Sam musste einsehen, dass er verloren hatte. Nicht nur den Kampf gegen Dean, nein sondern den Kampf gegen das Kainsmal. Dean hatte einen Pakt mit dem Tod geschlossen, damit er der Welt nicht mehr schaden kann, aber dafĂźr musste Sam sterben. Sam war eigentlich nicht bereit aufzugeben, aber er wusste auch nicht, was er noch tun sollte, so kniete er nun vor seinem groĂen Bruder. Bereit sein Leben und das Leben seines Bruder zum Wohle der Menschheit aufzugeben.
âTu es!â Sams Stimme war fester, als er erwartet hatte. Mit Schrecken musste er mit Ansehen, wie der Tod Dean seine Sense reichte. âBitte. Erweise mir die Ehre.â Sam war davon ausgegangen, dass der Tod hĂśchstpersĂśnlich ihn holen wĂźrde. Als er nach den Aufgaben im Koma gelegen hatte, war der Tod auch persĂśnlich gekommen um ihn zu holen, doch offensichtlich sollte er durch die Hand von Dean sterben. Dean hatte ihn immer beschĂźtzt, nun wĂźrde er ihn tĂśten. Dad hatte sich geirrt. Dean muss mich nicht tĂśten, weil er mich nicht retten kann, sondern weil ich ihn nicht retten kann, schoss es Sam durch den Kopf. Wer hätte damals gedacht, dass sich dass Blatt so wendet?
Sam fiel es schwer zu atmen. Nur mit MĂźhe konnte er seine Tränen zurĂźckhalten. Jede Faser in seinem KĂśrper wehrte sich dagegen, hier einfach nur zu knien und den Tod zu erwarten, aber er wusste, dass es das einzige war, was er jetzt noch fĂźr Dean und die Menschheit tun konnte. Er hatte versagt. Sam hob seinen Blick zu seinem Bruder. Er schaute zu ihm auf, wie er es sein ganzes Leben lang getan hatte. Er nickte Dean zu. Ein letzter GruĂ, eine Aufforderung. Er spĂźrte, wie eine Träne sein Gesicht hinunter lief.
âSchlieĂ' deine Augenâ, forderte Dean ihn auf. Sam musste an die vielen Male denken, als Dean zu ihm das gleiche gesagte hatte, immer mit dem Versprechen, dass alles gut werden wĂźrde, wenn er sie wieder Ăśffnete.
Sam saĂ auf dem Motelbett. Die Knien hatte er dicht an seinen KĂśrper gedrängt. Er umarmte seine Beine. Nur so konnte er das Zittern ein wenig kontrollieren. Dad war seit zwei Wochen nicht nach Hause gekommen. Seit einer Woche hatte er sich nicht mehr gemeldet. Und heute in den Nachrichten hatten sie berichtet, dass in Kentucky, also dort wo Dad gerade jagte, ein Mensch von einem noch nicht näher identifizierten Tier getĂśtet wurden war. Die Beschreibung hatte gepasst. Seitdem hatte Sam unbeschreibliche Angst. Sollte er wirklich mit neun Jahren seinen Vater auch noch verlieren? Was wĂźrde dann aus Dean und ihm werden? Dean hatte die Nachrichten noch nicht gesehen. Er hatte länger Schule und war direkt danach zu Kelly gegangen um mit ihr zu lernen. Sam war also ganz allein in diesem Motelzimmer. Was wenn das Jugendamt schon auf dem Weg zu ihm war und er Dean nie wieder sehen wĂźrde? Oder noch schlimmer, wenn irgendein Monster gerade auf dem Weg zum ihm war? Sam hatte einfach nur Angst, so unbeschreibliche Angst. PlĂśtzlich machte sich etwas an dem Schloss zu schaffen. Sam erstarrte vor Angst. Die Waffe, die Dad ihm gegeben hatte, lag unter seinem Kissen, aber er war gelähmt, konnte nicht danach greifen. Sein Leben wĂźrde jetzt und hier enden, da war er sich sicher. Er wĂźnschte sich nochmal Dean sehen zu kĂśnnen. Langsam schob die TĂźr sich auf. Sam vergrub sein Gesicht in den Freiraum zwischen seinen Knien und seinem OberkĂśrper, er wollte nicht sehen, was ihn fressen wird. Jetzt zitterte er unkontrolliert. Als er etwas auf seiner Schulter spĂźrte, schrie er in Panik auf. âHey. Ich bin's nur.â Die Stimme seines Bruders holte Sam aus ein wenig aus seiner Panik. Er hob den Kopf. Dean stand neben den Bett und sah ihn verwirrt und besorgt an. âAlles gut bei dir?â, fragte er. Sam erzählte von den Nachrichten und von seiner Angst, Dad wäre etwas passiert. âVergiss nicht, dass Dad ein Held ist und Helden sterben nicht. Aber jetzt sollten wir essen.â Dean hielt eine TĂźte mit Burgern hoch. Sam nahm nur wenige Bissen, er hatte keinen Hunger. Normalerweise brachte sich Sam selbst ins Bett, doch heute war es anders. Er musste Dean nicht sagen, dass er ihn brauchte, Dean wusste es einfach. Dean deckte Sam zu und strich ihm noch einmal durchs Haar. âSchlieĂ' deine Augen. Schlaf eine Runde. Morgen ist alles wieder gut.â, sagte er dann. Und tatsächlich am nächsten Morgen rief Dad an. Es war alles wieder gut.
Nur dieses Mal wĂźrde es nicht so sein. Wenn er seine Augen jetzt schlieĂen wĂźrde, wĂźrde er sie nicht mehr Ăśffnen. Er konnte sie noch nicht schlieĂen. Er brauchte noch einen Moment in dieser Welt, einen letzten Moment mit einem Bruder, der sich gerade so gar nicht verhielt, wie sein groĂer Bruder.
âSammy, schlieĂ deine Augen!â, forderte Dean ihn nochmal auf. Sam fielen die Bilder in seiner Jackentasche ein. Vorsichtig griff er in die Jackeninnentasche âWarte! Nimm diese Bilder. Und eines Tages, wenn du deinen Weg zurĂźck findest, lass dich von diesen leiten. Und sie kĂśnnen dir helfen, dich zu erinnern, wie es ist gut zu sein,... wie es ist geliebt zu werden.â Sorgfältig legte Sam die Bilder auf den Boden. Er konnte nur hoffen, dass Dean irgendwann verstehen wĂźrde, was er eben gesagt hatte. Dean sah auf einmal nicht mehr so entschlossen aus. Sam konnte sehen, dass ihn etwas berĂźhrt, dass er ins Hadern geriet.
âEs ist deine Familie, du musst fortfahren, Deanâ, mischte sich der Tod ein. Sam versuchte die Anwesenheit des Reiters zu ignorieren. Er wollte die letzten Momente seines Lebens, die letzten mit seinem Bruder, genieĂen. Ein Teil von ihm hoffte, dass er genug Zeit gewinnen konnte, damit Rowena doch noch das Mal entfernen wĂźrde kĂśnnen.
âTu es. Oder ich werde es machen.â Mit diesen Worten hatte der Tod alle von Sams Hoffnungen auf Rettung in letzter Minute zunichte gemacht. Dean schaute ihn wieder an. Sam wĂźrde Dean gerne noch so viel sagen, aber er traute seiner Stimme nicht mehr. Er atmete noch ein letztes Mal tief durch. Er nickte Dean zu, damit dieser wusste, dass er immer noch zu seiner Entscheidung stand. Mittlerweile hatte er die komplette Umgebung ausgeblendet und konzentrierte sich nur noch auf Dean. Er war auf ein seltsame Weise dankbar, dass Dean ihn tĂśten wĂźrde. Dean wĂźrde es schnell tun. Und kein Monster wĂźrde sich damit brĂźsten kĂśnnen einen der WinchersterbrĂźder getĂśtet zu haben. Dean wĂźrde das letzte sein, was er auf diese Erde sah. Sam musste daran denken, wie er in Cold Oak zum ersten Mal gestorben war. Auch da war Dean bei ihm gewesen, auch da war er das letzte gewesen, was Sam von dieser Welt gesehen hatte. Es trĂśstete ihn. Er wĂźrde nicht allein sein. Er schaute Dean tief in die Augen, versuchte ihm all das zu vermitteln und er sah in Deans Augen nicht weniger Emotionen.
âVergib mirâ. Sam hatte seinem Bruder bereits vor langer Zeit vergeben. Wie kĂśnnte er im Angesicht seines Todes Dean nicht alles vergeben? Er hoffte nur, dass Dean ihm auch vergeben kĂśnnte. Dean hob die Sense an. Jetzt schloss Sam seine Augen. Er wollte nicht sehen, wann ihn der tĂśdliche Hieb traf, er wollte Dean den Ausdruck seiner sterbenden Augen ersparen. Anders als die anderen Male, als Dean ihm versprochen hatte, alles wird wieder gut, wenn er die Augen wieder aufmachte, wusste er, dieses Mal es wĂźrde nichts gut werden. Er wĂźrde sterben. Durch die Sense des Reiters Tod. Damit gab es keine Hoffnung auf Wiederkehr. Zum allerletzten Mal liefen die Highlights seines Lebens vor seinem inneren Auge ab, in denen Dean immer wieder eine Hauptrolle spielte.
Er sah sich mit Dean auf der RĂźckbank des Impalas gekuschelt. Es war einer seiner ersten bewussten Erinnerungen. Er sah sich mit Dean ihre Initialen in den Impala ritzen. Er sah sich mit Dean mit Wald raufen, damals noch unbeschwert. Seinen ersten Schultag, seine erste Freundin, sein erster Kuss, seine Aufnahme in Stanford, Jessica, John, der aus der HĂślle entstiegen ist, das Wiedersehen mit Dean, als dieser der HĂślle entkam, die Begegnung mit seinen Eltern in der Vergangenheit, dazwischen immer wieder Dean. Die langen Fahrten im Impala, die vielen kleinen und groĂen Streiche, die sich gespielten hatten, die Nächte, in denen sie einfach nur die Sterne beobachtet hatten, die Spiele, die sie zusammen gesehen hatten, die Biere, die sie zusammen getrunken haben. All die Bilder waren getragen von einer unbändigen Liebe zu Dean.
Er spĂźrte den Windzug der Klinge, bereitete sich auf den Schmerz vor, der niemals kam.