Werkbetrachtung: Kunstvermittlerin Sara GrĂŒtter rĂ€tselt ĂŒber Kelterborns «Rheinweise»
WÀhrend dem Lockdown haben wir die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich je ein Werk aus den dazumal geschlossenen Ausstellungen auszuwÀhlen, um es unserem Publikum in Erinnerung zu rufen und auf ihre ganz persönliche Art vorzustellen.
Seit dem 12. Mai ist das Museum nun ja wieder offen â Wir laden Sie deshalb mit dieser Werkbetrachtung herzlich dazu ein, den Kunstwerken in unseren Ausstellungen auch im Original zu begegnen. Sollen Sie selbst Lust haben, eine â wie auch immer geartete â persönliche Werkbetrachtung mit uns und anderen Besucher*innen zu teilen, freuen wir uns ĂŒber Ihre Zusendung auf [email protected]
Sara GrĂŒtter aus dem Kunstvermittlungsteam wĂ€hlt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus der Sammlung der Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums Olten» (Kunstmuseum Olten, 26.1.â16.8.2020):
Ludwig Adam Kelterborn (Hannover 1811 â 1878 Basel)
Die Rheinweise, 1835
Ăl auf Leinwand, 54.2 x 65.2 cm
Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts, Inv. 2000.G.1299,
Geschenk der UBS-Kulturstiftung
Sind die zwei ganz links eigentlich ein Liebespaar?
Bildbeschreibung oder so
Lauscht S dem Schnarchen?
P ein eher mĂ€nnlicher, fuÌlliger,
vollgefressener Körper â oder ist P
einfach hart betrunken? â in einem
Blumenkleid, komatös sitzend.
Hat P grad einen Herzinfarkt?
Daneben S eine jung und weiblich
erscheinende Figur, die im dunklen
unauffÀlligen Kleid hinter P verschwindet.
Freut sich S, da endlich Ruhe herrscht?
Eine Hand von P ruht oberhalb
des eigenen Ranzens,
ziemlich bequem sieht das aus.
SchlÀft P?
Eher unbequem hingegen
scheint es fuÌr S zu sein.
Was hat S vor?
Die linke Hand von P ist in S`s
Schoss zum liegen gekommen,
P umschliesst dabei S`s Handgelenk.
Vor was hat P Angst?
P`s Augen sind geschlossen,
S lÀchelt ein wenig und starrt ins Leere.
Wer hÀngt da an S`s Hinterkopf?
Und was ist mit denen ganz rechts?
Sara GruÌtter
Kunstmuseum Olten, Kunstvermittlung, 30.4.2020
Veröffentlicht am 9. August 2020
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Werkbetrachtung: Maura KĂŒnzli aus dem Empfangsteam blickt auf Kelterborns «Rheinweise»
WÀhrend dem Lockdown hatten wir die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich je ein Werk aus den dazumal geschlossenen Ausstellungen auszuwÀhlen, um es unserem Publikum in Erinnerung zu rufen und auf ihre ganz persönliche Art vorzustellen.
Seit dem 12. Mai ist das Museum nun ja wieder offen â Wir laden Sie deshalb mit dieser Werkbetrachtung herzlich dazu ein, den Kunstwerken in unseren Ausstellungen auch im Original zu begegnen. Sollen Sie selbst Lust haben, eine â wie auch immer geartete â persönliche Werkbetrachtung mit uns und anderen Besucher*innen zu teilen, freuen wir uns ĂŒber Ihre Zusendung auf [email protected]
Maura KĂŒnzli aus dem Empfangsteam wĂ€hlt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus der Sammlung der Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums Olten» (Kunstmuseum Olten, 26.1.â16.8.2020):
Ludwig Adam Kelterborn (Hannover 1811 â 1878 Basel)
Die Rheinweise, 1835
Ăl auf Leinwand, 54.2 x 65.2 cm
Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts, Inv. 2000.G.1299,
Geschenk der UBS-Kulturstiftung
Die Rheinweise
Auf den ersten Blick scheint es eine fröhliche Gesellschaft bei einem Picknick zu sein. So etwas mutet in Zeiten von Corona-Pandemie und social distancing schon fast etwas seltsam an.
Aber betrachten wir uns die Szene doch einmal genauer:
Zum Beispiel springt uns da ein schlafender Mann ins Auge. Anscheinend hat er gewusst, dass er einschlafen wird, er trĂ€gt nĂ€mlich bereits sein gebluÌmtes Nachthemd und eine Schlafkappe.
Die junge Frau neben ihm hĂ€lt seine Hand, dazwischen etwas verborgen eine weitere Person. Ein junger Mann, vermutlich ihr Geliebter, der sich eifersuÌchtig nach seiner Angebeteten sehnt.
Dahinter noch ein Mann, eventuell der Bruder, jedenfalls sieht er ihm sehr Àhnlich. Er hÀlt eine Pfeife in der rechten und ein Glas in der linken Hand und macht eine ausladende Geste. Er scheint eine Rede zu halten, oder er singt zur Musik des Gitarristen hinter ihm.
â Aber Moment, der kann ja gar nicht Gitarre spielen, denn er hĂ€lt ebenfalls ein Glas in der Hand! Die MĂ€nner scheinen anzustossen, vermutlich auf das Leben und die Liebe.
Dann haben wir da noch dieses Paar rechts im Vordergrund, der Dame zu FuÌssen ein Hund, links einen JuÌngling. Die beiden scheinen sich fluÌchtig zu beruÌhren; ist das etwa ein Techtelmechtel?
Fast unter dem Tisch, sitzt ein kleiner Junge. Es sieht fast so aus, als wĂŒrde der kleine Schlingel heimlich Wein trinken, wenn die Erwachsenen gerade nicht hinschauen.
Im Hintergrund, oben rechts am Hang, befinden sich, ganz klein, nochmals zwei Personen. Sie sind vermutlich auf dem Weg ins nÀchste Dorf oder am Heuen einer Bergwiese. Hinter ihnen ragt ein Fels empor, es könnte aber auch eine Burgruine sein.
Das Bild hat mich fasziniert, weil man so viel hineininterpretieren und sich die unterschiedlichsten Geschichten zu den Personen ausdenken kann.
Maura KĂŒnzli
Kunstmuseum Olten, Empfang / Aufsicht
Veröffentlicht am 9. August 2020
Werkbetrachtung: Claudia Kissling aus dem Empfangsteam trĂ€umt vom SĂŒden
Von ihrem Arbeitsplatz aus, am Empfangstresen des Kunstmuseums, kann Claudia Kissling die Wand ĂŒberschauen, auf der Bilder «exotischer», ferner Landschaften aus dem 19. Jahrhundert vereint sind.
Sie laden zu mentalen Reisen ein, auf die Krim (Miville), nach Amerika (Buchser), nach Frankreich (StĂŒckelberg) oder  â vor allem â nach Italien, dem Sehnsuchtsland par excellence aller NordeuropĂ€er*innen.
Diese Bilder sind Teil der Ausstellung «Rendezvous. Kostarkeiten aus den Sammlungen der Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums» (Kunstmuseum Olten, 26.1.â16.8.2020).
Unserer Empfangsmitarbeiterin Claudia Kissling teilt mit uns ihre Gedanken zu einem Exponat, das es ihr besonders angetan hat:
August Weckesser (Töss 1821 â 1899 Rom)
WĂ€scherinnen am Strand von Terracina, 1869
Ăl auf Leinwand, 37.5 x 64 cm
Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jhs., Inv. 1990.G.149,
Stiftung Heinrich Thommen, «in memoriam Emilie Linder»
August Weckesser: WĂ€scherinnen am Strand von Terracina
WĂ€scherinnen am Strand, eine Momentaufnahme an der KĂŒste von Terracina im Jahr 1869, eingefangen von August Weckesser, mit feinem Pinselstrich in sinnlich-warmen Farbtönen.
Je lĂ€nger ich in das Bild eintauche, desto stĂ€rker berĂŒhrt mich die schlichte Schönheit dieser Szenerie.
Eine Gruppe von Frauen und MĂ€dchen, die sich ganz ihrer Wascharbeit hingeben. Manche in Gedanken versunken, still fĂŒr sich, andere in aufmerksamem GesprĂ€ch einander zugewandt. Sie sitzen barfuss im weichen Sand oder auf sonnengewĂ€rmten Felsbrocken.
Ich sehe keine Eile, keine Hast, als wĂŒrde die Zeit nicht zĂ€hlen. Die Sonne steht noch hoch, doch die lĂ€nger werdenden Schatten lassen eine angenehme KĂŒhle vermuten.
Das Meer spĂŒlt sanfte Wellen ans Ufer, weit draussen kann ich ein Segelboot erspĂ€hen und in der NĂ€he der WĂ€scherinnen hockt ein Fischer, der sein Fangnetz ausbessert.
Friedvoll ist die Stimmung unter den Frauen. Jede hat in hingegebener SelbstverstĂ€ndlichkeit ihren WĂ€schekorb zum Wasser getragen, weil sie es immer tut, weil das Waschen am Strand zu ihrem einfachen, ausgefĂŒllten Leben gehört, als Teil eines immer wiederkehrenden Rhythmus der Tage, der Wochen, der Jahre.
Tief in mir regt sich ein Körnchen von Neid. Diese Versöhntheit mit dem Leben, die aus dem Bild zu mir spricht, wĂŒnsche ich mir auch. Dieses vertrauensvolle Sich dem ewigen Kreislauf hingeben, ohne zu fragen, was morgen ist.
Vielleicht sehe ich es zu idealisierend, mit einem zu verklÀrten Blick. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach eben diesem entschleunigten, blossen Leben, die mich die Idylle aus dem Bild lesen lÀsst.
Wusste der Maler, dass ich eines Tages im Kunstmuseum Olten vor seinem Werk sitzen wĂŒrde, mit einem Stift in der Hand und dem BedĂŒrfnis, den Empfindungen, die sein Bild in mir auslöst, auf einem Blatt Papier Raum zu geben?
Claudia Kissling
Kunstmuseum Olten, Empfangsteam
veröffentlicht am 8. August 2020
Werkbetrachtung: Andreas Burckhardt, ehem. PrĂ€sident der «Freunde» des Kunstmuseums Olten, ĂŒber ein Portrait von Paul Camenisch
WĂ€hrend dem Lockdown verfasste Dr. Andreas Burckhardt, Vorstandsmitglied und ehem. PrĂ€sident der Freunde Kunstmuseum Olten Bildbetrachtungen zu GemĂ€lden aus der Sammlung der «Freunde», um den Vereinsmitgliedern die damals nicht zugĂ€nglichen Werke in Erinnerung zu rufen, und um ihnen mit farbsprĂŒchenden Bildern Mut zuzusprechen. Gedanken machte er sich u.a. auch zu dem irritierend kantig-verzogenen Portrait, das Paul Camenisch 1932 von seiner Frau Martha gemalt hat:
Paul Camenisch (1893â1970)
Bildnis Martha Camenisch, 1932
Ăl auf Leinwand, 95 x 75.5 cm
Kunstmuseum Olten,
Depositum Freunde Kunstmuseum Olten, 1995
Dieses und weitere GemĂ€lde von Camenisch stellt Andreas Burckhardt im Rahmen der 1. Veranstaltung vor, die im Museum nach den vom Bundesrat beschlossenen Lockerungen stattfinden kann. Diese Werkbetrachtung in der Reihe «Kunst fĂŒr Freund*innen» vom Mittwoch, 10. Juni 2020, ist bereits ausgebucht! Wir publizieren deshalb hier die Bildbetrachtung, die unser Referent wĂ€hrend dem Lockdown verfasst hat:
Bildnis Martha Camenisch
Die zierliche blasse Frau mit prĂ€chtigem rotem Haar, feingliedrigen HĂ€nden, gekleidet in dezentem GrĂŒn und Blau sitzt merkwĂŒrdig verdreht auf einem monströsen Stuhl, der an einer Wand in warmem Gelb auf einem braunen Holzboden steht.
Der Betrachter blickt von oben auf die SitzflĂ€che und den unteren Teil der Figur, aber von der Seite auf den Kopf und halb-seitlich auf den Oberkörper, was beim Betrachter eine Spannung, sogar eine Irritation auslöst. Die Bodenleiste, der rechte Oberschenkel und Vorderarm bilden eine markante Diagonale zur Senkrechten des linken Vorderarmes und des TĂŒrpfostens. Dass Nase, Kinn, der linke Ellbogen und die Kniee auffallend spitz sind, trĂ€gt zur Irritation bei. Die Abgebildete blickt vertrĂ€umt und abwesend wohl durch ein helles Fenster und kommuniziert anscheinend nicht mit dem Maler. Woran denkt sie?
Paul Camenischs Familie stammt aus Flerden im BĂŒndnerischen Domleschg. Nach dem frĂŒhen Tod des Vaters zieht die Familie nach Basel, der Heimatstadt der Mutter. Mit Ach und Krach absolviert Paul das dortige Realgymnasium. Sein Onkel, Advokat und StadtprĂ€sident von Chur, finanziert ihm danach von 1912â1916 das Architekturstudium an der ETH. Karl Moser, der Architekt des Badischen Bahnhofs in Basel und des Kunsthauses in ZĂŒrich gehört zu seinen Lehrern. Nach Wanderjahren in Norddeutschland und Aufenthalten auf dem Monte VeritĂ arbeitet er im BĂŒro von Karl Bernoulli in Basel, wo er u. a. am Wettbewerb fĂŒr den Friedhof am Hörnli beteiligt ist. Ab 1921 entstehen utopische Architekturbilder in phantastischen Farben, von denen unser Verein das untenstehende Bild besitzt.
Paul Camenisch (1893â1970)
Architektonische Komposition II, 1924
Ăl auf Leinwand, 56 x 76.8 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 2011.17
Depositum der Freunde Kunstmuseum Olten, 2011
Die Malerei verdrĂ€ngt allmĂ€hlich die Architektur. Camenischs kĂ€mpferischer Charakter stösst sich zunehmend an der etablierten, brauntonigen Malerei der massgebenden Basler KĂŒnstler. Um sich und seinen jungen Malerfreunden eine bessere Resonanz und vor allem Ausstellungsmöglichkeiten zu verschaffen, grĂŒndet er mit Albert MĂŒller (1897â1926) und Hermann Scherer (1893â1927) in der Silvesternacht 1924 in Castel San Pietro im Mendrisiotto die Gruppe ROT-BLAU, zu der bald auch Werner Neuhaus (1897â1934) stösst. Es folgen bis 1928 die Jahre eines ungezĂŒgelten Expressionismus. Auch Camenisch setzt sich mit Ludwig Kirchner (1880â1938) auseinander, doch die gegenseitige Sympathie ist begrenzt, zu exzentrisch sind in den Augen Kirchners die Werke von Camenisch, z. B. diese Mendrisiottolandschaft aus Privatbesitz:
Nach dem abrupten Tod MĂŒllers 1926 und Scherers 1927 versucht Camenisch zusammen mit Hans Stocker (1896â1983), Coghuf (Ernst Stocker, 1905â1976), Charles Hindenlang (1894â1960) und Max Sulzbachner (1904â1985) den alten Pioniergeist mit der Gruppe ROT-BLAU II wieder zu beleben, doch in der Zeit der Wirtschaftskrise kommen geplante Ausstellungen und gemeinsame Aktionen nicht mehr zustande. Jedoch entsteht dann aus dieser Keimzelle die weit einflussreichere Gruppe 33, zu deren PrĂ€sident Camenisch 1933 gewĂ€hlt wird und es bis 1952 bleibt.
Ab 1928 wandelt sich auch sein Malstil. Anstelle der knalligen Farbgebung und der ekstatischen Motive tritt eine ruhigere, flÀchige, manchmal flimmernde und spröde Malweise, deren Kern aber doch expressionistisch bleibt wie unser im Museum deponiertes Bild Selbstbildnis mit Rosenstrauch von 1961 zeigt.
Paul Camenisch (1893â1970)
«Rose, oh reiner Widerspruch...»
(Selbstbildnis mit Rosenstrauss), 1961
Ăl auf Leinwand, 116 x 125 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 2011.15,
Depositum der Freunde Kunstmuseum Olten
Typisch sind die politischen Motive mit KriegsgrĂ€ueln des Bildhintergrundes. Mit seinen ausgeprĂ€gten sozialen Kompetenzen wird Camenisch Kommunist und 1944 MitbegrĂŒnder der Partei der Arbeit (PdA) und lange Jahre Grossrat dieser Partei in Basel, was dort schlecht goutiert wird und ihn auch bei den KĂŒnstlern der Gruppe 33 in eine zunehmende Isolation bringt.
Erst mit der 1985 in Chur und anschliessend in Olten (!) gezeigten Retrospektive wird er rehabilitiert und seine Bilder erzielen heute fĂŒnf- und sechsstellige BetrĂ€ge.
Camenisch ist auch ein ausgezeichneter Portraitist. Unser Museum besitzt mit dem Ferienbild Dr. Schlager (1932), dem Bildnis Hannes Meyer (1953) und natĂŒrlich dem Bildnis seiner Braut Martha drei besonders eindrĂŒckliche Beispiele.
Paul Camenisch (1893â1970)
Ferienbildnis Dr. Schlager, 1932
Ăl auf Leinwand, 115.2 x 111.2 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 2003.9
Paul Camenisch (1893â1970)
Bildnis Hannes Meyer, 1952/53
Ăl auf Leinwand, 92 x 73 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 2006.19,
Depostium Freunde Kunstmuseum Olten
Paul Camenisch (1893â1970)
Bildnis Martha Camenisch, 1932
Ăl auf Leinwand, 95 x 75.5 cm
Kunstmuseum Olten,
Depositum Freunde Kunstmuseum Olten, 1995
1933 heiraten Camenisch und seine langjĂ€hrige Freundin Martha Hoerler (1900â1985). Sie ist ZahnĂ€rztin und sichert den Lebensunterhalt und die politischen und sozialen AktivitĂ€ten ihres Mannes. Dass Martha Camenisch-Hoerler es mit ihrem Mann wohl nicht so leicht hatte, zeigt eine gewisse VergrĂ€mung und Anspannung in spĂ€teren Bildnissen, z. B. dem Bild Meine Gattin und ich von 1960/65:
Paul Camenisch (1893â1970)
Meine Gattin und ich, 1960/65
Bildquelle: artnet.de
Sie frontal, streng blickend in Weiss und Grau vor ihrem Zahnarzt-Instrumentarium, er farbenprĂ€chtig, verschwenderisch beim Malen einer Waldlandschaft â was fĂŒr ein Gegensatz!
Wer mehr ĂŒber diesen vielseitigen bedeutenden KĂŒnstler erfahren möchte, dem sei der Ausstellungskatalog von 1985 empfohlen, der im Kunstmuseum Olten noch erhĂ€ltlich ist und eine eigentliche Monographie darstellt.
Werke von Paul Camenisch in öffentlichen Sammlungen:
Werkbetrachtung: Angelika Zimmermann aus dem Empfangsteam denkt ĂŒber eine Ansicht von Olten nach
WÀhrend dem Lockdown haben wir die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich je ein Werk aus den dazumal geschlossenen Ausstellungen auszuwÀhlen, um es unserem Publikum in Erinnerung zu rufen und auf ihre ganz persönliche Art vorzustellen.
Seit dem 12. Mai ist das Museum wieder offen. â Wir laden sie deshalb mit dieser Werkbetrachtung herzlich dazu ein, den Kunstwerken in unseren Ausstellungen wieder im Original zu begegnen.
Sollen Sie selbst Lust haben, eine â wie auch immer geartete â persönliche Werkbetrachtung mit uns und anderen Besucher*innen zu teilen, freuen wir uns ĂŒber Ihre Zusendung auf [email protected]
Angelika Zimmermann aus dem Empfangsteam wĂ€hlt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus der Sammlung der Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums Olten» (26.1.â16.8.2020):
Johann Christian Flury
(Solothurn 1804 â 1880 Neuenburg)
Kirchplatz Olten, 1833
Aquarell auf Papier, 35 x 45.5 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 1934.1,
Schenkung L. Flury-Trog
Kirchplatz Olten
Wenn ich dieses Bild betrachte, werde ich ganz sentimental.
Ich, als gebĂŒrtige Oltnerin, Heimkehrerin nach vielen JahrenâŠ
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Werkbetrachtung: Leonie Schwarz aus dem Empfangsteam ĂŒber die Dornröschen-Arabeske von Eugen Neureuther
Noch schlummern unsere Ausstellungen wegen der Corona-Krise im Dornröschenschlaf â aber der Prinz naht! Am 12. Mai 2020 dĂŒrfen wir das Museum wieder fĂŒr unsere Besucher*innen öffnen! Wir freuen uns sehr!
In der Anfangsphase des Lockdowns haben wird die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich ein Werk auszuwÀhlen, das sie unserem Publikum in Erinnerung rufen und auf ihre ganz persönliche Art kurz vorstellen möchten.
Leonie Schwarz-Schelbert aus dem Empfangsteam wĂ€hlt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus der Sammlung der Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums Olten», das Sie bald schon wieder im Original betrachten können:
 Eugen Napoleon Neureuther
(MĂŒnchen 1806 â 1882 MĂŒnchen)
Dornröschen, Jahresgabe des MĂŒnchner Kunstvereins, 1834
Radierung auf Velin, ca. 69 x 52.5 cm (Druck)
Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts, Inv. 1990.B.311,
Stiftung Heinrich Thommen «in memoriam Emilie Linder»
Dornröschenschlaf
Beim Betrachten dieses Bildes und noch bevor ich die Legende las, dachte ich sofort an das MĂ€rchen «Dornröschen» der GebrĂŒder Grimm. Ich bin eine endlose Romantikerin und glaube fest an die ewige, grosse Liebe und an den einen Prinzen. Daher fiel mir der Mittelpunkt des Bildes, wo der Prinz sich ĂŒber Dornröschen beugt, um ihr den erlösenden Kuss der wahren Liebe zu geben, von Anfang an ins Auge.Â
Ich bewundere den KĂŒnstler Eugen Napoleon Neureuther (1806â1882), weil er es verstand, fast das gesamte MĂ€rchen in einem Bild zu erzĂ€hlen. Von den schlafenden Eltern, König und Königin, ĂŒber den schlafenden Hofstaat zu den Pferdeknechten und ihren Tieren in den StĂ€llen. Das ganze Schloss ist verborgen von Dornen, Rosen und Ranken. Die mutigen Prinzen, die sich nicht bis zu Dornröschen durchkĂ€mpfen konnten, wurden in der Rosenhecke gefangen und mussten sterben. Im Schlossturm sitzt die böse Fee mit der einzigen Spindel im ganzen Reich und wartet auf Dornröschen. Im Zentrum des Bildes schlĂ€ft Dornröschen seit hundert Jahren in Erwartung auf ihre Erlösung. â Es ist fĂŒr mich eine traurige, aber romantische Vorstellung, eine Ewigkeit auf die einzig wahre Liebe zu warten.Â
Das Bild ist sehr detailliert und aufwĂ€ndig gestaltet. Ich kann mir gut vorstellen, dass der KĂŒnstler lange an diesem Werk gearbeitet hat. Ich mag solche Bilder sehr, auch deshalb, weil ich so aufwĂ€ndige Bilder mit viel Geduld und Zeit selbst gerne zeichne.Â
So schön und traurig dieses Bild und MĂ€rchen auch sein mag, erinnert es mich auch an die jetzige Zeit des Coronavirus. Die Welt steht still, wir sind gefangen in unseren HĂ€usern und warten gefĂŒhlte hundert Jahre auf das Ende, niemand weiss, wie lange wir noch ausharren mĂŒssen und wie die Zukunft nach Corona aussieht. «Und sie lebten glĂŒcklich und zufrieden bis an ihr Lebensende», das wĂŒnsche ich mir auch fĂŒr die Zeit nach Corona.
Leonie Schwarz-Schelbert
Kunstmuseum Olten, Empfang / AufsichtÂ
Aus der Studierstube: Ein Bericht von Projektmitarbeiterin Stefanie Steinmann zum 1. Mai ĂŒber Linolschneider Meinrad Peier und die SP
2018 durfte das Kunstmuseum Olten den Nachlass des politisch engagierten Linol- und Holzschneiders Meinrad Peier (1903â1964) aus Lostorf bei Olten als Geschenk seines Sohnes entgegennehmen. Dank einer die Schenkung ergĂ€nzenden finanziellen UnterstĂŒtzung kann der kunst- und kulturhistorisch interessante Bestand aktuell von einer jungen Kunsthistorikerin erschlossen werden.
In einer mehrteiligen Serie gibt Stefanie Steinmann Einblick in diese Arbeit und stellt KĂŒnstler und Werk vor:
Meinrad Peier und sein Engagement fĂŒr die Ideale der Sozialdemokratie
In Lostorf, der Heimat von Meinrad Peier (1903â1964), fĂŒhrten viele Einwohner*innen einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb. Daneben gingen die meisten einer Erwerbsarbeit bei den Von-Roll'schen Eisenwerken, den Textilbetrieben im Raum Olten, bei Bally in Schönenwerd oder bei den SBB-WerkstĂ€tten in Olten nach.Â
Die Arbeiterschaft organisierte sich ab 1874 in der Sektion Lostorf der Sozialdemokratischen Partei, welche aus dem GrĂŒtliverein hervorging. Dieser war bereits 1838 gegrĂŒndet worden und hatte als Hauptziel die UnterstĂŒtzung und Bildung der WerktĂ€tigen, daneben ging es um die wirtschaftliche und soziale Besserstellung der Arbeiter*innen durch die Schaffung eines Fabrikgesetzes, den Aufbau von Konsumvereinen, die Organisation in Gewerkschaften und die Errichtung von Krankenkassen. Eine prĂ€gende Figur in der SP Lostorf war Hans BrĂŒgger, der von 1908 bis 1953 Ammann von Lostorf und lange Zeit auch solothurnischer Kantonsrat war. (vgl. Abb. 5)
Das gesellschaftliche Leben in den Dörfern war damals streng nach Parteien und Konfessionen organisiert: Es gab einen «gelben», einen «roten» und einen «schwarzen» Turnverein, es spielten eine freisinnige Musikgesellschaft und eine katholische Musikformation auf ...Â
Meinrad Peier, der seit dem fĂŒnften Lebensjahr Vollwaise war und mit seiner Schwester bei seinem Grossvater mĂŒtterlicherseits aufwuchs, verbrachte in diesem Umfeld eine bescheidene und karge, aber dennoch glĂŒckliche Jugendzeit. Die als Waisenknabe am eigenen Leibe erfahrenen Sorgen und Nöten prĂ€gten ihn stark, sodass er spĂ€ter nicht nur SP-Mitglied wurde, sondern auch als KĂŒnstler immer wieder Sujets aus der harten Welt von Bauern und Arbeitern wĂ€hlte.Â
Der oben erwĂ€hnte Gemeindeammann Hans BrĂŒgger war Meinrad Peiers Vetter und Förderer (vgl. Abb. 5). Nach dem Besuch des Lehrerseminars in Solothurn und einer ersten Anstellung als Volksschullehrer von 1923â1926 in KleinlĂŒtzel kehrte Meinrad Peier zurĂŒck nach Lostorf. Dort engagiert er sich nebst seiner TĂ€tigkeit als Lehrer Ă€usserst aktiv im Gemeindeleben: Er amtete als BĂŒrgerschreiber, war Mitglied der sozialdemokratischen Partei, im ArbeitermĂ€nnerchor, im Arbeiterturnverein SATUS, bei den ArbeiterschĂŒtzen und im Arbeiterbildungsausschuss. Dank der grosszĂŒgigen UnterstĂŒtzung seiner Mitmenschen in unterschiedlichen Lebenslagen wurde er bald zur Anlaufstelle fĂŒr die Dorfbevölkerung bei Fragen in Sachen SteuererklĂ€rung oder Arbeitsvermittlung, etwa bei der Post, der SBB oder Bally. Nach dem Zweiten Weltkrieg boomte im Kanton Solothurn die Wirtschaft. Gleichzeitig gewann die sozialdemokratische Partei an Einfluss, nachdem ihr 1943 erstmals mit Ernst Nobs (1886â1957) der Einzug in den Bundesrat gelungen war. Im gleichen Jahr wurde auch der Oltner Lehrer Gottfried Klaus (1899â1963) als erster Solothurner SP-Vertreter in den StĂ€nderat gewĂ€hlt, ab 1949 nahm er zusĂ€tzlich im Regierungsrat Einsitz.
Meinrad Peier hatte zusammen mit Gottfried Klaus das Lehrerseminar in Solothurn besucht. Neben ihrer LehrertĂ€tigkeit verband sie ihre Weltanschauung: Beide waren sie seit der frĂŒhen Jugend engagierte Sozialdemokraten, wirkten bei den Naturfreunden mit und liebten den Jura.
Ihre schöpferische Zusammenarbeit verwirklichten sie im gemeinsamen «Samstagswerk» auf der Titelseite der Zeitung «Das Volk» â ein Kommentar zum aktuellen Zeitgeschehen in Text und Bild, mit einem Gedicht von Gottfried Klaus und einem Linolschnitt von Meinrad Peier. Die Freunde telefonierten jeweils zu Beginn der Woche um ein Thema zu vereinbaren, das dann jeder unabhĂ€ngig vom anderen in seinem Medium bearbeitete. Das Werk des anderen und die sich aus der ZusammenfĂŒhrung ergebende Begegnung, sahen beide jeweils erst, wenn ihnen der Postbote am Samstag die Zeitung brachte. (vgl. Abb. 8)
Tragischerweise starb Gottfried Klaus im Jahr 1963 â wie Meinrad Peier ein Jahr nach ihm â an einem Verkehrsunfall. Peier verfasste den Nachruf fĂŒr seinen Freund (vgl. Abb. 9) und produzierte ab diesem Zeitpunkt bis zu seinem eigenen Tod sowohl die Texte als auch die Linolschnitte fĂŒr die Samstagausgabe in der Oltner SP-Zeitung «Das Volk». Â
Stefanie Steinmann
Kunstmuseum Olten, Projekt Nachlassaufbereitung Meinrad Peier
Zur Geschichte der Sozialdemokratie in der Schweiz:
Artikel im HLS
Werkbetrachtung: Claudia Kissling aus dem Empfangsteam schaut auf Anton Winterlins «Blick vom Hauenstein»
Bis voraussichtlich am 8. Juni 2020 sind unsere Ausstellungen wegen der Corona-Krise geschlossen. Wir haben die Mitglieder unseres Teams deshalb gebeten, sich ein Werk auszuwÀhlen, das sie unserem Publikum in Erinnerung rufen und auf ihre ganz persönliche Art kurz vorstellen möchten.
Claudia Kissling aus Empfangs-Team wÀhlt ein Exponat in der Ausstellung
«Rendezvous. Kostbarkeiten aus den Sammlungen
der Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jhs. und des Kunstmuseums Olten»
Kunstmuseum Olten, 26.1.â16.8.2020:
Anton Winterlin
(Degerfelden 1808 â Basel 1894)
Blick vom Hauenstein, 1852
Aquarell und Deckfarben ĂŒber Bleistift auf Papier,
20.5 x 28 cm (Blatt)
Kunstmuseum Olten, Inv. 1922.B207
Blick vom Hauenstein
Ein Bild, wie geschaffen, um in Corona-Zeiten betrachtet zu werden! Zwar zeigt sich die Landschaft darauf im SpĂ€tsommerkleid, wĂ€hrend uns das Coronavirus im schönsten FrĂŒhling belĂ€stigt, doch die Stimmung, die AtmosphĂ€re, die Ausstrahlung von Ruhe und besonnter Gelassenheit tuen der Corona-belasteten Seele gut!
Ein Bild das Raum schafft, sich der Weite öffnet, den Blick in die fernen Bergwipfel entfĂŒhrt und gleichzeitig mit prĂ€zisen Details ĂŒberrascht.
Das schrÀg einfallende Licht taucht die Baumwipfel, die HÀnge und Wiesen in Gold und lÀsst einen Moment am spÀteren Nachmittag vermuten. Zwei MÀnner begegnen sich auf dem Nachhauseweg und tauschen den Feierabendgruss. Ein junges Paar ruht nach dem Tageswerk wonnig im gemÀhten Gras, friedvoll entspannt, den zuversichtlichen Blick ruhig der Sonne zugewandt, Rechen und Heugabel beiseitegelegt. Es ist Zeit, sich ganz dem Augenblick der sinnlichen Abendstimmung hinzugeben.
Es tut meinem Innersten wohl, in dieses Bild einzutauchen, mich einfangen zu lassen von den wĂ€rmenden Farben, dem Blau des weiten Himmels mit den zart hingeworfenen Wolken. Und, wie in diesen Corona-Tagen, keine störenden Kondensstreifen, die von vorbeiziehenden Kerosinschleudern zeugen wĂŒrden!
NatĂŒrlich hat mein schauendes Auge auch die weissbeschneite Alpenkette erspĂ€ht und mit Freude den markant herausragenden Titlis entdeckt! Mein Lieblingsberg!
Nun lass ich es wieder, das Bild von Anton Winterlin, in lÀngst vergangenen Tagen gemalt und doch zeitlos schön! Ich habe es mit den Augen in mein Herz hineingemalt, da bleibt es als kleiner Schatz.