Drei Todesfälle im Tullianum
Bislang war ich mir nach beiter Lektüre ziemlich sicher, dass im römischen Staatsgefängnis, dem Tullianum, diese drei Prominenten zu Tode gebracht wurden: Jugurtha, Vercingetorix und Simon bar Giora - allesamt erwürgt. Ich lese allerdings in Plutarchs Lebensbeschreibung des Marius, dass der gefürchtete Gegner im Jugurthinischen Krieg nicht durch die Schlinge eines Henkers oder eine Art Garotte zu Tode gekommen sei, sondern im Mamertinischen Carcer schmählich verhungern musste:
Marius, der nach diesem bestätigten Schluße [seiner Wahl zum Konsul, oho] mit dem Kriegsheere aus Africa eilends nach Rom zurück kam, nahm gleich den ersten Jenner, mit welchem die Römer das Jahr anfangen, das Consulat über, und hielt auch an eben demselben Tage seinen Triumph. Die Römer empfanden [Seite 286] über den gefangenen Jugurtha ein unglaubliches Vergnügen, indem sich kein einziger die Hofnung (sic!) hatte machen können, die Feinde zu überwinden, so lange Jugurtha lebte, welcher sich in alle Umstände des Glücks schickte, und bey seiner List viel Herzhaftigkeit besaß. Jugurtha ist darauf, wie man erzehlet, im Gefängniße, in welches man ihn nach dem Triumphe geworfen hat, ganz von Sinnen gekommen, da ihn (sic!) einige mit Gewalt den Rock auszogen, und eilends und mit Gewalt den güldenen Ohrenringe abgenommen, und darüber ein Ohrläppchen abgerissen haben. Er soll auch, als man ihn nackend in das tiefe Loch geworfen hat, vor Verduße und aus Hohne gesagt haben: Beym Herkules, eure Badstube ist sehr kalt!
Und in diesem Loche empfieng Jugurtha den Lohn, deßen seine Bosheiten werth waren, nachdem er sechs Tage mit dem Hunger [Seite 287] gerungen, und sich bis auf den letzten Tag geschmeichelt hatte, als wenn man ihm das Leben schenken würde. [...]
aus: Plutarchs Lebensbeschreibungen der berühmtesten Griechen und Römer mit ihren Vergleichungen, aus dem Griechischen übersetzet und mit Anmerkungen versehen von M. Johann Christoph Kind, Dritter Theil, Leipzig, verlegts Bernh. Christoph Breitkopf, 1748, Seite 285-287.
Der letzte Satz ist in offenbar etwas merkwürdig übersetzt, sollte er nahe legen, dass der Numiderfürst auf Rettung gehofft haben könnte. In meiner modernen Übersetzung liest sich das in Band VI auf Seite 69 so:
Sechs Tage lang rang er mit dem Hunger, und bis zur letzten Stunde klammerte er sich gierig ans Leben. So empfing er den verdienten Lohn für seine Freveltaten.
Man müsste in Sallusts Jugurthinischem Krieg nachlesen, ob der eine andere Version liefert. Nach eigenem Eindruck muss ein sechstägiges Dahinvegetieren im Tullianum tatsächlich die Hölle gewesen sein. Leider hat die katholische Kirche, der der Kerker in Rom heute gehört, eine Art Erlebnispark für Pilger daraus gemacht. Und das alles nur, weil eine kirchliche Legende besagt, die Heiligen Petrus und Paulus seien hier inhaftiert gewesen.
Zu prüfen bleibt weiterhin, wie die andere alten Autoren das Ende der beiden anderen von mir genannten prominenten Todesfälle schildern - den Anführer des gallischen Aufstands gegen Cäsar und den des Jüdischen Aufstands gegen die Römer.