Absolute Gerechtigkeit. - Mit der irdischen Gerechtigkeit oder dem verdienten Schicksal kann es zwar sicher besser werden, als es ist, und dafür wird ja auch der geschichtliche Kampf geführt. Doch absolut in Ordnung kommen kann diese Sache nicht. Wem soll Gerechtigkeit werden, wer soll sein Schicksal verdienen? Die Menschen? — aber gehört nicht zu jedem Menschen sein Äußeres und Inneres, seine Nase, sein Kopf, seine Begabung, seine Erregbarkeit, seine Eifersucht, die Leere oder Fülle seines Geistes? Es besteht doch kein Zweifel darüber, daß Armut, Krankheit, früher Tod nicht in höherem Maße Schläge des Schicksals sind und daher von der Gerechtigkeit ausgeglichen werden müßten als ein häßliches Gesicht, schlechte Charakteranlagen und Ohnmacht des Geistes. Wer also, da selbst die »Persönlichkeit« ihm bloß »zugehört«, ist das Ich, das der Hilfe bedarf? Vauvenargues hat gegen Rousseau gesagt, Vermögensgleichheit könne durch den Hinweis auf natürliche Gleichheit nicht begründet werden, denn die Menschen seien in Wahrheit nicht gleich, sondern ungleich erschaffen. Vauvenargues hat damit die Verteidigung der Ungleichheit in der Gesellschaft begründet anstatt die Verbesserung der Natur. Die gesellschaftliche Umwälzung hat auch die »Natur« zu verändern. Aber was nach alledem immer problematischer wird, sind die Subjekte, denen Gerechtigkeit werden soll. Sie erscheinen schließlich als völlig abstrakte, aller wirklichen Eigenschaften entkleidete »reine« Iche. Die »radikale« philosophische Frage führt wie überall so auch hier ins Nichts, denn diese Iche sind wesenloser Schein oder vielmehr der Schein des Wesens. Das Substrat der durch die vollendete Gerechtigkeit zu bewirkenden Veränderung ist unauffindbar. In der Wirklichkeit werden unter dem Titel der Gerechtigkeit ganz bestimmte Veränderungen, die man bezeichnen kann, gefordert - die absolute Gerechtigkeit ist ebenso unausdenkbar wie die absolute Wahrheit. Die Revolution braucht sich nicht darum zu kümmern.