2019–2025
Immer noch mehr Elektroschrott
Als wir 2019 nach Kanada ziehen, misten wir in Dresden allerlei WLAN-Zubehör aus. Ich schäme mich, als wir ungefähr fünf Router unterschiedlicher Generationen, diverse Festnetztelefone, Receiver, Fernbedienungen und unzählige Kabel sowie ein Fax im Wertstoffhof vorbeibringen, nachdem wir im Freundes- und Bekanntenkreis alles wie Sauerbier zum Verschenken angeboten hatten. Konsummüll vom Feinsten.
In Kanada angekommen gilt es, die neuen Anbieter zu erkunden. Wir wissen schon, dass durch die Weite des Landes und die dünne, ungleichmäßige Besiedlung die Bereitstellung von Infrastruktur jeglicher Art teuer ist. Die Existenz von nur zwei großen Anbietern (Bell und Eastlink) tut ihr übriges zu einem Markt ohne wirklichen Wettbewerb. Allerdings gibt es in fast allen Provinzen kleinere Unternehmen, die ihr Internetangebot auf der Infrastruktur der beiden großen aufsatteln und etwas günstiger sind. In Nova Scotia, wo wir leben, gibt es zu diesem Zeitpunkt Netfox und Purple Cow. Obwohl uns die lila Kuh sympathischer ist, gewinnt Netfox durch eine Empfehlung, einen unschlagbar guten Kundendienst und ein prima Preis-Leistungsverhältnis.
Das Setup in unserer Wohnung macht ein Monteur von Eastlink, innerhalb eines Tages haben wir je eine 3G- und 5G-Verbindung. Im Alltag loggen sich drei Rechner, drei Mobiltelefone, ein Fernseher und gelegentliche Gäste ins WLAN ein. Zum ersten Mal nutzen wir dabei auch einen Internet-TV-Zugang, der wiederum über eine App namens Atop läuft. Schon nach einem Jahr müssen wir wieder ausziehen, weil sich unser Vermieter, dessen Geschäfte während der Pandemie schlecht laufen, das große Haus, in dem er bisher lebte, nicht mehr leisten kann. Glück im Unglück beschert uns im gleichen Gebäude eine etwas größere Wohnung mit grandioser Aussicht – wir ziehen nur ein Stockwerk höher. Die Ummeldung bei Netfox ist einfach. Alles bleibt beim Alten; wir brauchen keinen Monteur, sondern stöpseln lediglich unsere Modembox wieder ein. Es wirkt fast zu einfach, aber alles läuft wieder wie gewohnt.
Ein halbes Jahr später kommt es zu einem Ausfall beim Internetfernsehen. Es dauert ein paar Tage, bis alles ins Lot kommt. Dazwischen liegen unzählige Telefonate mit dem Kundendienst, der Technikabteilung und schließlich dem Provider des TV-Angebots Atop, der sich als sehr klein und familiär entpuppt. Ein Service-Mitarbeiter versichert mir, der Sohn des Chefs würde sich höchstpersönlich um die Wiederherstellung des Angebots kümmern. Ich stelle mir einen jungen Schnösel vor, der beim Zocken das falsche Kabel gezogen hat und nun unter dem Druck des Vaters leidet, das kaputte Internet wieder reparieren zu müssen.
Irgendwann habe ich den Chef höchstpersönlich an der Strippe. Er möchte wissen, ob ich bemerkt habe, dass mir vor dem Absturz ein paar mehr Kanäle zur Verfügung gestanden hätten? (Hatte ich nicht.) Neugierig, wie ich bin, frage ich ihn ein bisschen aus, denn wann hat man schon mal den CEO eines TV-Anbieters am Telefon? Robert Socci heißt er, sitzt in Richmond Hill / Ontario und ist seit über 25 Jahren im Besitz einer Lizenz von CRTC (das ist die kanadische Rundfunkbehörde) für die Verbreitung von Fernsehinhalten über das Internet. Ein paar Tage später ist das Problem behoben und damit hat es sich.
Bis zum April 2025, als Netfox mir eine E-Mail schickt, dass sie an Altima verkauft wurden. Ein Blick ins Internet klärt mich auf, dass Altima wiederum 2022 von Telus übernommen wurde. Telus hatte ich bisher nicht auf dem Schirm, weil sie offenbar eher im Westen von Kanada operieren. Schöne neue Welt. Im Kapitalismus wird eben ständig ein kleiner Fisch von einem größeren geschluckt.
Der Nachteil von Altima tritt bald zutage. Das TV-Paket, das wir über Netfox hatten, gibt es so nicht mehr. Wir sollen ein neues bestellen, das zu allem Überfluss zwangsweise auch den amerikanischen Sender Fox beinhaltet. Eher hacke ich mir ein Bein ab. Der Mitarbeiter am Telefon klingt, als ob er in einem Callcenter in Bangladesch sitzt. Ich kündige das komplette Geschäftsverhältnis zum nächsten Monat.
Bei Eastlink werde ich als Neukundin erfreut begrüßt und erhalte für den gleichen Preis ein besseres Angebot. Einziger Haken: die gesamte Technik in der Wohnung muss ausgetauscht werden. Im Grunde sei alles ganz simpel. Ich könne im nächstgelegenen Eastlink-Laden mein Starterpaket abholen und dann selbst installieren. Sollte das nicht gelingen, so der Kundenberater, käme ein Techniker umsonst ins Haus. Es klingt ein bisschen zu einfach, aber wir lassen uns ja gerne positiv überraschen.
Das Starterpaket besteht aus vier Komponenten (=Kartons). Eine Modembox, ein eero 7, ein TV Evoforce 1 (eine sogenannteTivo-Box) sowie die dazugehörige Fernbedienung. Wir tauschen die Modemboxen aus und schließen das eero 7 an. Laut Hersteller „ein Wi-Fi 7-Router, ideal für Kunden mit Multi-Gigabit-Internetplänen, die eine kostengünstige Möglichkeit suchen, ihr Heimnetzwerk aufzurüsten, um die Vorteile der neuesten drahtlosen Technologie nutzen zu können. Der eero 7 ist in der Lage, kabelgebundene Geschwindigkeiten von bis zu 2,3 Gbit/s und kabellose Geschwindigkeiten von bis zu 1,8 Gbit/s zu liefern, wodurch er sich gut für Internettarife mit 2,5 Gbit/s eignet.“ Was wir sofort merken, nachdem es installiert ist: die Geschwindigkeit ist für kanadische Verhältnisse sensationell. Da wir häufig große Datenmengen übertragen, eine sehr erfreuliche Nachricht.
Das Fernsehen ist ebenfalls rasch umgerüstet. Einzig ein uns lieber Kanal fehlt: CBS, auf dem täglich die Trivia-Show Jeopardy läuft, die wir geradezu religiös schauen. Ein Anruf beim Anbieter und auch das ist schnell behoben. Doch nun haben wir, nach nur sechs Jahren, wieder eine Menge Elektroschrott zu entsorgen …
(Sonya Winterberg)














