude Mixtur aus 70er Synthie und Turntable Gescratche klang gut, hat etwas ausgelöst. Es ist banal, aber vielleicht muss man wirklich mal wieder einen Schritt zurück gehen und dieses ganze System hinterfragen. Vielleicht kann man darüber mal wieder sprechen, wenn die Industrie neue Wege gefunden hat die frisch entfesselte Musik wieder einzusperren.
Die Berlin Music Week 2014 hätten Sie besuchen sollen, wenn Sie: eine Mischung aus Geschäftsoptimierung und Sinnsuche schätzen/keine großen Namen brauchen/gerne frische Künstler entdecken











