21. und 22. Dezember 2020
Bequemes und infektionsvermeidendes Einkaufen in Theorie (Onlineshop) und Praxis (Supermarkt)
Nach den okayen Erfahrungen aus zwei Monaten Click&Collect in Schottland sehe ich bei Google Maps nach, ob die Deggendorfer Supermärkte so etwas vielleicht auch anbieten. Und tatsächlich hat Rewe einen Abholservice. “Dafür folgen Sie an Ihrem REWE Markt den Hinweisschildern und parken auf den für Sie reservierten Parkplätzen. Ein Mitarbeiter wird Sie, nachdem Sie sich per Klingel angemeldet haben, in Empfang nehmen und Ihnen Ihren Einkauf aushändigen.” Das klingt weitgehend kontaktlos und sehr gut.
Der Onlineshop sieht professionell aus. Anders als in Schottland darf man sogar mehr als 30 Produkte in den Warenkorb legen, Tiefkühlkost gibt es auch, und man erfährt nicht erst nach dem Abschicken der Bestellung, was alles ausverkauft ist. Der Einkauf wird wohl auch nicht wie in Schottland in viele Plastiktüten abgepackt, die sich danach im Haushalt stapeln, sondern man bekommt eine Pfandbox geliehen. Bezahlen muss man erst bei der Abholung, “mittels Bargeld, EC- oder Kreditkarte”. Der Abholservice kostet eine Gebühr von 2 Euro, das erste Mal ist kostenlos.
In der Zufriedenheitsumfrage nach dem Ende des Bestellvorgangs beantworte ich alle Fragen mit dem grünsten und lachendsten der zur Auswahl stehenden Emoji. Wie sich herausstellt, kommt der Shop sogar mit den nachträglichen Korrekturen klar, die meine Mutter an der bereits abgeschickten Bestellung noch anzubringen hat:
ca. 9 Uhr “Nein, Schmand ist nicht dasselbe wie saure Sahne, ich wollte saure Sahne.”
ca. 10 Uhr “Geh, tu noch einen Chicoree dazu. Und einen Broccoli. Und einen Blumenkohl.”
ca. 11 Uhr “Und einen Schnittlauch, wenn’s einen haben.”
ca. 12 Uhr “Spaghetti hab ich auch keine mehr. Brauchen wir eine Ananas?”
14:30 "Ich kauf eigentlich immer normale Sahne, bei der Biosahne setzt sich das Fett oben so ab, kannst du das noch ändern?" Aber jetzt ist es zu spät, der Einkauf wird bereits gepackt für den Abholzeitraum ab 18 Uhr.
Man hat also ausreichend lange Zeit, um den Einkauf zu ergänzen und zu ändern. Den Einkaufszettel zu Hause vergessen kann man auch nicht mehr. Ich male meiner Mutter bereits die bequeme, auch durch Seniorinnen benutzbare und infektionsrisikoarme Einkaufszukunft aus. Diese Vision findet sie leider viel weniger attraktiv als ich, aber sie wird sich, stelle ich mir vor, schon dran gewöhnen und den neuen Abholkomfort bald nicht mehr missen wollen.
Abends fahre ich zum Supermarkt und suche nach den verheißenen reservierten Parkplätzen mit der Klingel. Weder das eine noch das andere ist zu finden. Ich frage den Mitarbeiter, der am Eingang die Masken- und die Einkaufswagenpflicht überwacht. (Mit Hilfe der Einkaufswagen wird die Anzahl der gleichzeitig Einkaufenden kontrolliert.) “Ja, das ist ganz hinten”, sagt er und deutet in den gut besuchten Markt. Ich äußere meine Enttäuschung über das im Vergleich zu einem normalen Einkauf kaum verringerte Infektionsrisiko. “Und einen Einkaufswagen müssten Sie auch mitnehmen”, warnt der Mitarbeiter. Ich wühle in meinen Taschen und meinem Portemonnaie, aber eigentlich weiß ich es schon: “Ich hab keine Münze für den Einkaufswagen ...”, sage ich, aber noch bevor sich der Gedanke, dass ich die jetzt als Erstes durch Verhandlungen drinnen an der Kasse beschaffen muss, vollständig in meinem Kopf geformt hat, sagt der Mitarbeiter schulterzuckend: “Ja, ich auch nicht”. Lösungsvorschläge für das Problem macht er keine, ich müsste also vor dem Supermarkt Leute ansprechen, bis mir jemand einen Euro schenkt. “Wissens was, hams mi gern”, sage ich zu dem armen Mann, der ja gar nichts für die Diskrepanz zwischen Websiteversprechen und Supermarktrealität kann. Dann fahre ich zum Biosupermarkt am Stadtrand, in dem es immer leer ist. Dort dient mir der Warenkorb des Rewe-Onlineshops wenigstens noch als gründlich überarbeiteter und nicht zu Hause vergessener Einkaufszettel.
(Kathrin Passig)













