Knuckles. Welch Wahnsinn trieb sie dort hinein?
Im letzten Moment schafft es Steffen, den glitschigen Körper des Tierchens zu fassen zu bekommen, bevor er im Lüftungsnetz seines Turnschuhs verschwindet. Er zieht es mit etwas Mühe heraus, schnipst das Tier hastig von sich. Es war ein Blutegel. Einer von sehr, sehr vielen an diesem Tag. Leider wird Steffen nicht alle erwischen. Und leider sind seine Wandersocken nicht so dicht wie meine. Doch von vorn.
Schnipsen, Keuchen, Zittern, Schwitzen.
Der Tipp einer netten Reisenden brachte uns auf die Idee, im Knuckles Gebirge, dem Nebelwald nahe Kandy wandern zu gehen. Wir buchen uns eine schicke Unterkunft, der freundliche Hausherr organisiert uns einen günstigen Guide samt TukTuk und um 6 Uhr morgens brechen wir gut gelaunt auf.
Die Sonne scheint, Palmen zieren den Straßenrand und die hügelige Landschaft wirkt im Morgenlicht auf der 21 Kilometer langen Fahrt zum Startpunkt wie verzaubert. Gleich zu Beginn der Wanderung sehen wir Papageien, Bulbuls, riesige Schmetterlinge. Der Schotterpfad hat nur eine leichte Steigung, führt uns auf ein Waldstück zu. Als der Wegabschnitt unter Baumwipfeln beginnt, wird der Traumtag zum Alptraum.
Eigentlich kennen wir Blutegel schon. Sie sind nicht weiter schlimm, tun nicht besonders weh, man blutet durch ein Sekret im Speichel eine Weile und das Entfernen der Tiere ist ein bisschen eklig, da sie sich nur wiederwillig von ihrer Saugstelle lösen lassen. Ein, zwei und meinetwegen auch fünf davon sind ok.
Wenn allerdings nach einigen Schritten der Turnschuh von zuckenden Körpern übersät ist, die sich in das Lüftungsnetz und den Socken darunter bohren, wieder und wieder, dann wird das Zusammentreffen mit dieser Spezies eine mentale Zerreisprobe.
Anfangs scherzen wir noch, es sei heute eben “Internationaler Blutegeltag”. Unser Guide sprüht uns aus einer alten Glasreiniger-Flasche Seifenwasser auf die Schuhe, wir bücken uns im Minutentakt, schnipsen und kichern. Dann dämmert uns langsam die Erkenntnis: Wir haben noch zwei Stunden Marschzeit vor uns. Und dann wieder zurück. Der Weg verläuft im Wald. Und es wird keine Verschnaufpause von den Tierchen geben, durch den Regen am Vortag wimmelt es auf dem Boden nur so.
Kein Auge für die Schönheit
Von den Schätzen, die die Wanderung bietet, bekommen wir nur Bruchstücke mit. Ab und zu schaffe ich es, den Blick vom Boden zu heben und ein Foto zu machen. Von wilden Orchideen, exotischen
Vögeln und sogar dem Leaf-Nosed Lizard, einer sehr seltenen Tierart.
Dann plötzlich sind wir oben, ohne es gemerkt zu haben. Unser Guide und Steffen checken ihre Knöchel, entfernen Egel und versorgen ihre Wunden. Steffen wurde circa fünf Mal gebissen. Ich schaffe es nicht mal, die Schuhe auszuziehen. Die Angst vor dem Anblick saugender Egel ist zu groß, lieber trage ich sie den Berg wieder hinunter.
Denn meine einzige mögliche Reaktion hier oben mitten im Nichts wäre wohl, in Schockstarre zu verfallen und mich nie, nie wieder bewegen zu können.
Deswegen kaue ich langsam einen Keks, hafte meinen Blick auf den Horizont und versuche, meine Füße zu ignorieren.
Wir machen uns an den Abstieg. Leech Check alle paar Meter inklusive. Wir sprechen kaum. Schwitzen, schnaufen, schaudern. Das Kopfkino lässt uns die Egel überall spüren.
Wenn sie zu groß sind, wimmere ich nur noch ein bisschen, dann weiß Steffen schon Bescheid. Er kommt, rettet mich und schnippst sie vom rosa Turnschuhrand.
Ich revangiere mich mit einem gelegentlichen Spinnencheck. Da er viel größer als unser Guide ist, sind in seiner Kopfhöhe noch einige Netze für ihn aufgespannt.
Unten am Gebäude des Nature Reserve angekommen, ginge es eigentlich noch mal weiter, zum World’s End. Wir winken ab, sind bereits am Ende und sparen uns den Aussichtspunkt. Mit zittrigen Fingern zieht Steffen erst sich selbst Socken und Schuhe aus, dann mir. Ich kann nicht hingucken. Bewege die Zehen. Nichts. Kein Biss, kein Tier. Meine Socken waren dicht (Tchibo sei dank), die Wanderhose, die wir in die Socken gesteckt hatten, auch. Was für ein Glück. Steffen hat auch keinen weiteren Biss. Erschöpft setzen wir uns auf die Rückbank im TukTuk. Geschafft. Nix wie raus hier.
Knuckels, du wunderschönes Gebirge. Du hast uns unsere Grenzen aufgezeigt. Natur ist eben Natur, nicht nur Fotokulisse. Lesson learned.