2. Bundesliga: 1. Spieltag
Der ganz normale Wahnsinn
Um kurz nach 22 Uhr ließen die Löwenspieler im Kollektiv ihre Köpfe hängen. Nur eine Stunde zuvor hatten sie den Rasen des Fritz-Walter-Stadions lachend und feixend in Richtung Kabine verlassen. Dazu gab es auch einen konkreten Anlass: 1860 München führte zur Halbzeit mit 2:0 beim 1. FC Kaiserslautern und steuerte den perfekten Saisonauftakt an. Doch damit nicht genug. Lautern spielte seit der 20. Minute in Unterzahl. Torhüter Tobias Sippel hatte weit vor dem eigenen Strafraum gegen Münchens Bobby Wood pariert – scheinbar mit der Hand. Für diese Aktion sah er umgehend die rote Karte. Sippel selbst jedoch klopfte mehrmals auf seine Brust, um zu betonen, dass ausschließlich diese den Ball berührt hatte. In den zahlreichen Zeitlupen ließ sich die Szene nicht endgültig aufklären, vermutlich handelte es sich aber um eine Fehlentscheidung von Schiedsrichter Bastian Dankert aus Rostock.
Nach dieser umstrittenen Entscheidung verlief das Spiel genau nach den Vorstellungen der Gäste. Neuzugang Rubin Okotie gelang in der 26. Spielminute durch einen abgefälschten Gewaltschuss die 1:0 Führung, nur wenige Minuten später legte er das 2:0 nach. Ein perfekter Einstand für den ehemaligen österreichischen Nationalstürmer. In der Folgezeit besaßen die Löwen sogar einige Gelegenheiten um das Spiel durch ein 3:0 frühzeitig zu entscheiden. Doch auch mit der 2:0-Führung gegen zehn Lauterer rechnete niemand mehr ernsthaft mit einem Punktverlust.
Nach der Halbzeit drückten die roten Teufel erwartungsgemäß auf den Anschlusstreffer. Dieser gelang ihnen jedoch zunächst trotz einer einhundertprozentigen Torchance von Karim Matmour nicht. Stattdessen half Schiedsrichter Dankert mit, der sich die Szene scheinbar in der Kabine angeschaut hatte und eine Art Konzessionsentscheidung herbeiführen wollte. Nach einem Zweikampf zwischen dem Münchner Verteidiger Gui Vallori und Kaiserslauterns Jean Zimmer entschied der Schiedsrichter auf Elfmeter. Diesen verwandelte Srdjan Lakic mit Glück – Gabor Kiraly hatte die Ecke gerochen und kam sogar an den Ball. Trotzdem trudelte er ins Netz. Der Betzenberg witterte nun seine Chance. Und diese kam nur drei Minuten später. Lakic kam völlig unbedrängt an die Flanke von Chris Löwe heran und versenkte eiskalt mit dem Kopf zum 2:2-Ausgleich. Als in der 80. Minute der eingewechselte Stürmer Philipp Hofmann den Ball zum 3:2 ins Tor wuchtete kannten die Fans auf den Rängen kein Halten mehr – Kaiserslautern hatte zu zehnt ein 0:2 gedreht. In den verbleibenden Minuten schafften es die Gäste trotz der Überzahl nicht, sich weitere Torchancen zum möglichen Ausgleich zu erarbeiten.
Dieser Auftakt passt wie die Faust aufs Auge zu den Jahren seit dem Abstieg der Münchner Löwen. Ricardo Moniz ist bereits der zehnte Trainer dem das Projekt Aufstieg in der elften Zweitliga-Saisons in Folge gelingen soll. Bisher stand 1860 nur einmal kurz vor dem Wiederaufstieg – in der Saison 2004/2005 direkt nach dem Abstieg. Danach allerdings beendete Sechzig die Saison des öfteren näher an den Abstiegsrängen als an Platz drei. Unter dem Niederländer Moniz soll nun endlich die Rückkehr in das Oberhaus erreicht werden. Dafür verpflichtete der Verein so viele Neuzugänge wie selten zuvor. Zweimal bediente sich Sportchef Gerhard Poschner sogar beim FC Barcelona – wenn auch nur bei der zweiten Mannschaft. Trotzdem erwarten sich die Löwenfans von Ilie Sanchez und Edu Bedia einen Hauch von La Masia, der legendären Jugendakademie des FC Barcelona. Mit den weiteren Neuzugängen, Gary Kagelmacher (ehemals Real Madrid und AS Monaco), Leonardo, Rubin Okotie und Daynol Claasen gelten die Löwen für manchen Experten als einer der Mitfavoriten auf den Aufstieg.
Der erste Spieltag sollte diese Erwartungshaltung nicht bremsen – zumal er grundsätzlich eh kaum Aussagekraft besitzt. Vor allem in der ersten Halbzeit spielte 1860 teilweise ansehnlichen Fußball, wobei man sich natürlich immer in Erinnerung rufen muss, dass Kaiserslautern zu zehnt agierte. Vor allem die Abwehr dürfte Trainer Moniz allerdings Kopfzerbrechen bereiten. In der zweiten Hälfte gab es mehrmals Überzahlsituationen für Kaiserslautern – trotz deren eigentlicher Unterzahl. Daran dürfte Moniz jedoch selbst einen gewissen Anteil haben: Obwohl er die gesamte Vorbereitung mit Viererkette verteidigen ließ, stellte er zum Pflichtspielauftakt auf drei Verteidiger um. Gary Kagelmacher, Gui Vallori und Christopher Schindler schienen damit zurecht zu kommen. Beinahe minütlich kam es zu Stellungsfehlern und Missligkeiten im Spielaufbau. Deshalb bleibt es abzuwarten, wie lange Moniz noch mit dieser defensiven Dreierformation spielen lassen wird.
Im nächsten Heimspiel gegen den Aufsteiger aus Leipzig sollte die gesamte Mannschaft stabiler auftreten, damit die Spieler nicht wie gestern gegen 22 Uhr die Köpfe hängen lassen müssen.












