V Mann

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V Mann

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Uwe Mundlos - NSU-Mörder arbeitete bei V-Mann des Verfassungsschutzes
Der Mann zieht sich mit einer raschen Handbewegung die groĂe Kapuze seines schwarzen Hoodie ĂŒber den bulligen, kurz geschorenen SchĂ€del, als er das Kamerateam entdeckt. Die Aktion scheint erprobt â seit jenen Tagen, als Ralf Marschner, inzwischen 44 Jahre alt, ein gefĂŒrchteter Neonazi-FĂŒhrer in Sachsen war. âMann ohne Halsâ nannten ihn seine Gegner damals aufgrund seiner KörperfĂŒlle. âManoleâ hieĂ er bei seinen Kameraden aus der Skinheadszene. Und unter dem Decknamen âPrimusâ fĂŒhrten ihn seine Auftraggeber als V-Mann beim Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz (BfV).
Nachdem sich Marschner, klein, aber immer noch massig, getarnt hat, stĂŒrmt er zunĂ€chst unvermittelt auf den Reporter, kurz darauf auf den Kameramann los. Er schlĂ€gt wild um sich, in einer Mischung aus Hass â wie damals bei der Jagd auf AuslĂ€nder und Linke â und einem Anflug deutlich spĂŒrbarer Verzweiflung.
Denn die Frage, die ihm der Reporter zuvor gestellt hat, ist brisant:
âHaben Sie Uwe Mundlos beschĂ€ftigt?â
âNein, habe ich nicht!â, zischt Primus unter seiner ins Gesicht gezogenen Kapuze. Dann tritt er zu. Manole ist nicht mehr so schnell und krĂ€ftig wie vor 25 Jahren in der Zwickauer KopernikusstraĂe, als bei einem Angriff seiner Skinheadtruppe ein Asylbewerberheim in Brand gesetzt wurde. Am Ende giftet er den Kameramann an: âUnd du mit deiner Kamera verschwindest hier!â Ende eines GesprĂ€chsversuchs. Marschner dreht sich weg und nestelt sein Handy hervor. Mit wem er aufgeregt spricht, bleibt an diesem Tag Manoles Geheimnis.
Nach 272 Verhandlungstagen bleibt die zentrale Frage offen
Als Manole 2013 als V-Mann entlarvt wurde, lebte er schon mehrere Jahre im Ausland. Insgesamt ist er seit neun Jahren abgetaucht. Nun haben ihn die Autoren einer Dokumentation aufgespĂŒrt, die am Mittwochabend in der ARD gesendet wird. (âDer NSU-Komplexâ von Stefan Aust und Dirk Laabs, Mitarbeit: Helmar BĂŒchel). Sie hatten ihn in Liechtenstein entdeckt, wo er in einer reichlich bestĂŒckten Scheune ein AntiquitĂ€tengeschĂ€ft betreibt. Seinen Wohnsitz hat Manole wie in den Jahren zuvor noch immer auf der anderen Seite der Grenze in der Schweiz â so wie andere ehemalige V-MĂ€nner des Verfassungsschutzes aus dem Umfeld der NSU-Mordserie.
Ralf âManoleâ Marschner ist eine der zentralen Figuren in dem bisher immer noch unaufgeklĂ€rten Netzwerk um das âTerrortrioâ Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und mutmaĂlich Beate ZschĂ€pe, die seit dem 6. Mai 2013 in MĂŒnchen vor Gericht steht. Es geht um die Frage: Wie nahe waren Spitzel der verschiedenen deutschen Verfassungsschutzbehörden den TĂ€tern, die innerhalb von sieben Jahren zehn Menschen ermordeten? Der Fall hat bisher elf UntersuchungsausschĂŒsse und einen bis heute 272 Verhandlungstage dauernden Mordprozess beschĂ€ftigt, ohne dass die zentrale Frage bisher vollstĂ€ndig beantwortet wurde: Gab es Mitwisser im Umfeld der Nachrichtendienste oder sogar bei den Behörden selbst?
Ralf Marschner alias Manole alias Primus war von 1992 bis 2002, zehn Jahre lang, bezahlter Spitzel des BfV. In den letzten beiden Jahren seiner V-Mann-TÀtigkeit betrieb er eine Baufirma in Zwickau und beschÀftigte dort den NSU-Mörder Uwe Mundlos, das legen seine eigenen Aussagen vor Beamten des Bundeskriminalamtes 2013 sowie weitere Dokumente und Aussagen unabhÀngiger Zeugen nahe.
Die erste Befragung endete erkennbar dĂŒrftig
So berichtete etwa der damalige Bauleiter verschiedener Immobilienprojekte, er sei sicher, dass es Mundlos war, der in jener Zeit als eine Art Vorarbeiter bei der Baufirma Manoles arbeitete â natĂŒrlich nicht unter seinem richtigen Namen. Seine Aussage hat Arne-Andreas Ernst mit einer eidesstattlichen Versicherung dem Fernsehteam gegenĂŒber bekrĂ€ftigt.
Auf die Spur gekommen waren die Autoren Stefan Aust und Dirk Laabs dem dubiosen V-Mann Manole bereits bei den Recherchen zu ihrem Buch âHeimatschutzâ (2014), fĂŒr das sie zahlreiche Akten auswerteten, so etwa die BKA-Vernehmungsprotokolle von Marschner.
Am Dienstag, dem 30. Oktober 2012, so heiĂt es darin, erscheint Marschner um 16.10 Uhr âauf schriftliche Vorladungâ in den RĂ€umen der Staatsanwaltschaft GraubĂŒnden. Anwesend sind der Schweizer Staatsanwalt Maurus Eckert, seine ProtokollfĂŒhrerin und die beiden BKA-Beamten Marc S. und Sven G. von der Staatsschutzabteilung in Meckenheim bei Bonn.
Es beginnt mit Fragen zu einem Nazi-FuĂballturnier, bei dem Zeugen behauptet hatten, dass sie Marschner dort gemeinsam mit Böhnhardt und Mundlos gesehen hĂ€tten (Marschner: âkeine Erinnerungâ), mit Manoles Kampfhund (Marschner: âeine weiĂe PitbullhĂŒndin namens Bonnyâ), und steigert sich zu der Frage, ob er das NSU-Trio aus Mundlos, Böhnhardt und ZschĂ€pe je getroffen habe? (Marschner: âNein. Ich habe diese Leute nie gesehen.â) Ob er Waffen habe? (Marschner: âEinen alten Karabiner.â) Um 17.25 Uhr wird die Vernehmung beendet, nachdem Marschner zu Protokoll gegeben hat: âGenerell wĂŒrde ich sagen, dass ich nie ein Neonazi war.â
Wohl weil das Ergebnis dieser Befragung erkennbar dĂŒrftig war, reiste das BKA mit zwei anderen Beamten als Befragern, Paul L. und Stefan N., dreieinhalb Monate spĂ€ter erneut nach Chur. Diesmal, am 14. Februar 2013, dauert die Vernehmung Marschners fast fĂŒnf Stunden und nicht nur 75 Minuten. Auch waren dieses Mal die Fragen der BKA-Beamten erkennbar fundierter und zielgerichteter.
Gleich zu Beginn werden Manole Fotos von Mundlos, Böhnhardt und ZschĂ€pe gezeigt. Der Zeuge macht es sich einfach: âDie kenne ich aus der Presse.â Dann geht es um Nazi-Freunde Marschners, darunter ebenfalls V-Leute deutscher Dienste, die zu dem Umfeld des in Zwickau untergetauchten NSU-Trios gehörten. Der Zeuge ist wachsam und bleibt unverbindlich: Ja, natĂŒrlich kenne er die Freunde, aber nicht das Trio.
In Frage 78 heiĂt es: âKennen Sie Max-Florian Burkhardt?â
Marschner antwortet zunĂ€chst ausweichend: âIch bin nicht sicher, der hat bei mir in der Baufirma (Marschner Bauservice) gearbeitet ⊠Das war im Jahr 2000 oder 2001. Er hat als Trockenbauer gearbeitet.â
Uwe Mundlos benutzte falsche Papiere
Kurz darauf legen ihm die Vernehmer eine Lichtbildreihe mit 17 Fotos von Personen aus dem Umfeld des NSU vor; unter den Bildern stehen keine Namen. Die Nummer acht ist Max-Florian Burkhardt. Doch Marschner gibt zu Protokoll: âEs handelt sich nicht um die Person auf Foto Nr. 8.â Und er fĂŒgt hinzu: âDer Burkhardt, den ich meine, hat blonde Haare und stechende Augen.â
Die Beamten fragen nach: âSind Sie sicher, dass er Burkhardt hieĂ?â
Marschner: âEr hieĂ Burkhardt und wurde Max gerufen.â
Mit Frage 87 haken die BKA-Vernehmer noch einmal nach:
âWelche Personen haben sonst noch fĂŒr diese Firma gearbeitet, eventuell auch nur zeitweise? In welchem Zeitraum? Was war deren TĂ€tigkeit?â
âNiemand von der NSUâ, sagt Marschner, ohne dass er direkt danach gefragt worden wĂ€re, und fĂ€hrt wörtlich fort: âNeben Max Burkhardt sein Bruder, dessen Namen ich nicht mehr weiĂ.â
SpĂ€testens jetzt hĂ€tten bei den BKA-Beamten alle Alarmglocken lĂ€uten mĂŒssen, denn sie wussten: Max-Florian Burkhardt ist ein frĂŒherer Neonazi, der dem NSU-Trio, nachdem es 1998 in den Untergrund ging, fĂŒr ein halbes Jahr zunĂ€chst seine Chemnitzer Wohnung und spĂ€ter sogar seine IdentitĂ€t ĂŒberlieĂ. Uwe Mundlos benutzte die Papiere von Max-Florian Burkhardt, um sich unter anderem einen Reisepass, eine Bahncard mit seinem eigenen Passbild, aber dem Namen und den Daten von Burkhardt ausstellen zu lassen.
Unter dieser falschen IdentitĂ€t, sogar mit einer Verdienstbescheinigung von Max-Florian Burkhardt, mietete mutmaĂlich Mundlos spĂ€ter weitere Wohnungen fĂŒr das Trio in Zwickau an, reiste zu den Mordtatorten und versteckte sich fast 13 Jahre lang im Untergrund. Seit am 4. November 2011 die Leichen von Mundlos und Böhnhardt samt ihrer falschen echten Ausweise in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach gefunden wurden, musste jeder Polizist in Deutschland, erst recht jeder ermittelnde Beamte vom BKA-Staatsschutz wissen: Es existierten damals zwei MĂ€nner mit der IdentitĂ€t âMax-Florian Burkhardtâ. Der echte und der andere: eben Uwe Mundlos.
Ein V-Mann-FĂŒhrer nimmt den Kontakt auf
Wenn Marschner alias Verfassungsschutz-V-Mann Primus also in dieser zweiten BKA-Vernehmung von sich aus sagt, Max-Florian Burkhardt habe, sogar gemeinsam mit seinem Bruder, zwischen 2000 und 2002 in seiner Baufirma gearbeitet, hĂ€tten die Beamten auch noch auf einen anderen Gedanken kommen können. Die beiden Uwes (Mundlos und Böhnhardt) hingegen wurden wegen ihres zwillingshaften Verhaltens und ihrer Ăhnlichkeit sowohl von Zeugen als auch von einem Profiler als MĂ€nner beschrieben, die âwie BrĂŒderâ wirkten. Alles seit Jahren aktenkundig.
WĂ€hrend BKA und Bundesanwaltschaft trotz dieser hochbrisanten Ergebnisse der zweiten Marschner-Vernehmung keine erkennbaren ErmittlungstĂ€tigkeiten entfalten, hat der Mitarbeiter einer anderen Bundesbehörde die potenzielle Sprengkraft des Zeugen offenbar erkannt. Einer von Manoles V-Mann-FĂŒhrern beim Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz. Der sogenannte Beschaffer mit dem Decknamen âRichard Kaldrackâ nimmt nach dieser Aussage Marschners sofort Kontakt mit seiner frĂŒheren Vertrauensperson auf.
Nach diesem BKA-Verhör in Chur, so sagt Kaldrack am 13. Mai 2013, also neun Wochen danach, vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss in Berlin aus, âda ist bei uns von meinem Vorgesetzten die Entscheidung gefĂ€llt worden, dass ich Q3 (Quelle 3 = Marschner, d. Red.) zumindest aus FĂŒrsorgegrĂŒnden kontaktieren sollte.â
Kaldrack gibt gegenĂŒber dem Untersuchungsausschuss insgesamt acht Kontakte mit Marschner zu, seit das NSU-Trio im November 2011 enttarnt wurde. Den letzten, telefonischen, sogar noch in der Woche vor Kaldracks eigener Vernehmung im Ausschuss. Und das, obwohl Manole offiziell seit 2002, bezeichnenderweise zeitgleich zur Stilllegung des Marschner Bau-Service, als V-Mann abgeschaltet ist; angeblich weil er das Amt immer wieder angelogen hatte. SpĂ€testens seit 2007 ist Manole ĂŒberdies ohne jeden engeren Kontakt zu seinen alten Nazi-Kumpels im Ausland abgetaucht und somit eigentlich wertlos fĂŒr das Bundesamt.
Sieben dieser Kontakte, so Kaldrack, seien Telefonate gewesen und einer ein persönliches GesprĂ€ch zwischen ihm und Marschner alias Primus â nach dessen brisanter Befragung in der Schweiz. âDa habe ich ganz bewusst noch mal die Punkte der zweiten BKA-Vernehmung angesprochenâ, rĂ€umt Kaldrack dazu ein, âund die Angaben, die er da gemacht hat, waren deckungsgleich mit denen, die er auch in der Vernehmung gemacht hatte.â Er erwĂ€hnte dabei nicht das Thema Burkhardt.
Es liegt nahe, dass Marschners V-Mann-FĂŒhrer diesen brisanten Vorgang vor dem Untersuchungsausschuss lieber geheim halten wollte. Durch die neuen Erkenntnisse dĂŒrfte wieder Bewegung in den Fall kommen. Die Verhörprotokolle von Marschner sind lĂ€ngst nicht alles, was darauf hinweist, dass es Mundlos war, der, wĂ€hrend er mit seinem Kameraden Böhnhardt auf Mordtour war, bei einem V-Mann des Verfassungsschutzes arbeitete.
Der Marschner Bau-Service setzte von 2000 bis 2002 regelmĂ€Ăig sĂ€chsische Neonazis und Skinheads fĂŒr Abbruch- und Entkernungsarbeiten im damals boomenden Immobiliensektor ein. Das NSU-Trio hatte ab Juni 2000 bis zu seiner Enttarnung im November 2011 in drei verschiedenen konspirativen Wohnungen in Zwickau gewohnt, dort seine Tatfahrzeuge gemietet, BankĂŒberfĂ€lle geplant und verĂŒbt, Besuch von Freunden empfangen.
Und, jedenfalls was Uwe Mundlos angeht, offenbar auch gearbeitet, offenbar bei einem bezahlten V-Mann des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz. Dass Primus das seinem V-Mann-FĂŒhrer verschwiegen hat, wĂ€re die eine denkbare Möglichkeit, auf die sich vermutlich sein V-Mann-FĂŒhrer berufen dĂŒrfte, die andere wĂ€re deutlich schlimmer.
Die Treffberichte ĂŒber die GesprĂ€che zwischen dem V-Mann und seinem V-Mann-FĂŒhrer mit dem Decknamen Kaldrack geben, soweit die Mitglieder des Untersuchungsausschuss in Berlin sie einsehen konnten, nichts darĂŒber her, ob Primus darĂŒber berichtet hat, ob der richtige oder der falsche Burkhardts bei ihm arbeitete. Auch welche Akten zu Manole möglicherweise beseitigt wurden, ist auĂerhalb des Kölner Amtes unbekannt.
Ausgerechnet in Liechtenstein lebt der Untergetauchte
Eines jedoch passt ins Bild: Der Bauunternehmer, fĂŒr den Manoles Abbruchfirma arbeitete, war ein Immobilienunternehmer, der zugleich hochrangiger Scientologe war und zeitweise unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand. Beim BfV zustĂ€ndig fĂŒr Scientologen war damals ein Beamter mit dem Tarnnamen âLingenâ. Dieser war auch fĂŒr Rechtsradikale zustĂ€ndig â und er war derselbe Verfassungsschutzbeamte, der, nachdem Beate ZschĂ€pe sich im November 2011 gestellt hatte, massenweise Akten von V-Leuten aus der rechtsradikalen Szene vernichten lieĂ.
Da scheint es sinnvoll, sich auf die Suche nach dem untergetauchten V-Mann zu machen. Liechtenstein im FrĂŒhling. Schneebedeckte Gipfel. Unter der Burg des FĂŒrstentums rekelt sich Vaduz, das HauptstĂ€dtchen, in der bereits wĂ€rmenden Sonne. 5500 Einwohner. Pro-Kopf-Einkommen: 100.000 Euro. Steuerlast: minimal. Mit horrenden Monatsmieten. Hier spĂŒrten die Reporter Ralf âManoleâ Marschner auf. Ausgerechnet hier, an einem der mondĂ€nsten und verschlossensten Wirtschaftsstandorte Europas betreibt er ein groĂflĂ€chiges AntiquitĂ€tengeschĂ€ft.
Ein Mann, geboren 1971 in Plauen, abgebrochene Lehre als Facharbeiter in der Tierzucht, abgebrochene Lehre als Hotelfachmann, 17 Strafverfahren in den Akten, gescheitert als TĂŒrsteher, als Nazi-RocksĂ€nger, als Bekleidungs- und Bauunternehmer, Zwickauer Verbindungsmann zum wegen seiner GewalttĂ€tigkeit verbotenen Blood-&-Honour-Neonazi-Netzwerk, der seine verschiedenen Kleinfirmen der Reihe nach in die Pleite trieb, ein Mann, der Zwickau und seine diversen GlĂ€ubiger fluchtartig zurĂŒcklieĂ. Mit Internetauftritt: viele Seiten im Netz, aber kein Name im Impressum. Kein Telefonbucheintrag, nur eine Handynummer als Kontakt, unter der Marschner vorsichtig âHallo?â mit sĂ€chsischem Akzent sagt.
Marschner arbeitet in Vaduz, wohnt aber auf der anderen Rheinseite, auf Schweizer Gebiet.
Als er 2007 aus Zwickau verschwand, lieĂ er seinen Computer in einem seiner GeschĂ€fte, dem Heaven & Hell in Zwickau, zurĂŒck. Mehrmals wurde von Unbekannten danach gefragt, doch sein ehemaliger GeschĂ€ftspartner rĂŒckte ihn nicht heraus. Erst als im November 2011 der NSU-Komplex mit dem Tod von Böhnhardt und Mundlos aufflog, lieĂ das Bundeskriminalamt Manoles Computer beschlagnahmen. Bei der ĂberprĂŒfung der Daten stellte sich heraus, dass in der Audiodatei die Titelmelodie der Fernsehserie âPaulchen Pantherâ gespeichert war. Es ist Musik, die Böhnhardt und Mundlos fĂŒr ihre Bekenner-DVD verwendet hatten. Eingespeichert offenbar vor seinem Abtauchen â das ihn zunĂ€chst nach Irland, 2008 dann ĂŒber Ăsterreich in die Schweiz fĂŒhrte.
âPrimusâ machte seinem Decknamen alle Ehre
AuffĂ€llig ist, wie wenig Ralf Marschner alias Manole alias Primus seit Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung auftaucht â den Ermittlungen der zahlreichen UntersuchungsausschĂŒsse in Bund und LĂ€ndern, der Bundesanwaltschaft, der NebenklĂ€geranwĂ€lte der NSU-Opfer und vor dem Oberlandesgericht MĂŒnchen. Dabei hatte Marschners V-Mann-FĂŒhrer beim Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz, der Beamte mit dem Decknamen Richard Kaldrack, in seiner ersten und einzigen Zeugenvernehmung â im Mai 2013 vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss â seinen SchĂŒtzling als âdie einzige wirklich relevante Quelle in dem subkulturellen Bereich in den neuen BundeslĂ€ndernâ beschrieben. Primus eben, âder Ersteâ. Ansonsten in Sachen Marschner: keine persönlichen Vorladungen. Nicht vor AusschĂŒssen, nicht vor dem OLG. Keine zielfĂŒhrenden Ermittlungen. GroĂes Schweigen. Bis heute.
Dabei hĂ€tten die Beamten des Bundeskriminalamtes, die Marschner zweimal bei der Staatsanwaltschaft im schweizerischen Chur vernommen haben, einmal im Oktober 2012 und das bisher letzte Mal im Februar 2013, in den mehr als drei Jahren seither denselben Spuren nachgehen können und mĂŒssen, denen das Autorenteam fĂŒr den in der ARD ausgestrahlten Dokumentarfilm âDer NSU-Komplexâ nachgegangen ist â und das unter Nutzung der identischen Informationsquelle: der vorliegenden Protokolle der beiden BKA-Vernehmungen Marschners. Die Autoren haben die Aussagen Marschners anschlieĂend ĂŒberprĂŒft, Dokumente recherchiert, unabhĂ€ngige Zeugen gesucht und befragt und deren Aussagen mit jenen Marschners abgeglichen.
Schon Marschners V-Mann-FĂŒhrer Kaldrack ist offenbar eine der zentralen Figuren des NSU-Komplexes. Kaldrack war in der BfV-Abteilung Rechtsextremismus/-terrorismus im sogenannten Bereich Beschaffung nicht nur V-Mann-FĂŒhrer von Ralf Marschner, sondern auch von Mirko Hesse, Deckname âStrontiumâ, und von Thomas Richter, Deckname âCorelliâ.
Anderer V-Mann gehörte Ableger des Ku-Klux-Klans an
Mirko Hesse war AnfĂŒhrer der besonders gewaltbereiten sĂ€chsischen Hammerskins und nutzte das Spitzelgehalt von Kaldrack, um eine CD der Nazi-Rockband Landser zu produzieren, auf der unter dem bezeichnenden Titel âRan an den Feindâ zu Gewalt gegen den Bundestag und zu Bomben auf Israel aufgerufen wird. Bei einer Hausdurchsuchung bei Hesse fand die Polizei eine geladene halbautomatische Pistole. In Haft bezichtigte sich Hesse bei einem abgehörten GesprĂ€ch selbst, eine âscheiĂ Terrororganisationâ gegrĂŒndet zu haben. Schon zuvor hatte er eine weitere CD mit Aufrufen zum Mord an Rita SĂŒĂmuth und Michel Friedman produziert.
Auch der dritte von Kaldrack gefĂŒhrte V-Mann hat es in sich. Thomas Richter, Deckname Corelli, hatte schon 1995 bei der Bundeswehr Uwe Mundlos kennengelernt. Seine Daten fanden sich auch in einer Telefonliste von Mundlos, die 1998 nach dem Untertauchen des Trios in deren Bombenwerkstatt in einer Garage entdeckt wurde.
Corelli gehörte zu einem Ableger des Ku-Klux-Klan in Baden-WĂŒrttemberg. Mitglieder waren auch zwei Polizisten. Den Reportern schildert der damalige Klan-Chef Achim Schmid, welchen Ritualen sich die Neumitglieder der European White Knights of the Ku-Klux-Klan unterziehen mussten â nicht nur Anwesenheit bei einer Kreuzverbrennung, sondern auch Verfassen eines Aufsatzes zum Thema âRasse und Politikâ waren die Voraussetzung, um in den Klan aufgenommen zu werden.
Einer dieser Polizisten, Timo H., war Jahre spĂ€ter am Todestag der Polizistin MichĂšle Kiesewetter in Heilbronn GruppenfĂŒhrer ihrer Polizeieinheit und damit praktisch ihr Dienstvorgesetzter â und als einer der Ersten am Tatort.
V-Mann Corelli war wegen angeblicher UnzuverlĂ€ssigkeit vom Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz im September 2003 abgeschaltet worden. Am 15. Juni 2005 wurde er plötzlich wieder aktiviert. Es war genau der Tag, an dem der NSU den Griechen Theodoros Boulgarides in seinem MĂŒnchner SchlĂŒsseldienstladen erschossen hatte â es war der siebte Mord der Serie. In der TV-Dokumentation erklĂ€rt der heutige PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Hans-Georg MaaĂen, warum seine VorgĂ€nger den V-Mann wieder brauchten: âBei Corelli war man der Auffassung gewesen, die Informationen, die diese Quelle liefert, aus dem Bereich des Rechtsextremismus sind so wertig, dass man auch bei bestehenden Risiken diese Quelle weiterfĂŒhrt.â
Und tatsĂ€chlich konnte Corelli helfen. Wenige Monate danach lieferte er eine CD ab, auf der Hunderte von rechtsradikalen Bildern und Zeichnungen waren. Das wirklich Brisante war ein Dokument, das ebenfalls auf der CD gespeichert und als Cover fĂŒr die CD gedacht war. Auf dem Titel ein Foto, in dem Hitlers HĂ€nde eine Raute formen, daneben das Bild einer Pistole, darĂŒber die Buchstabenkombination âNSU/NSDAPâ.
âAus unserer Sicht ist es ein RĂ€tselâ, erklĂ€rt BfV-Chef MaaĂen in dem Film, âwarum NSU/NSDAP als eine Dateibezeichnung verwendet worden ist. Aber dies lĂ€sst aus unserer Sicht nicht den Schluss zu, dass Corelli den NSU als NSU kannte und dass er vielleicht auch Kenntnisse haben könnte von Straftaten dieses NSU.â
Corelli starb im Alter von nur 39 Jahren
Wenige Monate nach dem Tod von Böhnhardt und Mundlos und deren Videobekenntnis zur Mordserie wurde Thomas Richter alias Corelli ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen.
Doch dann starb er im Alter von 39 Jahren an einer bis dahin unerkannten Diabetes. Kurz vor einer geplanten Vernehmung war er von seinem Vermieter am 7. April 2014 tot in seiner vom BfV beschafften Wohnung gefunden worden. Die Quelle des BfV-Beamten Kaldrack konnte keine Aussagen mehr machen.
Seine andere Quelle in der NĂ€he des NSU, Ralf Marschner alias Manole alias V-Mann Primus, blieb bisher ebenfalls von Zeugenauftritten verschont. Man befragte noch nicht einmal den echten Max-Florian Burkhardt, ob er bei Manole gearbeitet hatte oder ob es sich um seinen DoppelgĂ€nger Mundlos gehandelt haben mĂŒsste.
Dabei ist Burkhardt einfach zu finden. Unter einer den Ermittlern bekannten Anschrift und den Ermittlern bekannten Telefonnummer. Und auskunftsbereit ist er auch. Die Autoren jedenfalls haben Burkhardt im MĂ€rz besucht, in der Kanzlei und in Gegenwart seines Anwalts. Burkhardt, inzwischen Familienvater und seit Jahren vollstĂ€ndig von der rechtsextremen Szene gelöst, wĂ€gt seine SĂ€tze vorsichtig. Noch ist das Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen UnterstĂŒtzung einer terroristischen Vereinigung nicht eingestellt. Burkhardt hat zugegeben, Mundlos seine IdentitĂ€tspapiere zur VerfĂŒgung gestellt zu haben.
Der echte Burkhardt kann nicht fĂŒr Marschner gearbeitet haben
Aber er bestreitet im GesprĂ€ch mit den Reportern vehement, jemals fĂŒr Ralf Marschner und dessen Abrissfirma gearbeitet zu haben. FĂŒr den fraglichen Zeitraum stellt er lĂŒckenlose Arbeitsnachweise seines Dresdener Arbeitgebers im Original zur VerfĂŒgung. Aus diesen und auch entsprechenden Bescheinigungen eines Steinmetzbetriebes, bei dem er heute noch beschĂ€ftigt ist, geht eindeutig hervor, dass der echte Burkhardt kaum eine andere VollzeittĂ€tigkeit als seine feste in Dresden ausgeĂŒbt haben kann. Auch der Firmeninhaber, der ĂŒbrigens ungefragt Wert auf die Feststellung legt, dass er eigentlich aus der politisch linken Szene komme, erklĂ€rt ĂŒber seinen Anwalt, dass der echte Max-Florian Burkhardt seit dem 22. Februar 2000 bis heute bei ihm beschĂ€ftigt ist und eine TĂ€tigkeit Burkhardts fĂŒr eine andere Baufirma âschlicht unmöglichâ sei.
Verschiedene GeschĂ€ftsfĂŒhrer damals existierender Zwickauer Baufirmen erinnern sich an Manole, den Chef der Skinheadtruppe, aber mit seinen MĂ€nnern selbst hatten sie nie etwas zu tun. DafĂŒr seien die Bauleiter zustĂ€ndig gewesen. Besonders einer von ihnen, dass ergeben die Recherchen, hatte in der fraglichen Zeit besonders hĂ€ufig mit Manole und dessen Bau-Service zu tun: Arne-Andreas Ernst, damals Bauleiter im Zwickauer Firmengeflecht von Kurt Fliegerbauer, einem stadtbekannten Scientologen und Immobilienunternehmer und als solcher anfangs der Hauptauftraggeber von Marschner Bau-Service. ĂberflĂŒssig zu erwĂ€hnen, dass auch er bis heute nie von der Polizei dazu befragt wurde.
âDer Herr Marschner? Also ich kam mit ihm sehr gut ausâ, erinnert sich Ernst, âer hat öfters mal gejammert, wenn er zu wenig Geld hatte, aber letztlich hat er mit seiner Truppe immer das umgesetzt, was man von ihm verlangt hat.â Marschner Bau-Service sei zu jener Zeit bei Abriss- und Entkernungsarbeiten auf Fliegerbauer-Baustellen am Hauptmarkt 17 und 18 in Zwickau und im GebĂ€ude der Hypovereinsbank im nahen Plauen eingesetzt worden.
Dass der bis zu 15-köpfige Bautrupp aus rechtsextremen Skinheads bestanden habe, sei zwar nicht zu ĂŒbersehen gewesen, so der Bauleiter, âaber ich fand es ganz gut, dass diese Leute, die Manole da um sich herumgeschart hatte, auf der Baustelle beschĂ€ftigt waren. Da hatten sie keine Möglichkeiten, etwas anderes zu machen. Ganz im Gegenteil, die haben wirklich ordentlich und zĂŒgig gearbeitet. Gerade bei AbbruchmaĂnahmen ist das nicht selbstverstĂ€ndlich. Also ich hatte immer den Eindruck, dass die ihre Aggressionen an der Baustelle ausleben.â
Das ZiegenbÀrtchen verrÀt Mundlos
Manole sei mit einem dicken Auto vorgefahren, habe den Auftrag entgegengenommen und sei dann wieder verschwunden. Die eigentliche Einweisung in die zu erledigenden Arbeiten habe er deshalb mit Manoles Vorarbeiter gemacht. An den könne er sich noch gut erinnern, versichert Ernst: âDas war der Einzige, der halbwegs intelligent war und verstanden hat, was ich von ihm wollte. Das war mein Ansprechpartner, wenn der Herr Marschner nicht da war. Also wenn ich bei den Stippvisiten vor Ort einige Sachen festgestellt habe, wenn an der falschen Stelle abgebrochen wurde oder solche Dinge, dann konnte ich sie mit diesem Mann besprechen.â
An einen Namen, sagt der Bauleiter, könne er sich nicht mehr erinnern, gut aber an das Gesicht und das Auftreten des Mannes. Als wir Arne-Andreas Ernst ein Foto von Uwe Mundlos vorlegen, zunĂ€chst ohne zu sagen, um wen es sich handelt, und ohne ihm von Marschners Aussage zu berichten, und zudem bewusst ein Foto zeigen, das nie auf den Fahndungsplakaten war, erkennt Ernst das Gesicht sofort wieder: âDas ist eindeutig der Vorarbeiter, der auf meinen Baustellen fĂŒr den Herrn Marschner tĂ€tig war.â
Wie er sich da so sicher sein könne, haken wir nach. Ernst schaut sich das Foto erneut prĂŒfend an: âSehr prĂ€gnant ist dieses ZiegenbĂ€rtchen, das er hat. Auch hier oben diese kleinen Warzen oberhalb des Auges, die sind auch sehr eindeutig. Das ZiegenbĂ€rtchen blieb aber in Erinnerung. Daran erkenne ich ihn eindeutig.â
Bei der Vorlage von Fotos des echten Max-Florian Burkhardt schlieĂt Bauleiter Ernst aus, diesen Mann jemals gesehen zu haben.
âHaben Sie Manole und Mundlos auch mal zusammen auf der Baustelle gesehen?â, wollen die Reporter vom Bauleiter wissen. âNa ja, sicherâ, antwortet Ernst, âwenn der Manole auf der Baustelle war, dann war ja dieser Vorarbeiter auch da. Und der Vorarbeiter muss ja meine Anweisungen, wenn sie irgendwelche finanziellen Folgen hatten, an Manole weitergegeben haben. Weil der Manole hat mich dann spĂ€ter immer angerufen und gesagt: Das ist jetzt aber nicht im Vertrag drin. Und das musst du separat bezahlen. Und da will ich âne Unterschrift haben. Also so muss man sich das vorstellen.â
âMarschner bestreitet vehement, Uwe Mundlos, den Sie dort erkannt haben, jemals gesehen zu habenâ, wenden die Reporter ein.
Dazu Ernst: âIch kann nicht fĂŒr den Herrn Marschner sprechen.â
âAber Sie sind sich sicher?â Ernst mit erneutem Blick auf das Mundlos-PortrĂ€t: âIch bin mir sicher, dass das der Mann war. Ja.â
Auf den Namen der Firma wurden an Mordtagen Autos gemietet
Marschners Baufirma mietete hĂ€ufig Leihwagen bei jenem Zwickauer Autovermieter, bei dem das NSU-Trio unter Vorlage falscher PĂ€sse Tatfahrzeuge fĂŒr Bankraube und Morde angemietet hatte. Und wĂ€hrend Mundlos vermutlich bei der Abbruchfirma des Verfassungsschutz-V-Mannes arbeitete, wurden auf den Namen von dessen Firma zweimal Autos an Mordtagen angemietet.
So am 13. Juni 2001.
An diesem Tag wurde in NĂŒrnberg das zweite Opfer des NSU, der Ănderungsschneider Abdurrahim ĂzĂŒdogru, in seinem Laden erschossen. Der Mercedes Sprinter, den Marschner geliehen hat, kam am nĂ€chsten Tag mit 980 gefahrenen Kilometern zurĂŒck.
Und am 29. August 2001, zum Tatzeitpunkt des vierten NSU-Mordes â an dem MĂŒnchner GemĂŒsehĂ€ndler Habil Kilic â waren vom Marschner Bau-Service sogar zwei zusĂ€tzliche Autos gemietet worden: ein Kleinwagen Audi A2 und ein VW Golf.
Bei der ersten Ausleihe war Marschners damaliger Nazi-Kumpel Jens G. als zweiter Fahrer eingetragen. Der wohnt noch heute in der Zwickauer PolenzstraĂe. SchrĂ€g gegenĂŒber, in Sichtweite von ihm, lebte sieben Jahre lang das Trio in einem Eckhaus.
Der V-Mann-FĂŒhrer unterlag wohl einem Irrtum
Besuch bei Maik Stölzl, dessen Autovermietung Zwickau damals Fahrzeuge sowohl an Uwe Böhnhardt (der falsche Papiere vorzeigte) als auch an den Marschner Bau-Service vermietete. âWir haben das nie ĂŒberprĂŒft, wer die Autos bei Marschner tatsĂ€chlich gefahren hat und wer nichtâ, erklĂ€rte Stölzl jetzt den Reportern. Und wenn das Trio Marschner-Mietautos auf diese Weise fĂŒr Morde und Bankraube benutzt hat? Stölzl zuckt verlegen mit den Schultern. Ob er das auch schon der Polizei erzĂ€hlt habe, wollen wir beim Verlassen seines BĂŒros von Maik Stölzl wissen. âDie haben mich das nie gefragtâ, sagt der Autovermieter und schĂŒttelt unglĂ€ubig den Kopf.
Auch Manoles V-Mann-FĂŒhrer beim Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz behauptet, sich nie fĂŒr die Mietwagengeschichten oder ĂŒberhaupt dessen Baufirma interessiert zu haben. In der bereits erwĂ€hnten Vernehmung vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss wurde Richard Kaldrack explizit nach beidem gefragt. âIch wusste, dass er damals âŠâ, beginnt Kaldrack und stockt: âIst das jetzt noch offen?â
âDa ist doch nichts Geheimes dranâ, entgegnet Hans-Christian Ströbele von den GrĂŒnen. âIch habe mich jetzt nicht dafĂŒr interessiert, wann er fĂŒr seine Baufirma Autos gemietet hatâ, antwortet Kaldrack erkennbar gereizt, âweil das eigentlich ein Bereich war, der seinen beruflichen Teil betraf, der fĂŒr mich auch aus der Sicht der V-Mann-FĂŒhrung völlig nicht von Interesse war. Was interessiert das mich, ob er nun fĂŒr seine Firma Autos gemietet hat oder nicht? Das hat doch nichts mit unserer Zusammenarbeit zu tun gehabt.â
V-Mann-FĂŒhrer Kaldrack dĂŒrfte sich da gewaltig geirrt haben.
Manole wurde im NSU-Prozess nicht angehört
Immerhin. Die BKA-Beamten Paul L. und Stefan N. hatten Ralf Marschner am 14. Februar 2013 gezielt nach den Mietwagenungereimtheiten befragt. Ob sie etwas ahnten? Falls ja, wĂ€re noch rĂ€tselhafter, warum ihre weiteren Ermittlungen so klĂ€glich versandeten. Frage 108, ganz am Ende der Vernehmung: âNoch einmal: Sie haben dem Trio keine Fahrzeuge zur VerfĂŒgung gestellt und auch nicht Ihre Angestellten? Marschner: âNein, meines Wissens nicht.â BKA: âWarum haben Sie die Fahrten nicht mit dem Audi A6 gemacht?â Marschner: âDie anderen Fahrzeuge habe ich immer fĂŒr meine Angestellten gemietet gehabt.â BKA: âHaben Sie noch ErgĂ€nzungen?â âNein, abgesehen davon, dass ich eine MittĂ€terschaft keinem meiner ehemaligen Angestellten zutraue.â Schluss der Einvernahme: 20.45 Uhr. Gelesen und bestĂ€tigt: Ralf Marschner.
Die Tatsache, dass Manole auf dem vorgelegten Foto des âechten Max-Florian Burkhardtâ nicht seinen Mitarbeiter erkannte, veranlasste die Beamten nicht, die schlichte Frage zu stellen, ob es sich bei dem Mitarbeiter nicht um den âfalschen Burkhardtâ handeln könnte, nĂ€mlich Uwe Mundlos, der mit dessen Papieren ausgestattet war.
Und weder in irgendeinem der insgesamt elf UntersuchungsausschĂŒssen oder in dem MĂŒnchner NSU-Prozess ist Ralf Marschner alias Manole alias V-Mann Primus jemals vorgeladen worden.
De MaiziĂšre lehnt Beantwortung der Fragen ab
Der PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Hans Georg MaaĂen, von der âWeltâ mit den Rechercheergebnissen ĂŒber V-Mann Primus und dessen mutmaĂlichen Mitarbeiter Mundlos konfrontiert, erklĂ€rte dazu: âWir haben keine Hinweise darauf. Nach unserer Erkenntnislage und nach den AuskĂŒnften der damals dafĂŒr zustĂ€ndigen Mitarbeiter haben wir keine Anhaltspunkte dafĂŒr, dass es so war.â
Am 16. MĂ€rz 2016 stellte die Abgeordnete der Linken, Martina Renner, eine Anfrage an die Bundesregierung nach den Quellenmeldungen von âRalf Marschner, V-Mann des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) mit dem Aliasnamen Primusâ.
Der Bundesminister des Innern lehnte die Beantwortung ab: âZu etwaigen EinsĂ€tzen von V-Leuten bzw. Vertrauenspersonen gibt die Bundesregierung aus GrĂŒnden des Staatswohls keine Auskunft.â Das wĂŒrde ânegative Folgen fĂŒr die kĂŒnftige ArbeitsfĂ€higkeit und AufgabenerfĂŒllung der Nachrichtendienste sowie der daraus resultierenden BeeintrĂ€chtigung der Sicherheit der Bundesrepublikâ haben.
Da hat Innenminister de MaiziĂšre wohl recht.
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