„Finn! Hörst du zu?!“ Wie ein Peitschenhieb schlug die scharfe Stimme von Herrn Benninger durch den Raum und schreckte Finn aus seinen Tagträumen.
„Äh, was? Nee.“ Er biss sich auf die Zunge, um das letzte Wort zu verhindern, das seinen Mund automatisch verließ. Zu spät. Jetzt tat ihm einfach nur die Zunge weh. Und Herr Benninger überlegte gerade, ob er amüsiert oder wütend sein sollte.
„Wenn du das nächste Mal abschaltest, hab wenigstens den Anstand, mich anzulügen, in Ordnung?“ Gott sei Dank.
„Ja, Herr Benninger. Nächstes Mal lüge ich“, sprach er wahrheitsgemäß. Allgemeines Gelächter. Hätte Finn nicht antworten sollen? Er verdrehte die Augen. Die Leute dachten, er wäre der große Clown. Tatsächlich verstand er nur nicht, wann man von ihm eine Antwort erwartete, und wann nicht. Er wurde angemotzt, wenn er nicht antwortete. Und wenn er auf etwas antwortete, wahrheitsgemäß und ernst, dann auch. Dann wurde ihm immer Aufmüpfigkeit unterstellt. Es war zum verrückt werden. Er hatte vor langer Zeit schon aufgehört, verwirrt zu sein. Jetzt nervte und frustrierte es ihn einfach nur.
In Modul 4 konnte er nie aufpassen. Wozu es auch versuchen? Er sprach schon eine ganze Weile länger Englisch als Deutsch. Das hatte er auch Herrn Benninger schon einmal gesagt, als der ihn Anfang des Jahres einmal in die Ecke gedrängt und über sein scheinbar „mangelndes Engagement“ ausgefragt hatte. Da konnte der noch so oft betonen, dass es „Ja schließlich um berufsbezogene Fremdsprachenkommunikation“ ging. Er hatte bisher trotzdem nur gute Noten.
Er rieb sich die Augen und zwang sich, Herrn Benningers Ausführungen zu folgen. Es war fast Vier. Seit Viertel vor Acht war er jetzt schon hier.
Konnte ihm doch keiner erzählen, dass die anderen auch nur ansatzweise aufnahmefähiger waren, als er. Die Hintergrundgeräusche verschwammen zusammen mit der Stimme des Dozenten zu einer verquirlten, dicken Sauce in seinem Gehirn. Solange er nur daran dachte, so zu tun, als würde er Stichpunkte mit tippen, würde es hoffentlich nicht weiter auffallen. Egal. Er würde einfach vor Ende der Stunde ein Foto vom Whiteboard machen und… „Okay Leute!“, schallte Herrn Benningers Stimme als ein weiterer Peitschenknall durch den Raum, während er ein kompliziertes Netz vielfarbiger Diagramme und Stichpunkte vom mobilen Whhiteboard wischte, das rechts neben dem Smartboard stand. „Damit wären wir dann durch für heute! Denkt dran, Klausur nächste Woche!“
„Mist.“, dachte Finn während der Dozent zum Beamer ging und die Powerpoint abschaltete, die nebenbei über das Smartboard gelaufen war.
Finn ließ den Kopf hängen und schaute frustriert auf den Boden. Das hatte er verdient. Er hätte ja auch einfach aufpassen können, wie alle anderen auch.
Im angrenzenden Gebäude zur Berufsschule, in dem sich die Realschule befand, kündigte ein Gong das Ende des Schultages an. Wie auf Kommando wurde es in dem Raum wieder laut, während 27 Azubis ihre Laptops, Schreibblöcke, Stifte, Mappen und ihr Essen – eigentlich war das Essen in Schulzimmern und während der Unterrichtszeit untersagt, aber spätestens, seit die Klasse zusammengelegt und eine Kaffeemaschine gekauft hatte, hatten die Lehrer endgültig die fruchtlosen Versuche aufgegeben, diese Regel durchzusetzen – in Rucksäcke, Büro-Trollys und Hängetaschen stopften.
„Stopp!“ Donnerte die Stimme des Lehrers erzürnt durch sämtliche Trommelfelle „Die Klingel beendet die Stunde nicht! Ich beende die Stunde!“
Stille. Alle verharrten mitten in der Bewegung und sahen Herrn Benninger an. Dieser erhob erneut seine Stimme: „Was ist, wenn ich noch Hausaufgaben für euch hab, hm?!“ Mehr Stille, vereinzeltes Stöhnen und viele verdrehte Augen.
Dann begann der Mittfünfziger verschmitzt zu grinsen: „War nur’n Witz. Schönes Wochenende, Pupsis!“ Vereinzelte leise Lacher folgten, aber Finn verdrehte nur die Augen „Pupsis“ So nannte er die Azubis aus dem ersten Lehrjahr. Der Mann war ein guter Lehrer und Pädagoge, wenn auch mit kurzer Lunte, aber endloser Geduld, selbst mit den langsamsten Schülern, die fünf Mal nachfragen mussten, bevor sie etwas verstanden. Aber dieses eine Wort ging Finn trotz allem gehörig auf den Keks.
Unerwarteterweise fuhr Herr Benninger etwas leiser fort: „Ach ja, sagt das den Leuten, die heute krank waren: schickt mir ‘ne E-Mail und ihr kriegt von mir die Powerpoint zugeschickt. Das gilt auch für die Herrschaften, die nicht so gern aufpassen. Ich will keine Namen nennen, Hannah, Finn und Jannis, aber ich glaub, es würde euch nächste Woche sehr zu gute kommen, klar?“
Finn wagte es nicht, sich umzusehen und würde am liebsten vor Scham einfach unsichtbar werden. Mit Sicherheit sahen ihn schon wieder alle an.
Herr Benninger erwartete im akademischen Bereich viel von seinen Schülern, aber er war mehr als bereit, zusätzliche Mühen zu investieren, um ihnen zu ermöglichen, dieses Pensum auch leisten zu können. Aber das war absolut unnötig.
Finn zog die Schultern hoch und richtete den Träger seiner Tasche. Er wusste jetzt bereits ganz genau, dass es einer jener unzähligen komplett unproduktiven Nachmittage oder Abende werden würde, auch wenn er sich in einem frommen Selbstbetrug gerade das Gegenteil weiszumachen versuchte.
Er lief langsamer, als es für ihn angenehm war. Er wollte nicht inmitten der anderen Schüler sein, blieb mit Absicht so weit er konnte hinter den anderen. Treppe runter, Flur entlang, Tür raus. Obgleich es Teil der täglichen Routine war, seufzte er genervt bei der Aussicht, auf seine Mutter warten zu müssen, um ihn abzuholen. Er setzte sich auf den großen Felsen, der die Grenze zwischen Schulhof, Parkplatz und Einfahrt markierte und wechselte in in den Passivmodus. Er stopfte sich Kopfhörer in die Ohren. Seine Ohren schalteten auf Durchzug und seine Sicht verschwamm, als er bewusst den Fokus auf seine Umwelt abstellte. Das ständige Röhren von Motoren, das pausenlos ineinander verschwimmenden Gefasel von Schülern und Lehrern, Windrauschen, Blätterrascheln und vereinzelte Vögel amalgamierten zu einem angenehmen weißen Rauschen, begleitet von Syd Matters’ Gitarre, die sanft in seinen Gehörgang tröpfelte. Echte Ruhe wäre ihm lieber gewesen, aber besser als nichts.
Doch diese wenigstens halbwegs angenehme Passivität war nicht von Dauer. Er wusste nicht, wie lange er da gesessen und ins Leere gestarrt hatte, aber von rechts waberte eine dicke Wolke Rauch in sein Gesicht. Es kam in seine Nase. „Zuckerwatte.“ Ah. Kein Rauch. Dampf. Er schloss genervt die Augen für einen Moment und kämpfte gegen die Übelkeit an, die das künstliche Chemiegemisch in ihm auslöste. Dann öffnete er sie wieder und drehte den Kopf langsam zur Seite.
Der junge Mann, der neben ihm stand, nahm gerade einen weiteren Zug. Einen sehr tiefen. Hörte der Kerl auch mal auf, einzuatmen? Er stieß eine dichte Wolke ekelerregend süßlichen Dampfes aus, die der Wind sofort nach links wehte und direkt in Finns Gesicht. Er hustete. Schlagartig verschwand das versonnene, abwesende Lächeln vom Gesicht des Typen und er drehte ruckartig den Kopf zur Seite.
Finn sah ihn weiter einfach nur an. Der Typ hatte einen auffälligen Bart - einen Schnurrbart, dessen Spitzen leicht nach oben zeigten, und einen spitzen Kinnbart. Irgendwie erinnerte er Finn an einen Musketier aus einem alten Film. Er blinzelte. Der andere schaute zurück, die Hand mit der Vape auf halber Höhe zu seinem Mund. Langsam breitete sich Verständnis auf seinem Gesicht aus. „Oh.“, sagte er. „Sorry.“
Finn zuckte die Schultern. Er wusste, er sollte „Ist okay.“ oder „Kein Problem.“ sagen. Oder sich seinerseits fürs Starren entschuldigen. Aber seine Reserven waren für heute komplett aufgebraucht. Er drehte den Kopf wieder nach vorne und…
„Ich bin Alex.“, sagte der junge Mann und lächelte wieder, wobei sich sein Schnurrbart leicht nach oben bog.
„Mist.“, dachte er. Finn wollte einfach nur seine Ruhe haben. Warum musste der Typ ihn ausgerechnet jetzt ansprechen? Finn spürte, wie seine Schultern sich verkrampften, als Alex ihn ansprach. Er konnte nicht verhindern, dass seine Augen für einen Moment irritiert zusammenkniffen. Er schaffte es gerade noch, ein Augendrehen zu verhindern, als er äußerst widerwillig seine Kopfhörer herausnahm. Er sah erneut zur Seite und bemerkte Alex’ ausgestreckte Hand. Wie lange war die schon da? Auf der Innenseite der Handwurzel erkannte er nun ein seltsames Symbol, zwei geschwunge, symmetrische Formen, die entfernt wie zwei Dreien aussahen, die drei übereinanderliegende Kreise umrahmten. Es kam ihm wage bekannt vor, aber zuordnen konnte er es nicht.
Seinen der Müdigkeit geschuldeten genervten Gesichtsausdruck mühsam unterdrückend schlug er in die dargebotene Hand ein und murmelte „Finn.“, zwischen seinen Zähnen hindurch.
Für den Bruchteil einer Sekunde hoben sich Alex’ Augenbrauen.
„Oh, Kacke! Wie fest packt der denn zu?!“
„Oh. Sorry.“, sagte Alex erneut. „Du siehst geschafft aus. Ich soll mein Maul halten und dich in Ruhe lassen, oder?“
Unwillkürlich lächelte Finn. „Ich… hätte es nicht unbedingt so gesagt… aber… äh“
„Ist okay. Ich will lieber, dass einer direkt sagt, was er will.“
Eine Weile war es ruhig. Aber Finn konnte nicht wieder abschalten. Er spürte die Anspannung in seinem Nebenmann. Diese Art von Anspannung, die Leute haben, die Stille nur dann ertragen können, wenn niemand sonst in der Nähe ist.
Finn seufzte so leise er konnte und drehte sich Alex wieder zu.
„Wo bist du?“ Brachte er schließlich heraus, gnädigerweise den Fakt ignorierend, dass Alex ihn bis gerade noch seinerseits angestarrt hatte.
Alex’ Augen leuchteten auf: „Pflege.“ sagte er, sein Lächeln wurde ein kleines bisschen breiter.
Er musterte den jungen Mann vor sich etwas genauer. Er war dünn, trug fleckige Jeans und ein rostrotes Holzfällerhemd, das er sich wie ein Mann mittleren Alters tief in die Hose gesteckt hatte, die mit einem breiten Gürtel gehalten wurde.
„Und du?“ Fragte Alex seinerseits.
„Ich lerne Feinwerkmechanik.“
„Ah. CNC-Maschinen und sowas ist das, oder?“ Finn war überrascht. Alex’ Tonfall wies ernstes Interesse auf, statt des gewohnten Nicht-Aufpassens von regulärem Smalltalk.
„Ja, genau.“, antwortete Finn. „Also halt viel Präzisionsarbeit, Programmieren…“
„Viel Mathe.“, warf Alex ein.
„Ja.“, antwortete Finn, leicht amüsiert über Alex, der kurz bei dem Wort „Mathe“ das Gesicht verzog. „Und eine Menge Programmieren.“
„Programmiert ihr denn noch selbst?“ Fragte Alex, der sich mittlerweile im Schneidersitz vor Finn gesetzt hatte. „Ich dachte, das übernehmen zu einem Großteil die Maschinen selbst, ihr gebt nur die Variablen ein.“
„Na ja, also, für die Teile, die wir im Betrieb herstellen, klar, da haben wir vorgefertigte Programme. Aber wenn du irgendetwas spezielles machen willst, oder Variablen mit einbeziehen musst, als andere Werkstoffe zum Beispiel… Du kennst dich damit aus?“
„Lol, nö. Mein Bruder hat das nur auch gelernt und da hab ich ‘n bisschen was aufgeschnappt.“, sagte der junge Mann
„Lol?!“ wiederholte Finn leicht ungläubig im Geiste „Was kommt als nächstes? Yolo? Swag? Redet echt noch jemand so?“ Statt es auszusprechen, fragte Finn stattdessen: „Und wie ist die Pflege?“
Alex lachte hölzern, nahm einen weiteren tiefen Zug und drehte den Kopf über die Schulter nach hinten. Es nützte nichts. Die Wolke wurde erneut zu Finn getrieben. Alex ließ den Kopf hängen. „Tut mir leid. Und Pflege ist, ehrlich gesagt, beschissen. Ist halt keiner blöd genug, den Job zu machen.“
„Außer dir halt“, entkam es Finn.
Alex lachte kurz auf: „Yep. Außer mir.“
Es war wieder kurz still. Dann konnte Finn nicht mehr an sich halten: „Warum stehst du eigentlich hier? Die meisten hier haben doch ein Auto… und ich hab dich außerdem noch nie vorher hier gesehen.“
„Oh, ich hab ein Auto, ja. Aber bevor ich heim fahre… nee. Heute muss ich jetzt einfach mal kurz abschalten. Wir hatten direkt in den ersten zwei Stunden den Benninger. Ich sag’s dir, der Kerl ist’n hervorragender Lehrer, aber wie kann ein Mensch so viel reden?! Und dann auch noch erwarten, dass man sich alles merken kann? Schlaucht einen halt für den ganzen Tag.“
Finn konnte nicht anders, als zu grinsen: „Same here.“, murmelte er, die inhärente Ironie in Alex’ letzter Aussage großzügigerweise ignorierend.
Alex zog eine Augenbraue hoch: „Ihr habt auch Herr Benninger? Ich dachte, der macht nur bei uns.“
„Anscheinend nicht. Bei uns macht der eigentlich nur Englisch.“
Alex blinzelte. „Englisch?“
Finn zuckte die Schultern: „Theoretisch ‚berufsbezogene Fremdsprachenlehre‘… aber… ja. Eigentlich ist es nur Englischunterricht.“
„Okay, ich würde eigentlich sagen, dass das unnötig ist, aber ich hab gesehen, wie Deutsche versuchen, englisch zu sprechen, also…“ murmelte Alex, mehr zu sich selbst, als zu Finn.
Es entstand eine erneute Stille.
Dann erhob Alex schon wieder das Wort: „Wie sieht bei dir das Wochenende aus?“
Finn legte den Kopf in den Nacken, strich sich die Haare aus dem Gesicht und stöhnte: „Ich werde eine Powerpoint vom Benninger öffnen, eine Stunde draufstarren, mich dann selbst davon überzeugen, ich hätte gelernt und dann bis Zwei Uhr nachts zocken.“
„Aha, der Herr wird äußerst produktiv, hm?“
„Sehr löblich, sehr löblich.“
Erik verzog das Gesicht: „Nicht oft online. Der VC ist toxisch hoch zehn.“
„Na ja“, murmelte Alex, ohne Finn wirklich anzuschauen. Seine Augen folgten einem Eichhörnchen, das sich am Spielplatz auf der anderen Straßenseite ein zorniges Schreiduell mit einer Krähe lieferte. „Vielleicht sieht man sich ja trotzdem mal da, falls du Bock hättest. Danke für die Gesellschaft und sorry für die Störung. Nicer Akzent by the way.“
Mit eine weiteren Grinsen schulterte Alex seine Tasche und schritt von dannen.
Finn sah ihm einige Sekunden nach. Dann zuckte er die Schultern und stopfte sich die Kopfhöhrer wieder in die Ohren.
Syd Matters plätscherte weiter und nannte ihn ein American Girl, während seine Sicht wieder verschwamm und er versuchte, die Nachteile seiner Wochenendplanung zu ignorieren.
Es dauerte noch eine weitere Viertelstunde, bis er das Auto seiner Mutter hörte.
Er setzte ein Lächeln auf und erlaubte sich einen leisen Moment der Scham über das Wissen, dass er dieses aus reiner Obligation tat, um „Freust du dich nicht, mich zu sehen?“ oder „Was ist los?“-Fragen zu vermeiden.
Auch während der zwanzigminütigen Fahrt nach Hause war er weitestgehend auf Autopilot. Er beantwortete nichtssagende, unnötige Smalltalk-Fragen mit nichtssagenden, unnötigen Smalltalk-Antworten.
Zu Hause angekommen, verschwand er sofort in seinem Zimmer. Er atmete laaange aus und ließ sich mit dem Gesicht voraus in sein Bett fallen.
Nach einer Weile, es könnten zehn Minuten, oder eine Stunde gewesen sein, raffte er sich schließlich in eine aufrechte Position und sah mit einiger Abneigung seine Umhängetasche an. Er seufzte. „Zeit, mir selbst was vorzumachen“, dachte er und holte seinen Laptop heraus.