Poetry Slam - Motorschaden
Kennt ihr diese Autos...
die am Straßenrand stehen?
Nicht die Neuwagen.
Nicht die glänzenden.
Ich meine die,
an denen man vorbeifährt
und denkt:
"Schade."
Mehr nicht.
Einfach nur Schade.
...
Man sieht den Lack.
Die Beulen.
Den Rost.
Vielleicht eine kaputte Scheibe.
Aber niemand fragt,
welche Strecke dieses Auto
eigentlich hinter sich hat.
Niemand fragt,
wie oft es jemanden
sicher nach Hause gebracht hat.
Wie viele Stürme
es durchfahren musste.
Wie oft es weitergefahren ist,
obwohl längst etwas im Motor
kaputt war.
...
Menschen sind genauso.
Sie sehen,
dass du noch fährst.
Also gehen sie davon aus,
dass alles funktioniert.
Niemand fragt,
ob der Motor
bei jedem Start eigentlich betet, noch einmal anzuspringen.
...
Ich glaube...
ich fahre schon lange
mit einem Motorschaden.
Nicht groß genug,
dass andere ihn hören.
Nur laut genug,
dass ich ihn jede Nacht höre,
wenn es still wird.
Dieses leise Klackern.
Dieses Zittern.
Dieses Gefühl,
dass etwas in mir
nicht mehr rund läuft.
...
Am Anfang
war da nur eine kleine Warnleuchte.
Ganz unscheinbar.
Ich habe sie ignoriert.
Weil alle gesagt haben:
"Ach, das wird schon."
Also bin ich weitergefahren.
Mit jedem Kilometer
ging eine weitere Lampe an.
Motor.
Bremse.
Lenkung.
Öldruck.
Irgendwann...
sah mein Armaturenbrett aus wie ein Weihnachtsbaum.
...
Und wisst ihr,
was die Menschen gesagt haben?
"Du siehst doch ganz normal aus."
Ja.
Autos schreien auch nicht,
wenn sie kaputtgehen.
Sie machen einfach weiter.
Bis sie irgendwann
gar nichts mehr machen.
...
Es ist faszinierend.
Ein Auto bekommt
regelmäßige Inspektionen.
Neues Öl.
Neue Bremsen.
Neue Reifen.
Menschen?
Menschen bekommen Sätze wie:
"Reiß dich zusammen."
Oder:
"Andere haben es viel schwerer."
...
Stellt euch vor,
euer Mechaniker würde das sagen.
"Der Motor raucht."
"Ja, aber bei dem BMW da drüben brennt er komplett. Jetzt stellen Sie sich mal nicht so an."
Wie absurd wäre das?
Und trotzdem...
machen wir genau das miteinander.
...
Mein Tank
war nie leer,
weil ich zu wenig bekommen habe.
Er wurde leer,
weil ich ständig
versucht habe,
für andere weiterzufahren.
Immer noch eine Strecke.
Immer noch eine Schicht.
Immer noch ein Gespräch.
Immer noch ein Lächeln.
Bis irgendwann...
die Tanknadel
schon lange unter Null stand.
...
Das Verrückteste
an einem Motorschaden ist:
Er passiert selten
plötzlich.
Er kündigt sich an.
Mit kleinen Geräuschen.
Mit einem Ruckeln.
Mit einer Warnleuchte.
Mit einem seltsamen Gefühl.
Nur...
wenn niemand anhält,
werden aus kleinen Geräuschen
große Schäden.
...
Ich frage mich manchmal...
wie viele Menschen
eigentlich mit Motorschaden
durchs Leben fahren.
Wie viele lächelnd zur Arbeit gehen.
Freunde treffen.
Einkaufen.
Lachen.
Obwohl sie innerlich
bei jedem Kilometer hoffen,
nicht genau heute
liegen zu bleiben.
...
Denn liegen bleiben...
das macht Angst.
Nicht,
weil man versagt hat.
Sondern, weil plötzlich alle zuschauen.
Und manche sagen dann:
"Das kam überraschend."
Nein.
Überraschend war nur,
dass ihr hingesehen habt.
...
Ich habe so lange versucht,
mein Motorengeräusch
zu verstecken.
Ich habe lauter gelacht,
damit niemand das Klackern hört.
Ich habe schneller gearbeitet,
damit niemand merkt,
wie schwer jeder Meter fällt.
Ich habe gesagt:
"Mir geht's gut."
Obwohl mein Inneres
längst nach einer Werkstatt geschrien hat.
...
Und wisst ihr...
das Traurigste ist nicht,
dass Maschinen kaputtgehen.
Das Traurigste ist,
dass wir bei einem Auto
sofort anhalten würden.
Wir würden die Motorhaube öffnen.
Nachsehen.
Helfen.
Wir würden sagen:
"So kannst du nicht weiterfahren."
Aber bei Menschen...
sehen wir die Warnleuchten oft erst,
wenn der Motor längst stillsteht.
...
Vielleicht...
müssten wir aufhören,
Menschen danach zu beurteilen,
wie sauber ihr Lack aussieht.
Vielleicht...
sollten wir öfter fragen,
"Wie klingt eigentlich dein Motor?"
Nicht:
"Wie geht's dir?"
Denn darauf
haben wir alle gelernt zu antworten.
Aber auf die Frage,
"Wie klingt dein Motor?"
darauf...
müsste man ehrlich sein.
...
Und falls ihr irgendwann
einem Menschen begegnet, der langsamer fährt als früher...
der öfter anhält...
der nicht mehr so laut lacht...
dann hupt nicht.
Überholt ihn nicht.
Urteilt nicht.
Vielleicht kämpft dieser Mensch
gerade mit einem Motor,
der jeden einzelnen Kilometer
mehr Kraft kostet,
als ihr euch jemals vorstellen könnt.
Und vielleicht...
ist das größte Wunder
gar nicht,
dass manche Menschen
immer weiterfahren.
Sondern, dass sie nach all den Kilometern,
nach all den Schlaglöchern,
nach all den Unfällen,
nach all den Warnleuchten...
überhaupt noch den Mut finden,
den Schlüssel umzudrehen und zu hoffen,
dass der Motor
noch ein einziges Mal
anspringt.
@eponomasie













