Vorzeitige Gedanken zum Valentinstag
Es gibt Tage, da ist sich das Netz einig im Dagegensein. Der höchste dieser Antifeiertage ist der Valentine’s Day [überheblich in breitem Amerikanisch auszusprechen]. Auf Twitter jagt ein hämischer Tweet den anderen, kollektives Rote-Rosen-, Pralinen- und Champagner-Dissen. Einmal im Jahr sind wir schlagartig professionelle Konsumkritiker*innen, die genau durchschauen, wie uns hier American-Style-Emotion als Aktionsware verkauft werden soll.
Aber, »ganz ehrlich«, »seien wir doch mal realistisch«, diese Beobachtung ist nicht eben originell und ähnelt dem Bashen von Stockfotos.
Ja, Stockfotos sind inszeniert, künstlich und kommerziell gedacht. Aber, »ganz ehrlich«, »seien wir doch mal realistisch«, gilt dies nicht für die meisten Fotos, die an die Netzöffentlichkeit gelangen und sei es nur im Sinne einer Selfievermarktung?
Ja, der Valentinstag ist klischeehaft, konstruiert emotional und kommerziell gedacht. Aber, »ganz ehrlich«, »seien wir doch mal realistisch«, gilt dies in säkularen Zeiten nicht für alle Feiertage? (Mit der Konstruiertheit von klerikalen Feiertagen fange ich gar nicht erst an.)
Aus dieser Erkenntnis kann man jetzt verschiedene Konsequenzen ziehen.
Weiter dissen und bashen, weil man es kann.
Weiter dissen und bashen, sich dabei aber eingestehen, dass man es nur um des emotional aufregenden Dissens und Bashens willen macht, nicht aus irgendwelchen wesentlichen Gründen, auf die man sich etwas einbilden dürfte. Damit hätte man immerhin das Glashaus verlassen.
Sich weniger darum kümmern, was die anderen falsch machen und es ›besser‹ machen, was meist nur heißt, irgendwas zu machen, das nicht nur Dissen und Bashen ist.
Die meisten, die dies hier lesen und auch die, die es schreibt, wirken aktiv daran mit, in und mit Informations- und/oder Marketing-Medien mentale Bilder und damit Realität zu erzeugen. Wer beim Valentins- oder Muttertag, zu Halloween oder angesichts der AfD punktuell das Kotzen bekommt, kann sich ja allgemein seinen Job mal weniger leicht machen und was Differenzierteres schreiben, ein originelleres Stockfoto hoch- oder runterladen und privat – Achtung: Glücksratgeber-Alarm – individuellere Geschenke zu unkonventionelleren Anlässen machen oder einfach freundlicher sein.
Der Landbäcker, der am 14. Februar ein Stockfoto von einem Rosenstrauß auf seine Homepagebaukasten-Webseite packen wird, ist nicht der Endgegner. Der reale Endgegner bist du, bin ich.
Denken ist übrigens auch eine Form des achtsamen Startup-Trends DIY.