Wir sind in einer unserer Mittagspausen. Wir sprechen über Stadttiere. Über Kaninchen in Hessen, die auf der Suche nach einem ruhigen Platz für ihren Bau, ohne auf den Komfort und die Bequemlichkeit der Stadt zu verzichten, Tunnel unter einer großen Straße bis zu einem Kreisverkehr gebuddelt haben. Über einen gemütlichen Biber, der bei Tageslicht im Berliner Monbijoupark an einem Baum nagend ertappt wurde, ohne dass ihn die Nähe mit Menschen stören konnte.  Über eine Webcam, die einen Uhu am Stadtrande rund um die Uhr filmt und vielleicht auch über eine Herde von Elefanten, die seit Tagen offenbar ohne Ziel und zur Ratlosigkeit der Wissenschaftler:innen durch Dörfer in China wandert. Kurzum, wir sprechen darüber, wie Stadttiere auf uns wirken, was sie uns über invasive Arten erzählen: also über uns selbst.
An einem Punkt erwähne ich, dass ein Freund ein neues Buch über Tierverhalten in pandemischen Zeiten schreibt. Besonders schön finde ich die Art und Weise, wie dieser Freund Jules Renard als Figur in seine Erzählung einbaut: wie er sich auf seinem Weg nach Hause macht, wie er Anfang des 20. Jahrhunderts im französischen Hinterland spazieren geht. Renard, der nicht arbeiten musste, um zu leben, der aber auf seine eigene Weise in verschiedenen Gewerben arbeitete, ansonsten in den Tag hineinlebte, um später sein Tagebuch zu schreiben.
Auf seinen Spaziergängen begegnete er immer wieder Tieren: nur ein wenig außerhalb der menschlichen Sphäre, schon lenkte sich Renard von seinen Aufgaben ab und beugte sich über diese Wesen. Er schrieb auch über sie, baute ein Bestiarium von Kontrapunkten zwischen dieser Fauna und den Menschen, die sie umgeben, mit denen sie leben, die sie erleben.
„Die Geschichte der Heinroths“ so mein Ansprechpartner, der plötzlich das Wort wieder ergreift. „Stell Dir eine Etagenwohnung in einer Millionenstadt vor“, sagt er, „wo zwei Menschen mit Nachtschwalben, Spechten, Baumläufern, Mauerseglern, Birkhähnen, Kuckucken und Störchen wohnen“. So entdeckte ich Die Vogel-WG von Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser. Ein Buch, zu dem ich seit der ersten Begegnung immer wieder mit Begeisterung zurückkehre. Dies ist nicht nur der schönen Buchgestaltung und der Erzählung zweier spannender Lebensgeschichten, sondern auch der Auswahl wunderbarer Aufzeichnungen von Heinroth zu verdanken. Die erwähnten beiden Menschen, die in einer Vogelwohnung lebten, sind keine anderen als Oskar und Magdalena Heinroth. Das Ehepaar, das der Ornithologie Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Publikation des vierbändigen Buches Die Vögel Mitteleuropas einen neuen Ansatz anbot und sich dem Pionierbereich der Verhaltensforschung gewidmet hat.
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