Sexuelle BelĂ€stigung an der BushaltestelleÂ
Auch hier geschieht es
Nach der Schule begleitete mich meine Klassenfreundin Lara zur Bushaltestelle. Dass wir gleich sexuelle BelĂ€stigung erleben wĂŒrden, das ahnten wir nicht. Wir besuchten gerade die sechste Klasse. Vielleicht auch die siebte. Ich erinnere mich nicht genau. Wir waren brave, schĂŒchterne MĂ€dchen. Richtige SpĂ€tzĂŒnder. Allein schon der Gedanke daran, mit einem Jungen sprechen zu mĂŒssen, machte mir damals Angst.
Die Bushaltestelle hatte mehrere Anfahrtsspuren und pro Anfahrtsspur noch mal drei Haltepunkte. AuĂer uns beiden war sonst gerade niemand da. Verwunderlich. Er war ein heiĂer Sommertag. Ein zarter, angenehm-kĂŒhler Wind streichelte unsere Haut. Wir hatten GĂ€nsehaut und gute Laune. Die brauchten wir auch, denn wir hatten noch einiges an Wartezeit vor uns âŠ
Er kratze sich und starrte uns dabei lĂŒstern an
Wenige Minuten spĂ€ter setzte sich ein Ă€lterer Mann auf eine Bank, die einige Meter rechts von uns stand. Ich schĂ€tzte ihn damals auf 65 Jahre. Er schaute uns an. Aus diesem Anschauen wurde bald ein unangenehmes Starren. Dann fing er an, sich langsam an seinem Oberschenkel zu kratzen. Dieses Kratzen wurde immer heftiger und sein Anstarren immer intensiver. Das Kratzen ging ĂŒber in eine ruckartige Auf- und Abbewegung seiner Hand âŠ
Obwohl ich das Ganze in meiner Unschuld zuerst nicht richtig einordnen konnte und irritiert war, fĂŒhlte ich vor allem drei Dinge: Scham, Ekel und Ohnmacht. Ich wusste, das hier irgendwas gewaltig falsch lief. Als ich dann endlich durchgeblickt haben, was es war, kam in mir eine groĂe Wut auf. Dass nicht nur ich wĂŒtend war, merkte ich daran, dass Lara den Mann plötzlich anschrie, dass er sofort aufhören soll. Ich schrie mit. Doch er hörte nicht auf. Unsere Reaktion schien ihn noch mehr Lust zu bereiten. Als wir ihm schlieĂlich mit der Polizei drohten, stand er schreckhaft auf und humpelte davon âŠ
Das Danach
Die Polizei gerufen haben wir damals nicht. Wir waren einfach nur froh, dass er weg war. Dass der Mann wahrscheinlich öfters vor Frauen, Jugendlichen oder Kindern masturbierte oder vielleicht noch Schlimmeres, daran haben wir damals nicht gedacht. Wir wussten auch nicht, dass der Vorfall eine Tat darstellte, wegen der man die Polizei hĂ€tte rufen können. Und selbst wenn wir das alles gewusst und bedacht hĂ€tten, hĂ€tten wir es wahrscheinlich trotzdem nicht getan. Es wĂ€re uns einfach zu peinlich gewesen, darĂŒber zu sprechen.
Gleichzeitig fanden wir, dass das, was da geschehen war, zwar sehr unangenehm aber doch irgendwie harmlos war. SchlieĂlich ist uns ja nichts weiteres passiert. Lara und ich sprachen nie wieder darĂŒber miteinander . Damals war ich ein Teenager. Heute bin ich eine erwachsene Frau und diese Erfahrung hat sich tief in mein GedĂ€chtnis eingebrannt.
Ich erzÀhlte davon 300 Leuten
Zum ersten Mal habe ich von dieser einprĂ€gsamen Erfahrung wieder auf der BĂŒhne bei einem Theaterprojekt erzĂ€hlt -â vor mehr als 300 Zuschauern. Das StĂŒck bestand aus mehreren (auto)biografischen Geschichten zum Thema Frausein. Die ErzĂ€hlerinnen vor mir bekamen nach ihren Auftritten tosenden Applaus. Mein Auftritt hinterlieĂ jedoch eine unangenehme Stille. Ich war verwundert und enttĂ€uscht. Ist mir mein Auftritt etwa nicht gelungen? Konnte man mich nicht richtig verstehen oder war nicht ganz klar gewesen, wann das Ende meines Auftritts war?
Nach der AuffĂŒhrung kamen jedoch Frauen zu mir, die tief berĂŒhrt waren von meiner Geschichte. Frauen mit TrĂ€nen im Gesicht. Frauen, die Ă€hnliches oder auch viel Schlimmeres erlebt haben. Sie bedankten sich bei mir. Die Regisseurin erzĂ€hlten mir spĂ€ter, dass ihre mĂ€nnlichen Freunde, die im Publikum saĂen, es als höchst unangenehm empfanden, sich meine Geschichten anzuhören. Ich hatte von mehreren Erlebnissen erzĂ€hlt und die Freunde der Regisseurin schĂ€mten sich fĂŒr das Verhalten ihrer Geschlechtsgenossen. Ich merkte, dass das, was ich erlebt habe, vielleicht doch gar nicht so eine harmlose war.
Sexuelle BelÀstigung: ein Teil der Gesellschaft
Als Kind, Jugendliche oder Erwachsene â stĂ€ndig sind mir solche âKleinigkeitenâ passiert, die eigentlich keine Kleinigkeiten waren: Von anzĂŒglichen oder abwertenden SprĂŒchen gegenĂŒber meinen Körper, Â ĂŒber âLiebesnachrichtenâ in den sozialen Medien bis zum öffentlichen Begrapscht-Werden als Kellnerin in einer Bar.
Das Erschreckende daran ist, dass meine Erfahrungswelt keine Ausnahme, sondern die Regel ist. Die meisten Betroffenen erleben weitaus Schlimmeres als ich. In Deutschland wird laut SchĂ€tzungen durchschnittlich jedes 4. MĂ€dchen und jeder 8. Junge sexuell missbraucht. Die sexuellen Ăbergriffe auf Erwachsene werden hier nicht mitgezĂ€hlt. Jeder Missbrauch hinterlĂ€sst lebenslange Spuren â meistens eine posttraumatische Belastungsstörung. Ich habe mal ein YouTube-Video gesehen, in dem eine Ă€ltere Dame gefragt wurde, was fĂŒr sie das Schlimmste am zweiten Weltkrieg war. Sie erzĂ€hlte von ihrer Vergewaltigung durch einen Soldaten, der ihr wĂ€hrenddessen eine Pistole an die SchlĂ€fe hielt. Den tiefen, seelischen Schmerz der Frau konnte ich durch den Bildschirm spĂŒren. Von den Schicksalen aus dem Menschenhandel, der Zwangsprostitution und Kinderpornografie möchte ich an dieser Stelle erst gar nicht anfangen âŠ
Gerade weil es so viele so schreckliche FĂ€lle von sexueller Gewalt gibt und sexuelle BelĂ€stigung alltĂ€glich vorkommt, nehmen wir das Zweite fast als normal hin. Doch es sollte â nein dĂŒrfte nicht! â  einfach als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden.
Was kann man tun?
Ich suche immer noch nach einer Lösung fĂŒr dieses Problem. Fehlt es da etwa an AufklĂ€rung? NatĂŒrlich war die MeToo-Bewegung, die im Oktober 2017 durch den Weinstein-Skandal ausgelöst worden ist, ein guter Schritt in die richtige Richtung. Doch zum erhofften Ziel hat es uns nicht gefĂŒhrt, denn sonst wĂ€re ja auch nicht ein Fernsehbeitrag wie MĂ€nnerwelten notwendig gewesen.
Eine strikte Gesetzgebung wĂ€re sicherlich nicht daneben. Doch diese hat meistens keinen allzu groĂen prĂ€ventiven Wert auf sexuelle BelĂ€stigung und Gewalt. Ein wichtiger Faktor ist sicherlich auch eine Erziehung, die aufzeigt, dass man die Grenzen anderer zu akzeptieren, zu respektieren und zu wahren hat. Und auch dass man seine eigenen Grenzen vor anderen deutlich definieren und schĂŒtzen darf.
Letztendlich muss jeder fĂŒr sich selbst entscheiden, einfach mal niemanden zu belĂ€stigen. Doch wie kriegen wir diese Einstellung in die Köpfe und Herzen aller?

















