WÀhrend dem Lockdown haben wir die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich je ein Werk aus den dazumal geschlossenen Ausstellungen auszuwÀhlen, um es unserem Publikum in Erinnerung zu rufen und auf ihre ganz persönliche Art vorzustellen.
Seit dem 12. Mai ist das Museum wieder offen. â Wir laden Sie deshalb mit dieser Werkbetrachtung herzlich dazu ein, den Kunstwerken in unseren Ausstellungen wieder im Original zu begegnen.
Sollen Sie selbst Lust haben, eine â wie auch immer geartete â persönliche Werkbetrachtung mit uns und anderen Besucher*innen zu teilen, freuen wir uns ĂŒber Ihre Zusendung auf [email protected]
Yolanda Ludwig, unsere Leiterin Kunstvermittlung, wĂ€hlt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus den Sammlungen der Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jhs. und des Kunstmuseums Olten» (26.1.â16.8.2020):
Jakob Christoph Miville (Basel 1786 â 1836 Basel)
FlĂŒchtige Landschaftsstudie mit Baumgruppe, 1810â1816
Pinsel in Grau ĂŒber Bleistift auf Velin, 19.3 x 24.3 cm
Stiftung fĂŒr Kunst des 19. Jahrhunderts, Inv. 2017.Z.2529,
Schenkung Hans Christoph Ackermann
«FlĂŒchtige Landschaftsstudie mit Baumgruppe» trĂ€gt das Werk von Jakob Christoph Miville (1786â1836) als Titel. «Potential» wĂ€re auch eine Möglichkeit. Oder «Anfang», «Aufbau», «Fundament». Es wĂ€re vom KĂŒnstler wohl kaum ausgewĂ€hlt worden â er hĂ€tte sich wahrscheinlich geweigert, es öffentlich in einer Ausstellung zu zeigen. Es ist eine Studie, ein geheimer Blick in den Prozess der Arbeit des KĂŒnstlers, die sonst im Verborgenen bleibt.Â
Das Potential ist, was mich interessiert an diesem Bild. Es gibt mir als Rezipientin die Freiheit, das Bild in meinem Kopf fertigzustellen. Es gibt mir eine Ahnung des Gedankenraums des KĂŒnstlers.Â
In meiner Funktion als Kunstvermittlerin ist dieser Aspekt mein Motor, der mir die Motivation fĂŒr meine Arbeit liefert. Ich sehe das Potential. Das der Ausstellung, der KĂŒnstler, des Publikums und der Angebote. Meine Aufgabe besteht meines Erachtens darin, diese verschiedenen Parteien, die verschiedenen Ansichten und Stellungen miteinander zu verknĂŒpfen, sie zu verbinden, ihre Form, Gedanken und Inhalte so zu teilen, dass eine Mitte entsteht, eine potentielle Mitte, ein neuer Treffpunkt.Â
Potential (von lat. potentia «StĂ€rke, Macht»), auch Potenzial, bedeutet FĂ€higkeit zur Entwicklung; noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten.Â
Das Potential bietet also einen Ausgangspunkt, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, Neues zu denken und zu entwickeln. Der Gedankenaustausch mit anderen Menschen fĂŒhrt bestenfalls zu neuen Erkenntnissen.Â
Was sind nun meine neuen Erkenntnisse nach der Auseinandersetzung mit diesem Bild? Ich interessiere mich fĂŒr die Form, die Werkzeuge, den Strich, die Mittel, den Anfang. Ich lese, wie sich der KĂŒnstler einen Formenkatalog zusammenstellte, wie er sich ein formelles Vokabular antrainierte, indem er unzĂ€hlige Studien erstellte, wie ein Baum aussieht, wie mehrere BĂ€umen nebeneinander festzuhalten sind, damit sie eine neue Melodie hörbar machen. Anhand dieses kleinen Fragments kann ich mir eine Vorstellung davon machen, wie der KĂŒnstler vorging, um seine eigene Sprache zu finden.Â
Sind es nicht genau diese Erkenntnisse, auf die wir alle bangen? Sind es nicht all diese Studien, die wir tĂ€glich digital serviert bekommen, die uns beschĂ€ftigen? Wir alle suchen das ganze Bild, die fertige Strasse, das vollendete Lied. Doch die Sicht ist neblig, wie lange die Strasse ist, unbekannt und das Potential riesig. Wie lange noch, bis dieser Ausnahmezustand vorbei ist? Wie viele BĂ€ume, bis ich einen Wald zĂ€hlen kann? Wie viele Infizierte, bis die Herde immun ist? Und wie lange dauert das? Denken Sie, dass sich Jakob Christoph Miville diese Frage auch gestellt hat? Wie viele BĂ€ume noch, bis ich die Formen einsetzen kann, wie die Noten einer Melodie? Oder hat er sich darin verlieren können, so die Zeit ausgetrickst und sich erst noch selber weitergebracht?Â
In Zeiten wie diesen mutiert das Vermittlungspersonal zu ĂŒberbrodelnden Ideenfabriken, welche den potentiellen Infizierten durch ihre Umtriebigkeit als Zeitschleuder dienen, damit sie gar nicht bemerkten, wie die Zeit verrinnt, wie die Tage daher rennen. Die das Potential des Ăberstehens dieses Szenarios in kreativen Anleitungen und Denkanstössen bĂŒndelt und das Ăberleben wieder greifbar machen, im digitalen Raum neu plaziert â faszinierend, mitreissend.Â
So unscheinbar wie diese Baumstudie, erscheint doch der Begriff des Virus, der Bakterien, die die Welt und unser Leben so gehörig auf den Kopf stellen.Â
Wenn nun das Potential wieder ins Zentrum rĂŒckt â das Potential des Virus â so wird das Bild wieder hell, freundlich, fast friedlich. Das Potential als bestmögliche Variante von dem, was tatsĂ€chlich möglich wĂ€re. Bestenfalls also tut uns (hier in der Schweiz) die Pause gut, das stehenbleiben in der Zeit gibt Raum und der Perspektivenwechsel gibt die Sicht frei, frei fĂŒr neue Ansichten, neue Aussichten, neue Horizonte. Ein Hoch auf das Potential bedeutet somit auch ein Hoch auf die Hoffnung, die Sie diese Tage hoffentlich nicht verlieren. Bonne Chance alors!
Yolanda Ludwig
Kunstmuseum Olten, Leiterin Kunstvermittlung Â
Verfasst am 5. Mai 2020
Veröffentlicht am 28. Mai 2020