1. April. Der Schwellentag, für den er sich vorgenommen hatte von Selbstzerstörung zu Selbsterfindung zu wechseln. Auch, wenn es dazu keinen Grund gab. Mit dem Gefühl von Leere einzuschlafen, aufzuwachen und zeitweise den Tag über mit ihm durchs Leben spazierend. Woran "sein Leben" nichts änderte. Unzählige Film und Konzertbesuche, neue Erfahrungen, euphorisierende Begegnungen, Entdeckungen und schöne Worte. Das Knüpfen von Kontakten, Verfolgen von Anziehungen und stärkere Verbinden seiner Freundschaftsbeziehungen.
Und doch war es das alles nicht wert. Was dem Leben und nicht zuletzt vor allem den Menschen, die an seiner Seite standen, ungerecht, unfair und unangemessen gegenüber war. Aber nichts daran änderte.
Sein Herz spuckte Blut. Er stellte sich neben sich, schaute auf sein armseliges Selbst. So konnte es nicht weiter gehen. Das wusste er schon von dem Augenblick, als sie ihm die Klingen tief in die Brust rammte. Er ihren Griff umklammerte, sich dagegen drückte und ihr einen herausfordernden "Gib's mir."-Blick zuwarf. Den sie nicht sehen konnte, aber von dem sie wusste. Innerlich. Was aber nichts änderte. Genauso wie die vermeintliche Annahme, dass es ihr mit der momentanen Konstellation selbst "nicht gut ging". Sollten sie sich jemals wiedersehen und sie das - wieder - erzählen, würde er ihr aufs Maul hauen. Wie sie ihm, ihnen und vor allem sich selbst das ein zweites Mal antun konnte. Er würde ihr aufs Maul hauen. Und sie in den Arm nehmen. Auf immer bei ihr bleiben oder sich umdrehen und gehen. Vielleicht auch beides. Aber die Frage zu dieser Antwort war noch nicht gestellt und würde vielleicht nie gestellt werden.
All das änderte nichts daran, dass er seine Aufmerksamkeit verlagern musste. Ob er wollte oder nicht. Einen Strick wollte, oder konnte, er sich nicht knüpfen, war es möglich, aber trotz der Zunahme an Leberflecken unwahrscheinlich, dass er mittels Krebs legitimierten Selbstmord begang und blieb so nur die "Wahl" sich mit seiner bedeutungslosen Existenz zu arrangieren. Den Weltschmerz als Attitüde anzusehen und die eigene Einstellung zu verändern. Uns gleichzeitig fragte er sich: Wozu?
Für sich selbst? Drauf geschissen.
Um irgendwem, ihr, sich selbst etwas zu beweisen? Unnötig.
Weil man sich davon nicht so runterreißen und fertig machen lassen darf? Sagt wer?
Er war "frei" und hatte nichts mehr zu verlieren. Er würde gehen, in kleinen, schmerzgetränkten Schritten. Irgendwann würde er problemlos durchs Leben tanzen, erfolgreich und möglicherweise sogar glücklich sein. Biutiful. Die Erinnerungen und das Leben würden verblasst sein und nur noch von Zeit zu Zeit stechen.
Er schüttelte den Kopf und wollte sich ob dieser Farce am liebsten selbst zerreißen. Konnte und wollte er sich nicht selbst einreden, dass es ja alles gut werden würde, ohne sie. Und selbst, wenn es das täte, selbst, wenn er sie irgendwann aus seinem Leben streichen könnte und würde, wäre er ihr niemals dankbar dafür, was sie ihm angetan hatte. Er würde ihr aufs Maul hauen, gab sie ihm mit ihrem Fortgehen nicht die Freiheit, sondern den Zwang. Fing er nicht an zu leben, weil sie ihm die Wahl gelassen, sondern weil sie es eben gerade nicht getan hatte.
Er musste innerlich schmunzeln. Sollte es wirklich so kommen, würde nichts passieren, weil sie sich nie wiedersähen. Und täten sie es doch, würden ihre Leben wie Kartenhäuser zusammenbrechen.
"Die Frage ist nicht, ob du die Leere füllen, sondern ob du sie ertragen kannst."
Dieses Mal war er sich nicht so sicher. Nicht, was das Können anbetraf, sondern das Wollen. Gingen sie Hand in Hand, in den Abgrund.