Prolog: My Legs are dangling off the Edge
TW: Diskussion und Beschreibung von Suizid
Der Junge lag in der gefΓΌllten Badewanne und kicherte. VollstΓ€ndig angezogen. Komplett bescheuert. Und dann auch noch ein weiΓes Hemd! Wie blΓΆd konnte er eigentlich sein?! Die Idee war eigentlich gewesen, dass, wer immer ihn fand, sich nicht auch noch damit herumschlagen mΓΌsste, dass er nackt war. βDen ScheiΓ will doch echt keiner sehenβ hatte er gedacht.
βNicht mal sterben kann ich richtig.β
Er kicherte erneut. MΓΌde. ErschΓΆpft. Zittrig. Zitterten seine HΓ€nde? Jetzt bloΓ nicht gucken.
Jetzt erst kam ihm auch in den Sinn, dass sie ihn doch eh nochmal umziehen wΓΌrden.
Der Junge lieΓ den Blick erneut durch das winzige Badezimmer schweifen. Die ekelhaft grΓΌnen Fliesen aus den 1980ern. Das genauso alte und genauso geschmacklose Waschbecken und Klo. Der winzige Spiegelschrank aus irgendeinem brΓΌchigen, dΓΌnnen Plastik, der wohl zu seinen besten Zeiten weiΓ gewesen war, eine funktionierende Lampe hatte undβ¦ damals wahrscheinlich auch schon scheiΓe aussah.
Die Badewanne war zu kurz fΓΌr seinen langen, schlaksigen KΓΆrper, also hatte er die Beine angewinkelt, in einer Position, wie er es in besseren Zeiten β hatte er sowas mal gehabt? Bessere Zeiten? - einmal getan hatte, auf der Couch liegend, mit einem Buch oder seinem Handy darauf gestΓΌtzt. Wie lang hatte er jetzt nicht mehr gelesen? Er wusste es nicht mehr.
Die winzige Wohnung vom Amt war karg eingerichtet. Er hatte die Energie nicht mehr aufbringen kΓΆnnen, zu versuchen, es einzurichten.
Das brodelnd heiΓe Wasser umfing ihn. Es war angenehm. AuΓer seine Knie, die ΓΌber der WasseroberflΓ€che durch die durchnΓ€sste schwarze Hose doch so langsam kalt wurden.
βIch sollte mich beeilen.β dachte er. βSonst verkΓΌhl' ich mich noch.β
Er schnaubte, wider Willen erneut amΓΌsiert. PrioritΓ€ten hatte er.
Er hatte sich fest vorgenommen, nicht weiter darΓΌber nachzudenken, sonst wΓΌrde er wahrscheinlich schon wieder einen RΓΌckzieher machen. Er tat es trotzdem. βDenk drΓΌber nachβ, sagten die Leute gern βEs gibt so viel, wofΓΌr es sich zu leben lohnt!β Ja klar, fickt euch auch recht herzlich. Kein Job, keine Perspektiven, ein Planet der gerade aktiv im eigenen Saft gegart wurde. Gina war weg. Leon war weg. Der alte SΓΆren war schon lange weg. Was von seiner Familie noch ΓΌbrig war, war nur noch ein Haufen selbstverliebter ArschlΓΆcher, vΓΆllig und unwiederbringlich versunken im Kool-Aid der Parteilinie, Alkohol, Drogen und dem krankhaften Nachtrauern nach einer glorreichen Vergangenheit, die es nie gegeben hatte.
Obwohl. War er denn wirklich anders gewesen? War das nicht einer der grΓΆΓten GrΓΌnde, warum er das hier tat? Die letzten Wochen und Monate hatte er entweder in einem trunkenen Stupor verbracht, breit, high, verkatert oder kotzend. Oder alles zusammen. Alles in dem so verzweifelten wie fruchtlosen Versuch, die gnadenlose Kakophonie aus Gedanken fΓΌr nur ein paar kostbare Momente zum Schweigen zu bringen. Er hatte tatsΓ€chlich ΓΌberlegt, sich noch ein letztes Mal einen hinter die Binde zu kippen oder sich irgendwas in den Kopf zu ziehen. Er hatte sich nach nur sehr kurzer Γberlegung dagegen entschieden. Er selbst hatte schon so viel seines Lebens vergiftet, dass nichts mehr ΓΌbrig war, dann sollte wenigstens noch dieser letzte, dieser heilige Moment sauber bleiben. Rein.
Selbst jetzt tobte dieses Chaos zwischen seinen SchΓ€delwΓ€nden. Zwei altbekannte Stimmen. Eine die ihn anschrie, was fΓΌr ein faules, feiges StΓΌck ScheiΓe er dafΓΌr war, sich so zu verpissen, Leute, die sich auf ihn verlieΓen, einfach so zurΓΌckzulassen. Aber da war keiner mehr. Niemand, um den er sich scherte jedenfalls. Die andere Stimme war einfach nur mΓΌde. Sie schrie auch, aber sie schrie nach Ruhe. Die wΓΌrden sie bald beide kriegen. Diesmal, ganz sicher.
Die Hitze des Wassers lieΓ die Narben an seinen ExtremitΓ€ten jucken und brennen.
Er spΓΌrte seinen Herzschlag, als er nach der Klinge griff. Verzweifelt krallte sich der kleine, bebende Muskel an jeden Moment, der ihm noch blieb und pumpte dieses zum Scheitern verdammte Leben durch seine Adern, mit verbissener IntensitΓ€t. Doch sein Atem war unverΓ€ndert ruhig. Sein KΓΆrper wollte vielleicht nicht, was hier geschah, doch er selbst hatte schon sein Monaten an nichts anderes denken kΓΆnnen, als dass es endlich aufhΓΆren wΓΌrde. Er betrachtete die kleine Klinge zwischen seinen Fingern. Seine Hand zitterte wie verrΓΌckt. βHaha. Hab ich doch geguckt!β
Es tat gut, zu wissen, dass er nichts und niemanden von Wert hinterlieΓ.
BedΓ€chtig zog er sich die Γrmel nach oben und verdrehte die Augen. LangΓ€rmeliges Hemd. Damit keiner seine Arme angucken musste. LangΓ€rmeliges weiΓes Hemd. Im Wasser. Dessen Γrmel er sich gerade hochkrempelte. Was fΓΌr ein Vollidiot er doch war.
βDas hΓ€tten sie nie fΓΌr dich gewollt!β, sagten die Leute. Wenn das stimmen wΓΌrde, hΓ€tten sie ihn nicht alleingelassen. Wenn sie das hier wirklich nicht wollten, sollten sie doch kommen und ihn aufhalten! βScheiΓ auf sie! ScheiΓ auf alle!β
Wie ein Kind mit einem Trotzanfall beschloss er, sofort zu handeln, die EingangstΓΌr zu der kleinen Wohnung im Blick, als wΓΌrde er erwarten, dass gleich jemand hineinstΓΌrzen wΓΌrde. Doch es kam keiner.
Entgegen seiner Erwartung war der Schmerz nicht viel intensiver als bei den unzΓ€hligen anderen mehr oder minder tiefen Schnitten, die er sich ΓΌber die Jahre ins Fleisch gesetzt hatte, als die Klinge in einer einzigen, unaufhaltsamen, flieΓenden Bewegung von seiner Handwurzel zu seiner Armbeuge glitt.
Jetzt konnte und wΓΌrde ihn nichts und niemand mehr retten. Er sog scharf die Luft ein, aber er unterdrΓΌckte den Schrei, der mehr aus Γberraschung denn Schmerz aus seiner Kehle kommen wollte, hallte dennoch ΓΌber die Fliesen.
Die Finger seiner linken wurden bereits taub, als er die Hand wechselte und den Vorgang mit fast soetwas wie SelbstverstΓ€ndlichkeit wiederholte.
Das Blut wΓΌrde ins Wasser laufen. Kein groΓes Putzen. Wenigstens hier wΓΌrde er niemandem zur Last fallen.
βHmβ. Das wΓΌrde wohl sein letzter bewusster Laut sein. Ausgesprochen in milder Verwunderung. Das Ding mit der KΓ€lte stimmte. Er wusste, das Wasser war immer noch abartig heiΓβ¦ aber ihm wurde kalt.
Als sein Kopf auf seine Brust sank, sah er dem Wasser dabei zu, wie es sich langsam mit roten Schlieren zuzog.
Mit einem leisen Pling, das seine Ohren nicht mehr wahrnehmen konnten, fiel die Rasierklinge zu Boden.
Die rechte Hand rutschte vom Rand der Badewanne. WΓΌrden seine Nerven noch genΓΌgend durchblutet werden, hΓ€tte er gespΓΌrt, wie Blut seine Hand herabrann und ΓΌber den Mittelfinger auf den Boden trΓΆpfelte.
Bevor sein Blickfeld endgΓΌltig schwarz wurde quetschte er mit dem letzten klΓ€glichen Rest Sauerstoff noch ein βAch ScheiΓeβ hervor. βJetzt muss ja doch einer putzenβ¦β
Dann war es vorbei. Kein LΓ€rm mehr. Kein lΓ€stiges Zittern mehr. Kein Herzschlag mehr. Keine Gedanken mehr. Keine Trauer. Nichts mehr. Endlich. Endlich Ruhe.
Der Junge war immer noch da.
HΓ€?! Stand er? Keine Ahnung. Oder? Nee. Kein Boden. Aber er war da, das war ganz sicher. Er hatte Masse. ZΓΆgerlich versuchte er, sich umzusehen. Er konnte den Kopf bewegen. Aber das Γ€nderte nichts. Nichts als gΓ€hnende Leere.
Er wusste nicht, wie lange er hier schon war, bis er auf die Idee kam, zu atmen. Er konnte atmenβ¦ aber es war anders. Und ganz offensichtlich musste er nicht. Komisch. Ihm war nicht mehr kalt. Ihm war nicht heiΓ.
War das hier βTot seinβ?
βNein, ist es nicht. Nicht wirklichβ
Der Junge hΓ€tte geschrien, aber seine Lungen waren leer.
Eine Stimme. Absolut nicht zuzuordnen, ob sie von einem Mann oder einer Frau oder einem Kind kam.
βIst okay. Lass es raus. Nimm dir Zeit. Hast buchstΓ€blich alle Zeit der Welt.β
Zitternd holte er Luft⦠Luft? Atem?
βWβ¦ wasβ¦ wer? Wo...?β Brachte seine Kehle hervor. βFuck!β. Wie lange hatte er denn bitte nicht mehr geredet? Ein Kichern antwortete ihm von ΓΌberall und nirgendwo her. Nicht boshaft. Ehrlich amΓΌsiert.
βWas und wo kann ich dir nicht beantworten. Ich hab ganz ehrlich keine Ahnung. Ich glaube auch nicht, dass es wichtig ist. Wer? Etwas, das es gut mit dir meint. Mein Junge, ich werde dir jetzt etwas sagen, das du keinem Menschen glauben wirst. Du gehΓΆrst in die Welt der lebenden.β
Der Junge konnte nicht anders. Er schnaubte. βBissl spΓ€t dafΓΌr, oder?β
βMmmh, ja. Und nein. Ja, wenn du weitergehst. Nein, wenn nicht.β
βAhβ¦ das ist soβnβ¦ Fegefeuerβ¦ Ding? βGeh zum Lichtβ und so?β
βWenn du willst. Muss es aber nicht.β Die Stimme kicherte erneut. βIch bin hier und du bist hier, so viel weiΓ ich. Und ich weiΓ, dass ich den Drang habe, dir eine zweite Chance anzubieten.β
βDu willst mich doch ver-β
βNein. Will ich nicht. Ich bin ganz ehrlich. Ich habe keine Ahnung, wer oder was ich bin oder war. Aber ich bin zufrieden hier. Immer mal wieder kommt jemand wie du und ich kann nicht anders. Ich rede mit den Leuten und sage ihnen, was ich dir gerade sage.
βSelbstmΓΆrder. Ja.β Das Wort, gesprochen im gleichgΓΌltigsten aller TonfΓ€lle, hallte wie ein Donnerschlag in den Trommelfellen des Jungen wider. βEs passiert nicht oft, also das hier ist kein generellesβ¦ Γhβ¦ Ding.β
Der Junge kicherte jetzt seinerseits. βBei der groΓen EntitΓ€t hinter dem Schleier des Todes hΓ€tte ich irgendwieβ¦ was anderes erwartetβ¦ GroΓe Worte, Prophezeiungen, weiΓt du?β
βWahrscheinlich. Aber dieser Ortβ¦ Er ist etwas besonderes. Wenn du hier bist, heiΓt das, du kannst noch was reiΓen.β
βWas soll das heiΓen?β
βIch hab keine Ahnung, klei-β
βNenn mich nicht kleiner!β
Ein Seufzen. βIch hab keine Ahnung. Es ist wieβ¦ wie ein Skript. Soll wahrscheinlich absichtlich so kryptisch sein. Ich weiΓ nicht, was das fΓΌr dich heiΓen soll. Ich weiΓ nur, dass dieser Ort dir erlaubt entweder weiterzugehen, oder zurΓΌck.β
Es folgte eine lange Stille. SchlieΓlich sprach der Junge wieder: βNehmen viele Leute den Vorschlag an?β
βNein.β Gab die Stimme nach kurzem ZΓΆgern zu. βDie meisten wollen nichts mehr davon wissen und gehen weiter.β
βUnd warum soll ich es dann anders machen?β
βIch weiΓ es nicht. Ich weiΓ nur, dass du es kannst, und ganz ehrlich? Ich glaube, das solltest du. Dir sitzt das Herz am rechten Fleck, glaube ich.β
βNoch nicht.β Falls die Stimme zu einem KΓΆrper gehΓΆrte, grinste sie gerade.
βWas passiert, wenn ich weitergehe?β
βAuch das weiΓ ich nicht. Ich weiΓ nur, dass die Leute dann weg sind und nicht mehr zurΓΌck kommen.β
βWas wΓΌrdest du machen?β
βIch wΓΌrde hierbleiben.β
Der Junge lachte. Doch so schnell wie es gekommen war, so schnell war das Lachen wieder weg.
βAber ich will es nicht mehr. Ich will nicht mehr, dass es wehtut, oder dass es laut ist. Ich will mich nicht weiter betrinken, bis ich fast verrecke. Ich hab das gemacht, damit es aufhΓΆrt!β
βDann geh weiter. Ich werde es nicht gegen dich halten, mein Junge.β Die Stimme sprach sachlich, unberΓΌhrt. Es entstand eine lange Pause.
βDu weiΓt schon, welche Entscheidung ich treffen werde, oder?β Fragte der Junge.
βNein. Aber der Ort weiΓ es.β
βWeil du zu der Entscheidung kommen musst. Ich kann es dir nicht sagen. Es muss deine Entscheidung sein, und ganz allein deine. Ich kann dir sagen, was ich denke, kann dir einen Dialog anbieten. Aber ich bin nur eine einzige EntitΓ€t. Ich kenne dich nicht. Ich hab weder Recht noch MΓΆglichkeit, dir Anordnungen zu geben. Ich weiΓ nicht, was passiert ist, damit du hier ankommst.β
βUnd wenn ich mich nicht entscheide?β
βDann bleibst du hier, bis du eine Entscheidung fΓ€llst. Hat aber noch keiner wirklich lange gemacht. Nach einer Weile wirdβs den meisten langweilig.β
Der Junge seufzte. Und ΓΌberlegte. Gerade war es still. Es war angenehm, dass ausnahmsweise einmal nichts war.
Er teilte seine Gedanken der Stimme mit. Sie kicherte erneut: βJa. Deswegen mag ich es, hier zu sein. SchΓΆn ruhig.β
βDu hΓ€ttest nichts dagegen, wenn ich hierbleibe?β
Der Junge zuckte die Schultern. Die Entscheidung war gefΓ€llt. Sie war gefΓ€llt gewesen, seit ihm die Wahl gestellt worden war.
βDrauf geschissen. Noch schlimmer als das letzte Mal kannβs unmΓΆglich sein, oder?β
βMachβs gut, kleiner.β
β-MICH NICHT KLEINER!β
Boom. ReizΓΌberflutung. So plΓΆtzlich, dass er unwillkΓΌrlich zappelte und sich den Kopf an der Wand hinter ihm anstieΓ. βAUA! ScheiΓe!β
Die unbarmherzigen LeuchtstoffrΓΆhren brannten weiΓ glΓΌhenden Zorn in seine NetzhΓ€ute. Etwas piepste neben seinem Kopf.
Er drehte den Kopf, konnte aber nichts als verwaschenes Grau und HellgrΓΌn erkennen.
Sein Gehirn raste, wie ein Motor der seit einer Stunde 80 im zweiten Gang fuhr, aber seinen Armen fehlte die Kraft, um sich zu schlagen.
Die Badewanne war mit etwas weichem ersetzt worden. Unangenehm weich. Und rauh.
βWie zur HΓΆlle kann denn was gleichzeitig weich und kratzig sein?β
Seine Kehle fΓΌhlte sich heiΓ an, brΓΌchig, porΓΆs, wie eine WΓΌste.
Da der KΓΆrper des Jungen ihm nicht gehorchen wollte und er somit gezwungenermaΓen an Ort und Stelle liegen bleiben musste, verlangsamte sich allmΓ€hlich auch wieder sein Herzschlag. Gleichzeitig wurde seine Sicht langsam aber sicher klarer.
Nach ein paar Momenten ratterten endlich die ZahnrΓ€der in seinem Kopf los und erlaubten ihm, endlich zu realisieren, wo er sich befand.
Just in diesem Moment hΓΆrte er, wie sich schwungvoll eine TΓΌr abseits seines Blickfelds ΓΆffnete. Danach erst hΓΆrte er ein Klopfen.
Jemand schob sich in sein Blickfeld. Obgleich immer noch verschwommen, erkannte er schnell grell rote, zu einem Dutt gebundene Haare, und einen ebenso roten Kittel.
βAch, verfickte Mistkackeβ, rΓΆchelte der Junge.
Er wusste nicht, ob das gut oder schlecht werden wΓΌrde.