Die Karwoche - wörtlich: die Heilige Woche
Ab heute wird es ernst auf der Iberischen Halbinsel: Die Semana Santa nimmt ihren Lauf! - In der Katholischen Kirche gilt Ostern als das bedeutendste Fest im Jahresverlauf: Gläubige gedenken der Auferstehung Jesu Christi.
In Spanien, wie in allen streng katholischen Ländern, ist die Karwoche (vom Domingo de Ramos | Palmsonntag bis zum Domingo de Resurrección | Ostersonntag) das landesweit wahrscheinlich aufwändigste gesellschaftliche Ereignis überhaupt.
Insbesondere in der südlichen Hälfte des Landes, speziell in Andalusien, kommt das Alltagsleben fast vollständig zum Erliegen. In Städten wie Granada und vor allem Sevilla wird der Straßenverkehr eine Woche lang streng reguliert, um den Menschenmengen rund um die Prozessionen der cofradías | Laienbruderschaften Platz zu machen.
Von Palmsonntag bis in den Vormittag des Auferstehungssonntages ziehen die Teilnehmer der Bruderschaften, die man costaleros | Bildträger, nazarenos | Nazarener oder penitentes | Büßer nennt, in langen Karawanen durch genau festgelegte Straßenzüge von ihren Kirchengemeinden zu der jeweiligen Hauptkirche, etwa dem Dom, und wieder zurück.
Der zentrale Bestandteil einer jeden Prozession ist der paso | (hier:) das Heiligenbild, einer meist überdimensionalen Darstellung aus der Passionsgeschichte (siehe Titelbild), die auf den Schultern Dutzender costaleros | Träger durch die Straßen geleitet wird; an engen Abbiegungen oft in Zentimeterarbeit. - Die Träger eines paso befinden sich dabei verdeckt und dicht an dicht unter dem tonnenschweren, ab und an bedenklich schwankenden Aufbau und sind zweifelsohne & wahrlich würdige Büßer!
Begleitet werden die Züge von Musikkapellen und den Mitläufern: nazarenos | Nazarenern in langen Capes und Spitzhauben, die nur die Augen frei lassen und den weltlichen Beobachter an Uniformen des Ku-Klux-Clan erinnern; penitentes | Büßer, die hängende Hauben auf dem Kopf und auf den Schultern oft Holzkreuze tragen. Die Teilnehmer gehen in der Regel barfuß, bei manchen Prozessionen tragen sie sogar eiserne Fußketten. Die Begleitung der Züge erfolgt - abgesehen von musikalischen Einlagen - in Stille und Gebet, die Teilnehmer müssen von Anfang bis Ende, also stundenlang, bei ihrem Zug bleiben.
(Nazarenos beim Auszug aus der Kirche)
Die religiösen Bruderschaften gehen auf das Spätmittelalter zurück, auf das 11. Jahrhundert. Laienbruderschaften der Büßer, die Prozessionen veranstalten, wurden in Spanien seit dem 16. Jahrhundert gegründet, als Gegengewicht zur Herausforderung der katholischen Kirche durch Luther, so heißt es.
Heute sind Mitgliedschaft in einer Bruderschaft und Teilnahme an den Prozessionen gleichzeitig gesellschaftliche Auszeichnung und Herausforderung, womöglich am ehesten vergleichbar mit deutschen Karnevalsorden und -umzügen.
Ach ja, und am Ostersonntagnachmittag ist der ganze Spuk wieder vorüber!