Da hat man so einen kleinen Kinderfilm aus dem tiefsten Brandenburg, ein wunderschönes StĂŒck nachgerade meditatives Kino, und dann atmet das Ding eben doch deutsche Filmgeschichte aus, als gĂ€be es sonst nichts, schon in seinen Personen und Orten: Gedreht, geschrieben, produziert von Joya Thome, der Tochter von Rudolf Thome (spĂ€testens seit Rote Sonne eine feste GröĂe im deutschen Nachkriegsfilm abseits der ausgetretenen Pfade), entstanden teilweise auf dem Hof ihres Vaters in eben jenem titelgebenden Dorf Niendorf, und dann spielt auch noch Sophie Kluge, Tochter von Alexander, in einer Nebenrolle mit.
Vielleicht erklĂ€rt das aber auch die unaufgeregte Gelassenheit, mit der dieser Film entstanden ist, bemerkenswert, beglĂŒckend fĂŒr einen Debutfilm. Ohne öffentliche Förderung, weil das, wie man hört, eh viel zu lang gedauert hĂ€tte. Stattdessen an Ort und Stelle, zum Teil mit Laiendarstellern entstanden, finanziert aus Spenden und schlieĂlich von einem Festival zum nĂ€chsten durchgereicht, von Max OphĂŒls ĂŒberâs Filmfest MĂŒnchen bis zum Goldenen Spatz. Der schönste, beste deutsche Kinderfilm seit langem.
Es geht hier erst einmal um gar nichts. Einfach nur ein Brandenburger Sommer, es sind Ferien, die anderen MĂ€dchen âsind alle so komisch geworden dieses Jahrâ, sagt Lea (Lisa Moell) â mit denen mag sie eigentlich ihre Zeit nicht verbringen, aber mit wem sonst? Die ZehnjĂ€hrige stromert auf ihrem Fahrrad durchs Dorf, schaut immer mal wieder bei Mark (Mex SchlĂŒpfer) vorbei, einem Aussteiger aus Berlin, der sich hier einen Hof gekauft hat und sich ebenfalls ohne besonderen Antrieb durch die Tage treiben lĂ€sst.
Sie beobachtet ein paar Jungs um ihren AnfĂŒhrer Nico (Denny Sonnenschein), die eine Plastiktonne klauen, und folgt ihnen an den See; dort basteln sich die Kinder ein FloĂ, aber Lea darf natĂŒrlich nicht mitmachen. Bis sie sie brauchen, um einem RĂ€tsel auf die Spur zu kommen â wenn Lea das als Mutprobe mitmacht, darf sie mit ins Banden-Baumhaus und vielleicht auch aufs FloĂ.
Ein langer, ereignisloser Sommer, so zieht das Leben vorbei â immer bei gutem Wetter, in kurzen Hosen; die Eltern tauchen nur am Rande, meist visuell unscharf, ĂŒberhaupt auf. Niendorf wirkt hier aus der Zeit gerissen, nicht nur weil der Sommer nicht vergeht, sondern auch, weil so wenig auf die moderne, durchtechnisierte Gegenwart hindeutet. Irgendwann wird ein GesprĂ€ch am Laptop per Skype gefĂŒhrt, das war es dann auch schon mit der Moderne.
Sieht man allein in Leas Gesicht (und das sieht man viel, Moell trĂ€gt den Film ĂŒber weite Strecken quasi allein, eine wunderbare Entdeckung), dann sieht man da kein Lachen, ĂŒberhaupt weitgehend wenig Bewegung. Man könnte das fĂŒr die unendliche Tristesse des Dorflebens halten, aber dafĂŒr passieren dann doch zu viele Abenteuer. Mehr und mehr entsteht der Eindruck, man habe es hier mit fokussierter Konzentration zu tun. Mit dem Willen, dem Leben mehr abzutrotzen, Abenteuer zu finden, sich jedenfalls von der einen Gruppe nicht ausschlieĂen zu lassen: Dann suche ich mir halt eine andere, und die will mich.
Zugleich aber leuchten die Farben hier bloĂ nicht zu bunt, gibt es jedenfalls keine glorifizierende Verschönerung des Landlebens, wie es der deutsche Kinderfilm gerne betreibt; es gibt Intrigen und Ăngste und seltsame, auch sehr seltsame Menschen in diesem Dorf, und Thome diskreditiert keinen einzigen von ihnen. Die Kinder machen haarstrĂ€ubende Sachen (und mindestens Leas zweite Mutprobe wird zu einigen ernsten GesprĂ€chen mit den eigenen Kindern und Ermahnungen fĂŒr sie fĂŒhren: Denkt nicht im Traum daran, das nachzumachen!), und Königin von Niendorf verweigert sich einer eindeutigen Bewertung oder Positionierung: Das ist ein Film, der sein Publikum denken lĂ€sst und nachdenken lĂ€sst und all das in eine nur oberflĂ€chlich leichtfĂŒĂig erzĂ€hlte Geschichte verpackt.
Wenn am Schluss Lea und ihre Bande sich nach einem Streich auf die RĂ€der schwingen und gemeinsam durchs Dorf, durch die Felder fahren, dann mag das eine ungewisse, fragile, vielleicht gar fragwĂŒrdige Freiheit sein; aber sie trĂ€gt sich aus frisch aus der Gemeinschaft gewonnenem Selbstbewusstsein. Da ist ein Moment von GlĂŒck, in dem Lea der Welt auf einmal aktiv und offensiv gegenĂŒbersteht.
Und ein Moment, in dem vielleicht ein ganz, ganz kleines LĂ€cheln in ihrem Gesicht zu sehen ist.
Königin von Niendorf. Deutschland 2016. Regie: Joya Thome, 75 Minuten. Kinostart: 15. Februar 2018. FSK 0, empfohlen ab 8 Jahren.
In zwei Wochen kommt die KĂNIGIN VON NIENDORF ins Kino. Ein GlĂŒck! Da hat man so einen kleinen Kinderfilm aus dem tiefsten Brandenburg, ein wunderschönes StĂŒck nachgerade meditatives Kino, und dann atmet das Ding eben doch deutsche Filmgeschichte aus, als gĂ€be es sonst nichts, schon in seinen Personen und Orten: Gedreht, geschrieben, produziert von Joya Thome, der Tochter von Rudolf Thome (spĂ€testens seitâŠ