Pseudolinks und unsolidarisch
Liebe Freundinnen und Freunde,
In den letzten Tagen wurde ich mehrfach aufgefordert, doch endlich auch mal auf die inhaltliche Kritik einzugehen, die an meinen Positionen zur Impfung geübt wurde und nicht nur edgy Tweets abzusetzen. Da das aber auch ein wenig ermüdend sein kann, bitte ich darum, dass nur all jene weiterlesen, die wirklich inhaltlich debatiieren wollen. Diejenigen, die jetzt schon genervt sind, weil ich nicht zurückrudere, können hier Ihre Lektüre beenden. Vielen Dank.
Wer darüber hinaus Lust auf eine etwas abweichende Analyse der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise hat – jenseits des linksliberalen Mainstreams - der oder die sollte diesen Text unbedingt zu Ende lesen oder kann auch sofort zu Teil 2 weiter unten springen.
Ansonsten versuche ich gerade auch noch mit entsprechenden Expert:innen ins Gespräch zu kommen, die meine Argumentation entkräften können. Ich hoffe, dass eine solche Diskussion in Kürze stattfindet, um sie Euch dann öffentlich zur Verfügung zu stellen.
Zunächst möchte ich eine Sache klarstellen: Da draußen ist eine aggressive Atemwegserkrankung unterwegs, die vor allem sehr ansteckend ist. Sie ist für einige von uns auch äußerst gefährlich, ja sogar lebensbedrohlich, allerdings rechtfertigt ein Blick auf die Statistiken, meiner Meinung nach, die meisten der beschlossenen Maßnahmen nicht. Darüber kann man sich streiten und es bleibt Euch unbenommen, in diesen Fragen eine andere Meinung zu haben. Da es sich aber um Maßnahmen handelt, die uns als Gesellschaft betreffen, erlaube ich mir in dieser Diskussion eine Position zu beziehen, die etwas abseitig ist. In diesem Sinn, möchte ich dieses Posting auch als Beitrag zur Debatte um eine Impfpflicht verstanden wissen, in der es eben um die Frage geht, inwieweit einzelne Personen dazu verpflichtet werden sollen, einen medizinischen Eingriff und eine Medikation an sich zuzulassen.
Ich weiß, dass ich mit einem Teil meiner Ansichten in extrem schlechter Gesellschaft bin. Umso wichtiger wäre es, sich mit explizit linken Positionen vom rechten Rand abzugrenzen. Umso bedauerlicher ist es, dass eine explizit linke und antikapitalistische Kritik an den aktuellen Entwicklungen fehlt oder in eine verkehrte Richtung geht. Hier ist ein weiterer Versuch, genau diesen Stein ins Rollen zu bringen.
Nun aber zum Inhaltlichen.
Man hat mir im Laufe der Diskussion unter anderem „Wissenschaftsfeindlichkeit“ vorgeworfen und dass ich gewisse Fakten einfach ausblenden würde. Unter anderem wurde kritisiert, dass ich die durchgeführten Studien zur Wirksamkeit der Impfstoffe unterschlagen und behauptet hätte, dass solche Studien nie durchgeführt wurden. Hierbei wurde ich unter anderem auf die Seite der „Stiftung Gesundheitswesen“ aufmerksam gemacht, wo das Gegenteil zu lesen sei:
https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/covid-19-impfung/wirksamkeit-sicherheit-corona-impfstoff-comirnaty-biontech
Wahr ist allerdings, dass ich in meinem Gespräch mit Lowerclass Jane (https://www.youtube.com/watch?v=Oc5iPdl1UUY) sehr wohl gesagt habe, dass die Studie von Biontech-Pfizer stattgefunden hat, dass diese aber nach 4 Monaten abgebrochen wurde, wie auf der oben genannten Seite ebenfalls nachzulesen ist (Dezember 2020 bis März 2021). Eine Information, die im Übrigen auch auf der Internetpräsenz des Deutschlandfunk zu finden ist und nicht nur dort:
https://www.deutschlandfunk.de/corona-impfstoffe-placebo-studien-ethisch-bald-nicht-mehr-100.html
Nun kann man natürlich sagen, dass eine viermonatige Studie immerhin eine Studie ist und dass in dieser Studie, laut Herstellerangaben, eine hohe Wirksamkeit nachgewiesen werden konnte. Das bestätigt auch das Robert Koch Institut und bezieht sich auf Beobachtungen, bleibt in einer Stellungnahme vom 21.12.2021 in Bezug auf konkrete Zahlen bezüglich der Übertragbarkeit der Krankheit aber eher vage: „In welchem Maß die Impfung die Übertragung des Virus reduziert, kann derzeit nicht genau quantifiziert werden.“
https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/COVID-Impfen/FAQ_Transmission.html
Das Problem an der Datenlage besteht auch darin, dass weder die Forschungsergebnisse von Biontech-Pfizer, noch von Moderna noch von Astra Zeneca frei verfügbar sind. Ein Umstand den die Chefredakteure des British Medical Journal-BMJ in einem Editorial vom 19.01.2022 bemängeln. Dort heißt es: „Trotz der weltweiten Einführung von Covid-19-Impfstoffen und -Behandlungen sind die anonymisierten Teilnehmerdaten, die den Studien für diese neuen Produkte zugrunde liegen, Ärzten, Forschern und der Öffentlichkeit nach wie vor nicht zugänglich – und das wird wahrscheinlich auch noch jahrelang so bleiben. Dies ist bei allen Studien moralisch nicht vertretbar, besonders aber bei solchen, bei denen es um wichtige Eingriffe in die öffentliche Gesundheit geht.“
Abgesehen davon nehmen die drei Chefredakteure des Magazins auch auf den Tamiflu-Skandal von vor 12 Jahren Bezug. Damals wurden Milliarden von öffentlichen Geldern für fast unwirksame Arzneimittel ausgegeben und sie beklagen, dass sich seit damals wenig verändert habe. Auch aus diesem Grund fordern sie die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse – jetzt!
https://www.bmj.com/content/376/bmj.o102
Da dieser Artikel zum Zeitpunkt meines Gesprächs mit Jane aber noch gar nicht erschienen war, bezog ich mich bezüglich der Wirksamkeit der Impfstoffe auf eine Kohortenstudie der Universität Umea/Schweden, in der nachgewiesen wurde, dass die Impfstoffe innerhalb von wenigen Monaten an Wirksamkeit verlieren und dass nach einem halben Jahr keine signifikante Schutzwirkung mehr vorhanden ist:
https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3949410
Ein Forschungsergebnis, das übrigens auch in der deutschen Presse veröffentlicht wurde
https://www.mdr.de/brisant/corona-impfstoff-wirksamkeit-100.html
… und umgehend für ein Argument zur Booster-Impfung oder sogar für eine vierte Impfung benutzt wurde. Dabei sind die Ergebnisse einer vierten Impfung wohl eher ernüchternd:
https://www.fr.de/panorama/vierte-corona-impfung-biontech-moderna-israel-booster-studie-coronavirus-schutz-ergebnisse-zr-91242398.html
Da andere Ergebnisse offensichtlich fehlen und das Virus sich rasend schnell verändert, kann man verstehen, das sich die Wissenschaft mit Prognosen etwas schwertut. Wenn sich die Erkenntnisse allerdings nur auf Beobachtungen stützen, dann können wir aber zur Zeit auch beobachten, dass ein Übertragungsschutz durch Impfung wohl nicht mehr wirklich gegeben ist. Aus diesem Grund musste wohl auch Christian Drosten gegenüber dem Tagesspiegel auf die Frage, ob wir uns früher oder später alle mit Sars-Cov-2 infizieren müssen, eingestehen:
„Ja, wir müssen in dieses Fahrwasser rein, es gibt keine Alternative. Es hat sich ja irgendwann die Idee formiert, dass man Sars-Cov-2 komplett unter Kontrolle halten könne und müsse. Aber das ist nicht realisierbar. Das bedeutet aber nicht, dass diejenigen Recht hatten, die Sars-Cov-2 für harmlos halten und ungehemmt durch die Bevölkerung rauschen lassen wollen, die Durchseuchungsanhänger. Beides sind laienhafte Vorstellungen, die nicht tragfähig sind.
Wir können nicht auf Dauer alle paar Monate über eine Booster-Impfung den Immunschutz der ganzen Bevölkerung erhalten. Das muss das Virus machen. Das Virus muss sich verbreiten, aber eben auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes. Die abgeschwächte Infektion auf dem Boden der Impfung, das ist so etwas wie ein fahrender Zug, auf den man aufspringt. Irgendwann muss man da aber auch mal drauf springen, sonst kommt man nicht weiter. Die gute Nachricht ist: Im Moment fährt der Zug angenehm langsam, denn Omikron hat eine verringerte Krankheitsschwere.“
https://plus.tagesspiegel.de/wissen/virologe-drosten-im-interview-wie-lange-geht-diese-qualerei-noch-weiter-361636.html
Ich lasse an dieser Stelle das gesamte Statement von Drosten stehen, damit mir nicht vorgeworfen wird, ich würde Cherry-Picking betreiben.
Was bleibt, ist also der Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf, der sogenannte Eigenschutz. Das ist ein berechtigtes Argument, stellt allerdings keine ausreichende Begründung für eine Impfpflicht dar, weshalb auch der deutsche Ethikrat seine Empfehlung zur allgemeinen Impfpflicht am 14.01.22 relativierte, wie die Vorsitzende Alena Buyx gegenüber dem Magazin Der Spiegel erklärte: „Wenn sich die Situation deutlich ändert, muss man sich normative Einschätzungen, wie man sie getroffen hat, noch einmal neu anschauen. Alles andere wäre unverantwortlich. […] Wir betonen insgesamt die Revisionsoffenheit. Die empfehlen wir auch der Politik.“
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/alena-buyx-vorsitzende-des-ethikrats-wir-sind-alle-so-fertig-und-gereizt-als-gesellschaft-a-cbc1d938-172b-4649-9656-6bc0c006653d
… und auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestags kommt zum Ergebnis, dass der Eigenschutz nicht ausreicht, um eine allgemeine Impfpflicht durchzusetzen. In einer Stellungnahme vom Dezember 2021 heißt es auf Seite 7: „Grundsätzlich unterliegt es der autonomen Entscheidung jedes Individuums, selbst zu entscheiden, welche gesundheitlichen Risiken es eingeht oder ob es diesen mit einer vorbeugenden medizinischen Behandlung begegnet. Wenn schon einem Kranken eine medizinische Behandlung zu Heilungszwecken nicht aufgenötigt werden darf, dann darf sie erst Recht einem Gesunden nicht zu seinem vorbeugenden Schutz aufgenötigt werden.“
https://www.bundestag.de/resource/blob/874866/ab4b2f5f5db50791e7930daa69191f72/WD-3-198-21-pdf-data.pdf
Im Zuge der Eigenschutzdiskussion ist vielleicht auch ein Blick in die Statistik wichtig, für wen denn eine solche Impfung tatsächlich sinnvoll sein könnte. Betrachtet man die Letalitätsverteilung nach Altersgruppen am Beispiel Italiens und Deutschlands, so kann man feststellten, dass sich die meisten Todesopfer in der Altersgruppe ab 70 Jahren oder älter befinden:
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1114647/umfrage/letalitaetsrate-in-zusammenhang-mit-dem-coronavirus-in-italien-nach-alter/
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1104173/umfrage/todesfaelle-aufgrund-des-coronavirus-in-deutschland-nach-geschlecht/
Für diese Altersgruppen kann es also durchaus sinnvoll sein, sich entsprechend zu schützen, wobei man bei den gezeigten Grafiken hinzufügen muss, dass es sich hierbei lediglich um das Verhältnis von Menschen in bestimmten Altersgruppen bezüglich der Gesamtzahl der Verstorbenen und nicht der an Corona-Infizierten insgesamt handelt. Dieser Anteil ist entsprechend niedriger und liegt gerade bei jüngeren Menschen in einem Bereich von unter 0,05%.
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/120400/Berechnung-Sterberisiko-durch-Corona-bei-Aelteren-mehr-als-verdoppelt
Das heißt NICHT, dass ich behaupte, diese Krankheit würde nicht existieren. Das heißt NICHT, dass nicht auch junge Menschen schwer erkranken oder sogar sterben können und das heißt auch NICHT, dass man sich nicht entsprechend schützen soll, wenn man es möchte. Allerdings ist aus diesen Zahlen, nach meinem Dafürhalten, auch keine allgemeine Impfpflicht ableitbar. Weder per Gesetz noch moralisch.
Wobei wir dann beim Vorwurf angekommen sind, ich könnte durch meine Impfverweigerung im Zweifelsfall ein Intensivbett belegen, das eine andere Person dringender benötigt als ich, wenn ich einen schweren Krankheitsverlauf hätte. In diesem Zusammenhang kommt dann auch das Argument, dass im Verhältnis mehr Ungeimpfte als Geimpfte auf der Intensivstation landen und an diesem Argument ist tatsächlich etwas dran.
Das Divi-Intensivregister bemerkt in einer Presseerklärung, dass der Impfstatus von neu aufgenommenen COVID-19-Patient:innen auf Intensivstationen seit Mitte Dezember im Intensivregister erfasst wird, verweist für genauere Angaben aber auf die Wochenberichte des RKI.
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Wochenbericht/Wochenbericht_2022-01-20.pdf?__blob=publicationFile
Diese Wochenberichte sind sehr ausführlich und die Berechnungen zur Wirksamkeit der Impfungen ab Seite 23ff gehen sehr ins Detail. Zusammengefasst ergibt sich aber wohl folgendes Bild: Rund zwei Drittel der Covid-19-Fälle, die intensivmedizinisch betreut werden mussten sind ungeimpft, was wiederum für eine Wirksamkeit der Impfungen spricht, insbesondere in den Altersgruppen ab 70, wo das Verhältnis sogar 5 zu 1 ist. Das ist ein valider Punkt und sollte von all jenen in Betracht gezogen werden, die sich entsprechend schützen wollen. Auch das Argument, Intensiv-Pflegekräfte würden durch unnötige, weil ungeimpfte Corona-Patient:innen zusätzlich belastet ist gewichtig und sollte in die Überlegungen mit einbezogen werden.
Allerdings kommen hier aus den offiziellen Statistiken eher widersprüchliche Signale. Laut einer Umfrage des statistischen Bundesamts, scheinen Corona-Fallzahlen weder einen besonders positiven noch negativen Effekt auf die Intensiv-Betten-Auslastung gehabt zu haben oder zu haben, wie folgende Tabelle nahelegt:
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1246685/umfrage/auslastung-von-intensivbetten-in-deutschland/
Was man allerdings sehen kann, ist, dass die Anzahl der freien Intensiv-Betten zurückgefahren wurde, während die Anzahl der Notbetten aufgestockt wurde. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der Bund für die Einrichtung dieser Notbetten im letzten Jahr bis zu 50.000 Euro bereit gestellt hat – pro Bett.
Die Antwort auf die Frage, warum das Pflegepersonal auf deutschen Intensivstationen so überlastet ist, könnte also unter Umständen auch in der Gewinnorientierung des deutschen Krankenhauswesens und dem dazugehörigen Fallpauschalensystem zu suchen sein. In einem Artikel des Focus heißt es dazu: „Die Träger der rund 2000 deutschen Krankenhäuser konkurrieren um jeden Patienten und müssen ihre Betten möglichst gut auslasten, um rentabel zu bleiben.“ Ein Umstand der dann auch zu absurden Szenarien während der Pandemie geführt hat. Während die einen vor lauter Arbeit kein Land mehr sehen und das Klinikpersonal in einigen Kliniken an ihre psychischen und physischen Grenzen gelangt sind, werden an anderer Stelle Krankenhäuser geschlossen und Pflegekräfte entlassen.
Die entsprechenden Informationen zum deutschen Fallpauschalensystem, Rentabilität von Krankenhäusern und Klinikschließungen gibt es hier:
https://www.focus.de/gesundheit/system-steht-vor-dem-kollaps-fallpauschale-und-intensivbetten-chaos-gesundheitsreform-dringend-benoetigt_id_13240994.html
https://www.deutschlandfunk.de/krankenhaeuser-in-der-coronakrise-system-der-fallpauschale-100.html
https://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/sr/Sendung-vom-17-02-2021-Kliniksterben-in-der-Pandemie-100.html
Natürlich sollte man angesichts dieses systemischen Versagens eines durchkapitalisierten Gesundheitssystems alles dafür tun, um einen Krankenhausaufenthalt zu vermeiden. Dass ein systemisches Versagen allerdings unter dem Deckmantel der Solidarität letztendlich beim Individuum abgeladen wird, mit dem Vorwurf, dass eine individuelle Impf-Entscheidung den Kollaps des Systems zu verantworten habe – das halte ich persönlich für äußerst fragwürdig – aber darüber können wir uns, wie gesagt, auch gerne weiter streiten.
Soviel also dazu. Falls ich an dieser Stelle ein weiteres Argument übersehen habe, dann könnt Ihr das gerne in die Kommentare schreiben. Ich werde versuchen, darauf einzugehen.
Kommen wir nun also zu Teil 2 dieser Abhandlung. Kommen wir zur Analyse.
Achtung! Dieser Abschnitt ist nur für Leute interessant, die an einer weiteren politischen Diskussion teilnehmen wollen oder an einer Einschätzung Interesse haben, die sich etwas von den üblichen Analysen absetzt.
Da mir im Zuge der Debatte nachgesagt wurde, „pseudolinks“ zu sein, mir in einem Artikel des MZEE-Magazins (https://www.mzee.com/2022/01/mensch-marcus-ueber-staigers-weigerung-sich-impfen-zu-lassen/) unterstellt wurde, ich hätte den Boden der materialistischen, marxistischen Kritik verlassen, und ich im ak-magazin in die Nähe einer diffusen Masse gerückt wurde, die „realitätsverleugnend vor sich hin irrlichtert“ (https://www.akweb.de/politik/omikron-welle-corona-leugner-proteste-individualismus-neoliberalismus/), möchte ich dazu noch ein, zwei Kleinigkeiten sagen.
Verkürzte Kapitalismus-Kritik lautet das Vorwurf, den ich an dieser Stelle bekommen habe und den ich selbstverständlich zurückweise. Ich halten diesen Vorwurf mittlerweile sowieso nur noch für einen neoliberalen und substanzlosen Kampfbegriff, mit dem eine konkrete Kritik der Verhältnisse mundtot gemacht werden soll.
Denn festzuhalten bleibt: Der Kapitalismus ist zwar ein abstraktes gesellschaftliches Verhältnis, nichtsdestotrotz gibt es in ihm konkrete Akteure, die ihn am Leben erhalten. Zwar sind wir alle in diesem System „gefangen“ und haben unsere jeweilige Rolle zu spielen, nichtsdestotrotz haben manche Spieler auf dieser Bühne, allein durch ihre Geldmacht, ganz andere Möglichkeiten als Du und Ich oder die Person, die bei „Uber-Eats“ das Essen ausfährt.
Ich möchte hier auch noch auf eine gewisse Methodik innerhalb einer linken Analyse hinweisen, wie sie zum Beispiel auch von Lenin angewandt wurde, der in seiner Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ dutzende von Wirtschafts-, Börsen und Bankzeitungen zitierte und sich ganz konkret angeschaut hat, welche Firmen und Nationen in welchen Industrie-Sparten ihr Geld investiert haben. Vielleicht sollten wir genau das von Zeit zu Zeit auch mal wieder machen.
Auch in diesem Abschnitt beziehe ich mich auf Beobachtungen, die jedem und jeder allgemein zugänglich sind und von denen ich denke, dass man sehr gut sehen kann, wie einige Akteure diese Krise und die Angst vor der Krankheit eiskalt ausgenutzt haben. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nicht behaupte, sie hätten diese Krise erfunden oder inszeniert, vielmehr behaupte ich, dass sie aufgrund einer Überlegenheit durch Geld, Macht und Einfluss viel schneller und effektiver reagieren konnten, um daraus ihren Profit zu schlagen. So haben einige Konzerne und Einzelpersonen offensichtlich die Gunst der Stunde genutzt, um ihren Vorsprung auszubauen und damit sollten wir uns auseinander setzen, Gegenstrategien entwickeln, Alternativen anbieten.
Es ist ein echtes Ärgernis, dass diese Fragen ausschließlich vom rechten Rand ins Visier genommen werden, der standesgemäß darüber rumheult, dass ihr Mittelstand gerade den Bach runtergeht. In diesem Sinn hat der Kommentator von mzee tatsächlich recht, wenn er mir die Frage stellt, wovon denn der Kapitalismus profitieren würde, wenn die gesamte Wirtschaft aufgrund der Pandemie zum erliegen kommt? Ja, er hat Recht. Bewegt man sich in herkömmlichen marxistischen Kategorien, in denen die Warenproduktion an erster Stelle steht und sieht die Welt durch die Brille der dazugehörigen kapitalistischen Spieler, dann ist diese Beobachtung zutreffend. Dieser Kapitalismus macht gerade die Grätsche und leidet zum Teil selbst unter den Corona-Maßnahmen, weswegen sich Politiker wie Donald Trump und Wolfgang Kubicki oder Zeitungen wie DIE WELT gleichermaßen vehement für die Freiheitsrechte dieser Klientel einsetzen.
Der Mittelstand geht (unter Umständen) vollständig drauf. Öl, Gas und Stahl werden zum Auslaufmodell. Aber es ist ein alter Kapitalismus, der selbst zum Auslaufmodell wird und wir leben nicht mehr in diesem alten Kapitalismus - zumindest nicht mehr vollständig. So wie es aussieht befinden wir uns auf der Schwelle zu etwas Neuem und etwas Anderem. Wir bewegen uns auf einen Kapitalismus zu, in dem das Wissen die Produktivkraft Nummer 1 sein wird, was einen fundamentalen Unterschied zur jetzigen Produktionsweise darstellt. Dieser neue Kapitalismus steht auf der anderen Seite, hat die vollständige Umwälzung der Produktionsverhältnisse im Auge und fegt gerade alles vom Platz, was bislang da war. Schöpferische Zerstörung nennt der Wirtschaftstheoretiker Joseph Schumpeter das, was gerade passiert. Wir erleben einen großen Umbruch, der unsere Art zu arbeiten, zu konsumieren und zu leben fundamental verändern wird. Disruption heißt die Devise. Die Ersetzung ganzer Technologien durch andere.
Der neue Kapitalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er gar nicht so viel Neues schafft, sondern die bisherigen Organisation von Arbeit, Kommunikation und Handel neu strukturiert und optimiert - Stichwort Plattform-Kapitalismus, Lieferdienste, KI, Homeoffice-Lösungen, neue Kommuniaktionsmittel und die gesteigerte Fähigkeit die Bedürfnisse des Menschen besser ausspähen zu können (oder sie sogar zu manipulieren).
Die FAZ meldet, dass Microsoft und Alphabet/Google die großen Gewinner der Krise sind und das Handelsblatt gibt bekannt, dass die Nutznießer der Corona-Krise um 77% zulegen konnten. „Einen speziellen Corona-Schub hat es aber sicherlich bei Lieferservices gegeben, und auch bei anderen Sektoren wie dem eCommerce“, sagt in diesem Zusammenhang der Chefanlage Stratege der Deutschen Bank Dr. Ulrich Stephan.
Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass in der Liste der zehn reichsten Personen der Welt Menschen wie Elon Musk (Tesla), Jeff Bezos (amazon), Mark Zuckerberg (Meta), Larry Ellison (Oracle), Larry Page (Google/Alphabet), Bill Gates (Microsoft) zu finden sind, die für genau diese technologischen Disruptionen stehen. Lediglich Bernard Arnault (Louis Vuitton etc.) und Warren Buffet (Großinvestor) wirken in dieser Aufzählung etwas oldschool. Allein diese zehn Personen konnten aber ihren Reichtum während der Krise um eine weitere halbe Billion auf 1,12 Billionen US-Dollar ausbauen und treiben mit ihrer Geldmacht ihre ganz persönlichen Visionen voran. Visionen, die aber unser aller Leben bestimmen werden. Vom Weltraumabentuer, über die Beeinflussung von Cryptowährungen durch einen einizigen Tweet, das ewige Leben, bis hin zur Überwachung von Arbeitnehmern, Kunden und Usern - weitestgehend unkontrolliert und ohne demokratische Legitimation.
Wie die weltweite Ungleichheit zwischen diesen Personen und dem Rest der Welt immer weiter auseinander driftet, zeigt anschaulich der Im Januar veröffentlichte Ungleichheitsbericht zu Covid19 von Oxfam :
https://www.oxfam.de/ueber-uns/publikationen/oxfams-bericht-covid-19-auswirkungen-ungleichheitsvirus
Und wer einen Blick auf die Aktienindizes der Krisengewinner der Corona-Krise werfen möchte, der wird hier fündig.
https://www.finanzen.net/aktien/corona-aktien (Interessant ist an dieser Stelle übrigens, wenn man sich die 5-Jahres Kurven und die Kursentwicklungen ab Quartal II 2020 anschaut.)
Die neuen Produktionsmethoden und Organisationstechniken bescheren ihren Machern aber nicht nur Milliarden Gewinne sondern ermöglichen ihnen auch eine vollkommen neue Art der Überwachung von uns allen - was private Firmen, Konzerne und Staaten wohl gelichermaßen begeistert.
Die derzeitige Bereitschaft der Bevölkerung sämtliche Daten preiszugeben, dürfte ein Fest für jeden Überwachungslogistiker sein. Bereits im April 2020 warnte deshalb Amnesty international, dass die digitale Überwachung unsere Menschenrechte gefährden könnte. „Einige Regierungen instrumentalisieren die gegenwärtige Krise“ heißt es da, wobei der Physiker und Philosoph Armin Grunwald in einem Interview bei der NZZ nicht nur demokratiefeindliche Diktatoren meint. Er weist auf möglichen Gefahren und Folgen hin, die auch für demokratische Staaten durch den Einsatz von neuen Überwachungsmethoden entstehen könnten:
https://www.nzz.ch/international/technikfolgenforscher-ueber-digitale-ueberwachung-waehrend-corona-ld.1660607?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE
https://www.amnesty.de/informieren/aktuell/covid-19-digitale-ueberwachung-gefaehrdet-unsere-menschenrechte
Der Grund für die Normalbürger ihre Daten herzugeben, könnte übrigens auch im Versprechen liegen, durch diese Preisgabe eine verbesserte Gesundheitsvorsorge zu bekommen. Dies hat der Historiker Yuval Harari bereits in einem Vortrag von 2018 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorausgesagt – wer aber hätte gedacht, dass es so schnell geht.
https://www.youtube.com/watch?v=hL9uk4hKyg4
Gesundheit, Gesundheitsvorsorge, ein Leben ohne Krankheit, ja vielleicht sogar ein ewiges Leben. Transhumanismus ist das große Ding im Sillicon Valley und damit beschäftigt sich dann auch die Gesundheitsindustrie. Gentechnisch veränderte Arzneimittel gehören da ebenfalls dazu und insofern sind wir dann doch wieder bei den Pharmariesen angekommen, die mit eben diesen Produkten gerade am direktesten und plumpsten von der Krise profitieren.
Machen wir es an dieser Stelle kurz und betrachten wir nur die Spitze des Eisbergs: EU Kommissionspräsidentin vonderLeyen handelt mit Pfizer Chef Bourla einen Deal über 1,8 Milliaden Impfdosen aus. Wie viel da am Ende geordert wurde und wie viel Geld geflossen ist, dazu schreibt das Ärtzteblatt am 11.01.2022: „Auf Wunsch der Hersteller hält die EU die Abnahmeverträge und die darin vereinbarten Preise für Impstoffdosen bislang geheim.“
Die entsprechenden Stellen sind in den veröffentlichten Verträgen geschwärzt und Frau vonderLeyen hat wieder einmal alle ihre SMS gelöscht. Leider. Nun ja. Kommt öfter vor. Man kann halt nicht alles speichern.
https://www.berliner-zeitung.de/welt-nationen/wo-sind-von-der-leyens-nachrichten-an-den-pfizer-chef-li.207040
Doch die Gegensätze tun sich auch im eigenen Land auf. Der Umsatz von Biontech schnellt von einem Minus im Jahr 2019 auf einen Gewinn von 3,2 Milliarden im dritten Quartal 2021 und ist laut Medienberichten für ein Fünftel des deutschen BIP-Wachstums im letzten Jahr verantwortlich. Bezahlt mit öffentlichen Geldern, während in Berlin die offene Jugendarbeit um ihre Finanzierung bangen muss.
(In einer früheren Version stand an dieser Stelle fälschlicherweise, Biontech sei für ein Fünftel des BIP statt für ein Fünftel des Wachstums verantwortlich. Diesen Fehler habe ich nun korrigiert.)
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/792448/umfrage/gewinn-der-biontech-ag/
Für die Pharmaindustrie war Corona also ein echter Booster - im wahrsten Sinne des Wortes. Für das Jugendhaus in Eurer Nachbarschaft war Corona verheerend. Geht mal hin.
Versteht mich nicht falsch – ich finde die Investitionen in das Gesundheitssystem und Gesundheitsvorsorge besser als in Waffensysteme und ich weiß, dass man Sozialleistungen nicht gegeneinander aufrechnen kann. Ich finde es auch richtig und wichtig, wenn an neuen Krebstherapien geforscht und dafür Geld in die Hand genommen wird. Aber sollte das nicht ansatzweise demokratisch ausgehandelt werden, anstatt hinter verschlossenen SMS zwischen Frau vonderLeyen und dem Chef eines Pharmakonzerns – der dann noch nicht mal seine Forschungsergebnisse veröffentlichen will?
Um mal ein vorläufiges Fazit zu ziehen. Im Endeffekt ist die derzeitige Situation und der Kampf gegen das Corona Virus vergleichbar mit dem War on Terror. Eine reale Gefahr wird ausgenutzt und für die unterschiedlichsten eigenen Zwecke missbraucht.
Und hier gebe ich dann einfach mal die Frage zurück an uns Genossinnen und Genossen - Haben wir unseren ökonomischen Analysefähigkeit verloren? Haben wir unsere Fähigkeit zu dialektischem Denken verloren? Was ist aus einer Linken geworden, die sich mit allen möglichen Fragen der Moral beschäftigt, aber nicht mehr mit dem, was uns als Linke ausmacht – mit politischer Ökonomie.
Wir haben die fatale Situation, dass auf der einen Seite der Welt ein totalitäres Regime wie China, seine Bevölkerung drangsaliert und ausspionieren will und auf der marktliberalen Seite der Welt das Privateigentum sitzt, seine Belegschaften drangsaliert, zu mehr Effektivität antreibt und uns ausspionieren will.
Aus einer radikaldemokratischen und politischen Sicht müssten wir beides überwinden. Die Allmachtsfantasien von Staaten genauso, wie die totalen Kontrollfantasien des Privateigentums, um endlich als Gesellschaft zu agieren. Wenn wir es schaffen Themen wie Gesundheit, Ernährung und Klimagerechtigkeit ohne Verwertungsdruck und wirklich demokratisch zu diskutieren, dann wären wir einen großen Schritt weiter in Richtung einer wirklich solidarischen Gesellschaft.
In vielen Beiträgen wurde mir dann auch mangelnde Solidarität mit den Schwächsten vorgeworfen. Das kann ich nicht beurteilen. Ich selbst habe natürlich eine andere Sicht auf mich – aber die ist wie bei jeder Selbstwahrnehmung vielleicht auch gestört und es ist müßig einen Wettstreit darüber zu führen, wer denn jetzt solidarischer ist. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die Art von Solidarität, die gerade propagiert wird, perfekt in unsere Zeit passt.
Solidarisch sein, heißt in diesen Tagen: Man bleibt zuhause, hält Abstand und tut einfach nichts.
Den Leuten, die gerade am Ruder sind, dürfte das ziemlich gut gefallen.