Da wären wir also, mit dem ersten verlorenen Herzensbuch aus den AbBu-Reihen. Das da wäre:
Hugo und Josefine von Maria Gripe
Josefine heißt eigentlich Anna, und das ist ganz falsch wie sie findet. Sie hat sich deswegen selbst einen neuen, ihren richtigen Namen gegeben. Als es eingeschult wird, ist sich das schüchterne und ziemlich einsame kleine Mädchen sicher, bald würde es sämtliche Kinder des Ortes kennen, ihre Spiele lernen und dazugehören.Doch es kommt nicht so.
Denn Josefine ist anders. Nicht sehr, aber doch so, dass sie sich stets ein wenig von den anderen Kindern unterscheidet. Sie hat nicht die richtige Schultasche, ihre Halbschuhe sind verkehrt geschnĂĽrt, sie trägt Rock und Pullover, wo die restlichen Mädchen Kleider anhaben... Josephine muss erkennen, es ist schlimmer, etwas als ganz und gar anders zu sein. Sie wird in der Schule ausgeschlossen, gehänselt und schikaniert.Â
Bis eines Tages Hugo auftaucht. Hugo, der so völlig anders ist als jeder sonst, der trotzdem oder gerade deswegen voll innerer Stärke und Eigensinn steckt. Der die Welt auf seine eigene, auf eine kluge, besonnene und sehr, sehr weise Art betrachtet. Der überzeugt ist, hieße er nicht Hugo, so würde man doch nicht leichter mit ihm fertig. Hugo erobert alle (Kindern wie Erwachsene), er wird bewundert, ja fast schon verehrt. Und er wird Josefines bester Freund. Mit Hugo an ihrer Seite wird Josefine in Frieden gelassen, sie wird um einiges selbstbewusster, freier und findet Akzeptanz.
Die Geschichte von Hugo und Josefine wird in leisen, feinen Tönen erzählt. Um Freundschaft geht es da, um Liebe. Um das Dazugehören und darum, den eigenen Platz zu finden. Es ist eine - was zwar abgeschmackt klingt, jedoch passt - bittersüße Geschichte. Sie erzählt vom Zauber der Kindheit, aber auch von deren Schrecken.
Der Leser (auch der erwachsene) blickt in Augenhöhe mit den kindlichen Protagonisten auf die Welt, erfährt und begreift diese konsequent aus der Perspektive der Kinder. Maria Gripe gelingt dabei ein (in der Kinderliteratur leider seltenes) Kunststück: Niemals fehlt es dabei an Achtung und Respekt für diese Perspektive, nie wirkt sie gewollt oder erzwungen, nie unnötig naiv. Im Gegenteil, das ist meist eine zutiefst philosophische Betrachtungsweise, die man da findet. Und ganz oft eine, die von echtem Humor zeugt.
Sprachlich - auch in der Übersetzung - ist Hugo und Josefine sehr gelungen, hat Tempo, Witz, Farbe und einen gewissen Anspruch, streckenweise ist es einfach wunderschön formuliert. Auch mit ungefähr 50 Jahren auf dem Buckel wirkt das weder altbacken noch dröge.
Die Lebenswelten der 1960er Jahre im ländlichen Raum in Schweden sind natürlich andere als unsere heutigen, dennoch sind Thematik und Motive, die hier behandelt werden, zeitlos. Was damals Schikane war, nennt man heute Mobbing, manch einem von Josefines zappligeren Mitschülern würde man inzwischen ADHS diagnostizieren, und es werden eher Sticker als Glanzbilder auf Schulhöfen getauscht. Trotzdem: Die Mechanismen sind die gleichen geblieben. Und deshalb ist Hugo und Josefine auch für heutige Kinder ein interessantes, lohnens- und lesenswertes Buch. Das - nebenbei bemerkt - richtig viel Freude machen kann.
Die 2007 verstorbene Maria Gripe zählt in Skandinavien neben Astrid Lindgren immer noch zu den wichtigsten Kinderbuchautoren und - autorinnen. Ihre Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt, mit zahlreichen Auszeichnungen versehen. In vielen Ländern (den skandinavischen sowieso, aber etwa auch in England, Spanien, Italien, etc.) ist ein großer Teil ihres Werkes weiterhin regulär erhältich. Hier im deutschsprachigen Raum kennt heute kaum einer (selbst in unserer methusalemischen Generation) mehr ihren Namen, geschweige ihre Bücher. Das ist sehr schade.
Wir finden: Ein bedauerlicher Verlust.