Notbuk, Pfirsichsaft und Brand.
Es gab eine Zeit, in der ich in einer riesigen, erfolgreichen Agentur gearbeitet habe. Ja, ehrlich, ohne Witz. Unendlich viele kreative Köpfe, einige Azubis und Praktikanten… Als wir auf dem Dach standen und die Stadt erblicken konnten, fühlten wir uns wie Könige. Ich habe auch geraucht, nicht viel, einfach so um dabei zu stehen. Morgens war ich die erste, die Sonne ging gerade auf und die Putzfrau kümmerte sich um den Aufenthaltsraum. An dem einen Tag musste ich mal wieder um einen Pitch kämpfen, es sollte ein wunderbarer Kampf werden. Nächtelang habe ich mich darauf vorbereitet - Nächte voller Schmerz, Sehnsucht, Milchkaffee und Musik wie dieser aus dem Radio. Da war eine Wohnung in Köln über einem lustigen Gemüsehändler undenkbar. Ich ohne Businessbluse, Rotwein und Pumps? Keine Chance.
Dachte ich jedenfalls. An dem Tag, an diesem einen Morgen, da kam mir der Gedanke, zu kündigen. Einfach so. Die Wolken sagten mir irgendwas, etwas mit Hoffnung, einem kleinen Koffer und erzählten von meinen verlorenen Träumen. Hast du überhaupt noch Träume? Boah scheiße, wie kitschig ist das denn, verdammt.
In der Mittagspause vor dem Pitch ging ich in eine Lounge und trank einen Mojito. Ja, um 12 Uhr am Vormittag, ich musste verrückt sein, aber mein Magen schmerzte und der Kopf tat endlos weh von all diesen Stimmen die mir sagten: Koop, du musst weg aus dieser Lage, du musst es anders machen.
Am Abend trank ich einen Pfirsichsaft, das war zu Zeiten von Herr Motor (er heißt nicht wirklich so, es war nur sein Spitzname damals), als ich gerade ein gebrochenes Herz hatte und nicht damit umgehen konnte. Ich unterschrieb meine Kündigung auf einem Bierdeckel, den ich mal für irgendeinen Kunden gestaltet hatte. IRGENDEIN Kunde. Ich wusste weder den Namen, noch konnte ich das Gesicht zuordnen. So wollte ich nicht leben, kalt, leer, nicht einmal den Namen des Kunden wissend, der mir mein Essen bezahlt. Sozusagen. Ihr wisst schon, was ich meine.
André, mein damaliger bester Freund und Vorgesetzter verstand die Welt nicht mehr. Einfach so ging ich. Ich kündigte meine Wohnung, stellte mich zum ersten Mal in meinem Leben auf einen Trödelmarkt und verkaufte alles, meine Boss Kostüme, die arme Sandalette Anastasia. Bis ich nur noch einen Koffer und einige Kostbarkeiten in Kartons übrig hatte (und einen Karton mit endlosem Krimskrams. Der ist bis heute nicht ausgepackt worden, aber dazu komme ich jetzt).
Es kam dazu, dass ich ein wenig rumreiste, mich mit meinen Ersparnissen in den Städten umsah, in denen ich aus geschäftlichen Gründen damals keine freie Minute genießen konnte. Unter anderem in Köln. Und dort begegnete ich irgendwie Herrn B., bei dem ich in einer kleinen Straße ein paar Äpfel kaufte. Er hatte nur Plastiktüten, regte sich aber tierisch darüber auf. Er wollte doch unbedingt bedruckte Papiertüten mit einem seiner tollen Sprüche (Das Gemüse ist frei von Die Gedanken sind frei. Ja ich weiß, witzig wie immer. NOT. Aber so ist Herr B. eben. Unbezahlbar!)!
Und irgendwie kam eins zum anderen. Ich bot ihm bedruckte Tüten an, er mir die Wohnung im Haus, am nächsten Tag wachte ich auf einer durchgelegenen Matratze in meinem jetzigen Wohnzimmer auf und hatte gegenüber anscheinend richtig gefeiert. Was? Das weiß ich bis heute nicht…!
Nunja, jedenfalls suchte ich heute, wie man eben so sucht, nach einem alten Gelstift, den ich irgendwo in dem Krimskrams-Karton versteckt hatte. Und entdeckte nicht nur den Stift, sondern Kostbarkeiten! Billigen Schmuck, den ich an meinem ersten Arbeitstag getragen hatte. Ein kleines Notizbuch mit Manga-Smileys, Geschichten aus alten Zeiten und mein absolutes Lieblingsbuch, das total zerfetzt, benutzt und geknickt darin lag. Das alles hatte ich aufgegeben und fand es nun wieder. Und so erinnerte ich mich an den Morgen, an dem ich beschloss, wieder so zu sein. Ob der Herr Professor all das geahnt hat, als er mich ablehnte? Als er mich wüst betitelte, unangemessen behandelte und mir auch noch dieses Schreiben schickte, das mich fassungslos zurückließ? Ich glaube nicht. Er sah etwas, das alle sahen, wenn sie sich meine Unterlagen ansahen. Ändern konnte ich meine Zeugnisse nicht, sollte ich mich schlechter machen als ich bin? Nur um in eine Silikonbackform der Zukunft zu passen? Ich denke nicht. Eigentlich sollte ich schon seit drei Stunden im Bett sein, weil ich morgen mal wieder die Welt retten sollte, aber ich brenne noch. Ich dachte, ich hätte es nach all den Wochen abgelegt, aber ich kann nicht. Mitten in der Nacht wird mir bewusst: Ich habe alles richtig gemacht, nur haben andere das nicht so gesehen. Aber, wie in einem klugen Buch mal stand: Ich bin nicht so, wie die Welt mich gern hätte. Oder so.
Nun sitze ich hier, im Vintage-Bett, mit kleinem Notbuk und großem Herzen und weiß endlich, was ich tun muss. Sollte. Doch wie fange ich an? Wie packe ich es an? Da muss ich noch ein bisschen drüber nachdenken.