Bei Herrn Wu verläuft jeder Tag ähnlich, so als ob gar nichts anderes denkbar wäre. Morgens steht er auf und wäscht sich. Dann macht er sich ein einfaches Frühstück aus Brot, Käse und Tee. Danach setzt er sich vor sein einsames Häuschen, blickt in Richtung Tal und wartet. Beharrlich, aber ohne große Spannung.
An den meisten Tagen sieht er sie schon aus der Ferne. Da sehen sie fast aus wie Ameisen. Ameisen, die langsam menschlich werden und schließlich erschöpft und außer Atem bei ihm ankommen. Oft aber bemerken Sie Herrn Wu erst, wenn sie direkt vor ihm stehen. Herr Wu lächelt behutsam, denn er will sie nicht erschrecken. Er weiß, dass viele von ihnen beim Aufstieg die Welt um sich herum vergessen haben und der plötzliche Anblick eines menschlichen Wesens ihnen einen kleinen Schock verpassen kann. So, wie wenn man inmitten fremder Menschen aus tiefem Schlaf erwacht.
Herr Wu grĂĽĂźt nie zuerst, er grĂĽĂźt nur zurĂĽck. Manchmal dauert es ein paar Augenblicke, bis die Fremden sich ihrer Manieren erinnern. Doch Herr Wu wird nicht ungeduldig. Er wartet ab, erwidert den GruĂź und bitten den oder die Fremden, sich zu ihm zu setzen.
Er fragt sie, woher sie kommen. Er fragt, warum sie diesen Berg besteigen möchten. Die Antworten sind unterschiedlich, doch alle ähnlich. Alle kommen sie aus irgendeinem Ort, den Herr Wu nicht kennt und alle wollen sie den Berg besteigen, weil es eine “Herausforderung” ist. Ich glaube, für Herr Wu ist nicht ganz klar, was diese Leute mit “Herausforderung” meinen. Immerhin hat der Berg niemanden herausgefordert, der Berg ist einfach nur da.
Dann fragt er sie, was sie zurückgelassen haben. Er stellt die Frage immer auf die gleiche Weise, obwohl jeder Gefragte zunächst die Stirn runzelt. Zurückgelassen? Naja, dieses und jenes, aber man wolle doch zurückkehren und deshalb sei “zurückgelassen” doch wohl ein starker Ausdruck.
An dieser Stelle runzelt Herr Wu die Stirn. Er sieht den Menschen ins Gesicht und sagt nichts. Er hätte sicherlich vieles zu sagen, doch er schweigt. Er gibt den Menschen Zeit und Ruhe, um klare Gedanken zu fassen. Manche von ihnen nutzen die Gelegenheit, andere erkennen sie nicht und reden irgendetwas, um die Stille zu verjagen.
Der alte Wu lässt sie gewähren. Er lebt bereits so lange alleine hier oben am Berg, dass er selbst schon wie der Berg geworden ist. Menschen können ihn nicht beunruhigen. Sie können an ihm wachsen oder scheitern, doch Herr Wu bleibt Herr Wu.
Einige Zeit später, nachdem sie gemeinsam mit Herrn Wu geschwiegen oder geplaudert haben, verabschieden sich die Menschen wieder. Sie gehen dann entweder weiter bergauf, oder aber sie kehren um und gehen hinunter. Manche schütteln den Kopf über den Alten, andere denken noch lange an ihn.
Manche von denen, die weiter bergauf gegangen sind, kommen nicht wieder herunter, denn der Aufstieg ist sehr gefährlich. Herr Wu jedoch fällt das nicht auf, denn er vergisst sie alle nach kurzer Zeit. Er ist nicht wirklich an den Personen interessiert, die vorüber kommen. Es ist ihm regelrecht egal, welche individuellen Geschichten und Probleme jeder Einzelne mit sich trägt.
Was er tut, tut er nur, weil er immer wieder aufs Neue den Moment des Entschlusses erleben möchte. Dieser Augenblick, in dem die Münze plötzlich ihre Seite wechselt: Im Leben des Menschen hat sich dann eigentlich nichts verändert. Alle Dinge, Menschen und Beziehungen sind noch dieselben. Aber nichts ist mehr das, was es gerade noch war, alles hat eine andere Ordnung, einen anderen Wert. Dieser Augenblick ist für Herr Wu pure Magie.
Magie ist immer das, was uns fasziniert und was wir nicht wirklich verstehen. Wir verstehen nicht, wie das Kaninchen aus dem Zylinder kommen konnte, wo es darin doch gar keinen Platz hat. Und wir verstehen nicht, warum man sich so anders fĂĽhlen kann, wenn man mit anderen Menschen zu Musik tanzt - dennoch fasziniert es uns.
Herr Wu versteht nicht, wie all die Menschen, die blind zu ihm kommen, plötzlich zu Sehenden werden können. Wie der Nebel in ihren Köpfen sich so schnell lichten kann, nur weil er ihnen ein paar wenige Fragen stellt. Doch es fasziniert ihn. Ich denke, er war einmal in der Lage gewesen, so etwas nachzuvollziehen und es erinnert ihn an diese Zeit. Herr Wu kann jedenfalls nicht schon als kleines Kind dort vor dem Häuschen gesessen haben.
Manchmal fragt ihn jemand nach seiner Vergangenheit und warum er hier so einsam auf diesem Berg lebe. Dann schweigt Herr Wu, manchmal sogar so lange, bis der Besucher ratlos fortgegangen ist. Ganz selten aber antwortet er in vagen Sätzen. Dann erzählt er von einem, der zurückließ und so zum Zurückgelassenen wurde. Von einem, der zu spät das Sehen lernte. Er ist dann gar nicht mehr so ruhig, gar nicht mehr wie der Berg.
Ich kenne Herrn Wu schon seit ich Denken kann. Zweimal in der Woche besuche ich ihn, bringe ihm etwas zu essen und Teeblätter. Manchmal reden wir kurz miteinander, manchmal nicht. Ich weiß, dass er mir dankbar ist, aber es gibt hin und wieder einfach nichts zu sagen. Er redet nicht über die Menschen, die ihm begegnen, weil er sie schnell wieder vergisst. Und er interessiert sich nicht für das Leben im Dorf, aus dem ich komme.
AuĂźerdem weiĂź er, dass ich noch nie weiter den Berg hinauf gegangen bin, als bis zu seinem Haus. Und das gibt ihm Ruhe. Ich weiĂź gar nicht, was es mit ihm und dem Berg auf sich hat, aber irgendetwas ist da, das kann ich spĂĽren. Ihn zu fragen hat keinen Sinn, ich habe es schon einige Male versucht.
Auch Herr Wu wird alt. Er ist eben doch nicht ganz wie der Berg. Als ich ihn das letzte Mal sah, bat er mich zu sich und redete ungewöhnlich viel. Er wirkte wieder einmal gar nicht so felsenfest, gar nicht wie der Berg. Er sagte: “Weißt du, ich bin gar nicht mehr so sicher, ob es jemals für irgendetwas zu spät ist. Manchmal glaube ich, dass ich einfach nur zu viel Angst vor dem Zurücklassen habe. Denn um etwas Neues zu beginnen, muss man etwas zurücklassen. Ich habe schon lange nichts Neues mehr begonnen. Vielleicht ist das ein Fehler.”
Dann schwieg er auf seine steinerne Art und so stieg ich hinab ins Tal. Das war vor ein paar Tagen. Gestern dann kam ein Bergsteiger hinab und erzählte, er habe den alten Mann, von dem ihm alle erzählt hatten, nicht an der Hütte antreffen können.
Wahrscheinlich ist Herr Wu gestorben. Vielleicht aber hat er einfach all seinen Mut zusammengenommen und noch einmal etwas zurĂĽckgelassen. Um noch einmal etwas Neues zu beginnen.