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Roy Lichtenstein - Leben mit der Kunst
Im Artikel âRoy Lichtensteins Weg zum Ruhmâ wurde eben dieser dargestellt, und auch wie das Ganze endete, nĂ€mlich in einer geradezu unglaublichen Wertsteigerung seiner Kunstwerke. Dabei hat Lichtenstein lange warten mĂŒssen, bis seine Kunstwerke ihn ĂŒberhaupt ernĂ€hrt haben:
Leben und Kunst oder Leben fĂŒr die Kunst? Lichtenstein hat es ausprobiert
Roy Lichtenstein war fast 40 Jahre alt, als er seinen kĂŒnstlerischen Durchbruch erleben durfte, und fĂŒr diese Tatsache gab es auch GrĂŒnde: Lichtenstein hatte sich nie unter den VollblutkĂŒnstlern eingereiht, deren Leben aus Kunststudium und Kunst machen und Zeit mit KĂŒnstlern verbringen und aus sonst nichts anderem besteht. Lichtenstein war KĂŒnstler und normaler Mensch â er begann eine Ausbildung zu einem ganz normalen (Lehrer-) Beruf und wurde zum MilitĂ€r einberufen, er konnte den Umstand, dass das MilitĂ€r ihn nach Paris gefĂŒhrt hatte, nicht wie geplant fĂŒr seine kĂŒnstlerische Fortbildung (und die Bekanntschaft mit Picasso) nutzen, weil er wegen einer schweren Erkrankung seines Vaters zurĂŒck in die Heimat musste. Er beendete seine Lehrer-Ausbildung an der Ohio State University nach dem Krieg und hatte dann zwar ein Studium zum Master of Fine Arts begonnen, aber 1949 seiner âfreien Entwicklung als KĂŒnstlerâ ein weiteres Hindernis in den Weg gelegt, indem er heirate und in den nĂ€chsten Jahren mit seiner Frau Isabel Wilson zwei Söhne bekam.
Roy Lichtenstein auf der 33. Biennale, Venedig (1966); Fotografie von Erhard Wehrmann
Quelle: Kunststiftung Poll [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Lichtenstein war also fĂŒr die ErnĂ€hrung einer Familie mitverantwortlich, und er arbeitete in den 1950er Jahren in allen möglichen Jobs, die weniger seiner kĂŒnstlerischen Entwicklung und mehr der Bereitstellung des Lebensunterhalts dienten. So hatte er im ersten Teil seines Lebens wirklich nicht endlos Zeit, um sich mit kĂŒnstlerischen Experimenten und der eigenen Stilfindung zu beschĂ€ftigen â er nahm in einem Umfang am wirklichen, prallen Leben teil, der es auch einem Kreativen nicht leicht macht, nebenbei ausgesprochen feinziselierte kĂŒnstlerische Ideen zu entwickeln.
Aufwachen, Lichtenstein! Oder: Was ein neuer Job alles bewirken kann
Dieses Leben in Ohio mit gelegentlichen, der Kunst geschuldeten AusflĂŒgen ins 750 km entfernte New York wĂ€re vielleicht noch ewig so weitergegangen, wenn Lichtenstein nicht 1960 eine LehrtĂ€tigkeit an der Rutgers-UniversitĂ€t in New Jersey angenommen hĂ€tte. Denn hier kam er in ein konzentriert kreatives Umfeld und lernte all die KĂŒnstler kennen, die heute zu den âVĂ€tern der Pop-Artâ gezĂ€hlt werden.
An der UniversitĂ€t in Ohio hatten sich einige der wichtigsten zeitgenössischen KĂŒnstler versammelt: Jim Dine und Claes Oldenburg, Lucas Samaras und George Segal, George Brecht und Geoffrey Hendricks, Dick Higgins und seine Frau Allison Knowles, George Maciunas und Robert Whitman, alle scharten sich in New Jersey auf dem Campus der Rutgers University rund um zwei Professoren: Allan Kaprow, den âErfinder des Happeningsâ, Robert Watts, Bildhauer und Expressionist und Fluxus-Freund.
So viel KreativitĂ€t beflĂŒgelte auch Lichtenstein erneut und bestĂ€rkte ihn, auch den verrĂŒckteren seiner EinfĂ€lle nachzugehen. Bisher war Lichtensteins kĂŒnstlerischer Ausdruck eher dem Expressionismus zugeneigt, dem eigentlichen âkĂŒnstlerischen Mainstreamâ der Zeit, in dem sich Lichtenstein nicht so richtig zwischen die zwei herrschenden Schulen einordnen konnte: âAction Paintingâ oder die âintrovertierten Expressionistenâ, die mit groĂflĂ€chigen FarbauftrĂ€gen âzur Meditation aufriefâ. Die Werke, die bei diesen Positionierungsversuchen herauskamen, hatten auf jeden Fall in den New Yorker Ausstellungen bisher keine groĂe Aufmerksamkeit erregen können, erst recht nicht, als er Ende der 1950er Jahre immer mehr an seinem Stil zweifelte.
Lichtenstein hatte danach bereits begonnen, mit Abbildungen verschiedener Comic-Figuren und Disney-Charakteren zu experimentierten, hatte diese ersten Disney-Bilder aber nie öffentlich gezeigt. Diese Bilder wurden vielmehr von ihm selbst wieder ĂŒbermalt, er gab spĂ€ter zu, dass er sie eher als âVerzweiflungstatenâ eingeordnet hatte. Schade eigentlich, denn diese Bugs Bunnys, Donald Ducks und Mickey Mouses hĂ€tten ihm gar nicht so viele Jahre spĂ€ter wahrscheinlich sehr viel Geld eingebracht.
Denn als sich Lichtenstein nun anstecken lieĂ von den Ideen der Kreativen um ihn herum, war das Ergebnis dieser Experimentierphase, dass er sein bisher erworbenes kĂŒnstlerisches Können absichtlich komplett âvergaĂâ und als erstes Bild ohne expressionistischen Einschlag eben ein solches âComic-Bildâ schuf. Damit war der typische Lichtenstein-Stil geboren, âLook Mickeyâ folgten noch im gleichen Sommer 1961 einige andere Bilder in diesem neuen Stil, in dem er klare und durch krĂ€ftige Linien abgegrenzte Bilder mit einfarbigen FlĂ€chen, imitierten Elementen der industriellen Drucktechnik (Ben-Day-Dots) und der aus dem Comic bekannten Sprechblase kombinierte.
Im Herbst 1961 vermittelte Professor Kaprow ihm einen Termin mit Ivan Karp, dem Direktor der angesagten New Yorker Leo Castelli Galerie, dem Lichtenstein einige seiner Bilder im neuen Stil vorlegte. Karp schĂ€tzte die Bilder als vielversprechend ein und zeigte sie deshalb seinem Chef Leo Castelli, beim âGirl with Ballâ soll Castelli entschieden haben, Lichtenstein zu vertreten, âLook Mickeyâ, die einzige Abbildung eines Comic-Charakters, bekam er nicht von Karp gezeigt.
Lichtenstein âin aller Mundeâ â ohne Castelli fast undenkbar
Vielleicht war es diese Unterlassung, die Lichtensteins Karriere erst ermöglicht hat, denn Andy Warhol hatte etwa gleichzeitig begonnen, Comic-Figuren in seiner Kunst zu verarbeiteten, er soll diese Comic-Bilder ebenfalls in der Castelli-Galerie gezeigt haben und damit abgelehnt worden sein. Anderseits â Castellis Ablehnung und die Vereinnahmung der Comics durch Lichtenstein sollen Warhol veranlasst haben, sich von den Comics ab und den KonsumgĂŒtern zuzuwenden, und damit ist er heute die Nr. 1 in der âewigen Rangliste der Kunstâ, und Roy Lichtenstein nur auf Platz Nr. 23.
Aber das kommt alles viel spÀter, jetzt im Jahr 1961 hat Lichtenstein es erst einmal geschafft, in einer der damals gefragtesten New Yorker Galerien unterzukommen, und damit ging es steil nach oben: Die ersten Bilder wurden schnell verkauft, seine erste Einzelausstellung war ausverkauft, bevor sie eröffnet war, Lichtenstein konnte nun von seinen Bildern leben.
Er ordnete daraufhin sein Leben völlig neu: Die durch ein Jahrzehnt gemeinsam verbrachter Hinterland-Winter, die Jahre des Existenzkampfes oder sonstwie verschlissene Ehe mit Isabel Wilson wurde geschieden, Lichtenstein zog ins Kunstzentrum New York, er lernte andere GröĂen der Pop-Art wie Robert Rauschenberg and Jasper Johns kennen und konzentrierte sich nur noch auf die Malerei. Castelli hatte gute Verbindungen nach Europa, durch seine ehemalige Frau Ileana Sonnabend wurde Lichtenstein auch in Europa bekannt gemacht.
TatkrÀftige Produktion im Lichtenstein-Stil
Das warâs â In der 1960er Jahren wurde Lichtenstein immer berĂŒhmter, 1963 entstand sein wohl berĂŒhmtestes Bild âWhaam!â, das schon 1966 in der Tate Modern in London hĂ€ngt. Er erschuf in der folgenden Zeit eine Vielzahl von Kunstwerken, widmete sich unterschiedlichsten Themenbereichen, Plastiken und Installationen von Kunst-Objekten und malte nicht selten gleich in Serien. Vielleicht in bewusster Abgrenzung zu Andy Warhol nutzte Lichtenstein niemals Fotografien als Vorlagen, sondern setzt weiter auf Comicserien oder kommerzielle Druckerzeugnisse wie das Branchenbuch, aus dem âGirl with Ballâ entstanden war, und er produzierte immer sichtbar im besonderen Lichtenstein-Stil.
Im frĂŒhen Werk hatte er noch viele Themen ausprobiert, mit teilweise nachvollziehbaren Vorlagen und unter Einbezug sehr einfacher Objekte, er lieĂ sich damals wie Warhol von der neuen Flut kommerzieller Werbung fĂŒr neuartige GebrauchsgerĂ€te beeinflussen. So entstanden Bilder wie âSockâ (âSockeâ), âRoto Broilâ (âFriteuseâ) und âWashing Mashineâ (âWaschmaschineâ), alle noch von 1961, die alle von Kunstkritikern verdammt, aber wegen der neuen und subtilen Darstellung von Castellis Kunden begeistert aufgenommen wurden.
Lichtenstein fĂŒhrte die Verbindung von Kunst und Kommerz gezielt fort, ein erster Höhepunkt war das Bild âArtâ von 1962, das nicht mehr als eben dieses Wort auf fast zwei Quadratmetern darstellte. Es folgten Abstraktionen des Comicstils, die an Picassos Bilder erinnerten, Keramik- und Metallskulpturen und LandschaftsgemĂ€lde und Pinselstrich-Serien, immer gleich blieb die Zusammensetzung farbiger FlĂ€chen mit krĂ€ftiger schwarzer Umrandung und punktierten Bereichen.
Mit dieser Produktion beginnen die groĂen Ausstellungen: 1964 wird Lichtenstein als erster Amerikaner in der Londoner Tate Gallery ausgestellt, 1967 findet im Pasadena Art Museum in Kalifornien die erste Retrospektive seiner Werke statt und seine erste Einzelausstellung in Europa, die nach Amsterdam, London, Bern und Hannover wandert. 1968 nimmt Lichtenstein zum ersten Mal an der documenta (IV) in Kassel teil, 1969 folgt die erste Retrospektive im Guggenheim Museum in New York.
Die Zeit der Ehrungen, Ausstellungen und Sammlungen
1969 wird Lichtenstein auch von Gunter Sachs beauftragt, fĂŒr die Pop-Art-Suite seines Palace Hotels in St. Moritz âLeda und den Schwanâ zu malen. 1970 wurde er Mitglied in der American Academy of Arts and Sciences und kauft eine Remise in Southampton auf Long Island, wo er sich ein Studio baut und eine Zeit der relativen Abgeschiedenheit verbringt.
Im folgenden Jahrzehnt kam zu seinem Stil nicht viel Neues hinzu, er entdeckte die optischen TĂ€uschungen und fertigte verschiedenste Stillleben, beschĂ€ftigte sich auch wieder mit Kunstgeschichte und malte Bilder nach dem Vorbild berĂŒhmter KĂŒnstler, wie 1974 den âRed Horsemanâ nach der Vorlage Carlo CarrĂ s und 1980 die âForest Sceneâ nach Claude Monet.
Bereits in den frĂŒhen 1960 Jahren hatte Lichtenstein MeisterstĂŒcke von CĂ©zanne, Picasso und Mondrian reproduziert, insgesamt hat er mehr als 100 Interpretationen bekannter GemĂ€lde berĂŒhmter Kollegen angefertigt, die Ausstellung âRoy Lichtenstein. Kunst als Motiv.â im Museum Ludwig in Köln beschĂ€ftigte sich 2010 mit dieser Seite des KĂŒnstlers. Die hier gebotene Reise durch Lichtensteins Werk berĂŒhrt Kubismus und Expressionismus, Futurismus und die Moderne, vom Stil der 1930er Jahre bis hin zu Minimal Art und abstrakter Malerei. Lichtenstein kopiert nicht etwa, sondern findet fĂŒr seine Neuauflage der Klassiker so interessante persönliche Interpretationen, dass seine ausschlieĂliche Reduktion auf Comic-Pop-Art vermutlich zu bedauern ist.
In dieser Zeit verarbeitete Lichtenstein auch bereits eigene Werke neu, in der Artistâs Studio-Serie entstanden 1973 und 1974 âArtistâs Studio, Look Mickeyâ und andere Neuauflagen. Dazu kamen weitere Auftragsarbeiten, 1977 ein Art Car fĂŒr Autohersteller BMW, 1978 eine Skulpturen-Lampe fĂŒr die Kirche St. Maryâs in Georgia und 1979 die âMermaidâ, ein öffentlicher Auftrag, sie steht heute vor dem Fillmore Miami Beach at Jackie Gleason Theater. 1977 bekam Lichtenstein auch seinen ersten Ehrendoktor, von California Institute of the Arts, 1980 wird er zum Ehrendoktor vom Southampton College ernannt.
In den 1980ern hat Lichtenstein dann offensichtlich genug von den Comics und wendet sich wieder mehr seinen Wurzeln zu, so entstehen Landschaften wie âSunriseâ von 1984 und âLandscape with Red Roofâ von 1985 und eine ganze Reihe von âLandscape Sketchesâ. Weitere öffentliche AuftrĂ€ge kommen herein: 1984 entsteht die Skulptur âBrushstrokesâ, die heute am Port Columbus International Airport steht, im Jahr darauf die âMural with Blue Brushstrokesâ am Equitable Center in New York, 1992 anlĂ€sslich der olympischen Spiele die Skulptur âEl Capâ in Barcelona und 1994 das riesige Wandbild in der U-Bahn-Station âTimes Squareâ in New York.
Und weitere Ehrungen: 1987 wird er Ehrendoktor der Ohio State University, 1993 bekam er den Ehrendoktor des Royal College of Art, 1995 werden ihm der Kyoto-Preis und die amerikanische âNational Medal of the Artsâ verliehen, 1996 wird er Ehrendoktor der George Washington University von Washington D.C., insgesamt bekam er noch etliche Auszeichnungen mehr.
Lichtensteins letzte Arbeit war dann ironischerweise ein Firmenlogo, fĂŒr DreamWorks Records und im typischen Stil, obwohl sich Lichtenstein doch von seinen Comic-Bildern inzwischen so weit entfernt hatte. Wenn ein Betrachter hier einen Widerspruch entdeckt, wĂŒrde das den 1997 verstorbenen KĂŒnstler jedoch sicher nicht stören, Lichtenstein hat sich nie zu ernst genommen: âI donât think that whatever is meant by it is important to artâ (âWas auch immer meine Arbeit ausdrĂŒckt â ich glaube nicht, das es wichtig fĂŒr die Kunst istâ) ist ein bekanntes Zitat von ihm (zu finden im Buch âRoy Lichtensteinâ von John Coplans, erschienen 1972 im Praeger-Verlag in New York, S. 54.).
Die Kritik soll teilweise wirklich heftig gewesen sein, z. B. hat das âLife Magazineâ einen Artikel mit der Frage ĂŒberschrieben, ob Lichtenstein âthe Worst Artist in the U.S.â (der schlechteste KĂŒnstler in den USA) sei, legendĂ€r ist auch der Ausspruch des berĂŒhmten Comic-Autoren und Pulitzer-Preis-TrĂ€ger Art Spiegelman, nach dem âLichtenstein did no more or less for comics than Andy Warhol did for soup.â (âLichtenstein genauso viel oder wenig fĂŒr Comics getan hat wie Andy Warhol fĂŒr Suppeâ).
Lichtenstein soll sich zwar gelegentlich zugegeben haben, dass Kritik ihn mitunter verletzt habe, wird aber insgesamt als freundlicher und in Bezug auf seine Bewertung ausgesprochener gelassener GesprÀchspartner beschrieben.
Kunstwerke von Roy Lichtenstein auf Pinterest
Wenn man von den Preisen ausgeht, die fĂŒr einen âLichtensteinâ heute gezahlt werden, hatte er auch wirklich jeden Grund zu solcher Gelassenheit â die zu seinen Lebzeiten gezahlten Millionensummen haben sich seitdem ungefĂ€hr verzehnfacht.
Um so bedauerlicher ist es, wenn noch im Jahr 2013, also ĂŒber anderthalb Jahrzehnte nach dem Tod des KĂŒnstlers, angebliche âMusenâ auftauchen, die ohne jeden Respekt vor der fast drei Jahrzehnte wĂ€hrenden zweiten Ehe Lichtensteins am Vorabend einer groĂen Retrospektive seiner Werke Kapital aus der Bekanntschaft mit dem KĂŒnstler schlagen möchten.
Oder wenn der Galerist, der Lichtenstein gegen Ende seines Lebens vertrat und seitdem seinen Nachlass vermarktet, vor allem mit juristischen Streitigkeiten rund um die Kunst Lichtensteins von sich reden macht ⊠Ăber diesen Galeristen ist insgesamt nicht viel Gutes zu hören, aber das ist wieder ein anderes Thema, ĂŒber das es demnĂ€chst etwas zu lesen gibt.