Die BĂ€nder sind wieder da
Es ist das Jahr 2016 und ich besitze seit 1 Tag mein allererstes Smartphone, das diese Bezeichnung auch verdient hat. Mehr dazu zu einem spÀteren Zeitpunkt, in einem anderen Beitrag. Heute geht es um BÀnder. VideobÀnder und Musikkassetten.
Die Kinder sind im Harry-Potter-Fieber, das JĂŒngste zum ersten, die beiden Ă€lteren zum wiederholten Mal. Ich selbst war in den spĂ€ten 90ern völlig von den Socken von der Geschichte und erzĂ€hle den Kindern, dass ich damals in Berlin mit dem Auto sogar extra lange Umwege zum Kunden gefahren bin, damit ich noch die Kassette fertighören konnte.
âWas ist eine Kassette?â, fragt das 9-jĂ€hrige.
Ich gehe in den Keller und krame. Da mĂŒssen doch noch irgendwo ... und tatsĂ€chlich, die Harry-Potter-Kassetten âDer Gefangene von Askabanâ, gelesen vom unfassbaren Rufus Beck, da sind sie.Â
Ich zeige sie den Kindern, sie staunen ĂŒber das Format und ĂŒber das weiche, kuschelige Band, sie ziehen es raus und ich bin entsetzt â âdas dĂŒrft ihr nicht! das geht kaputt so!â â und hole einen Bleistift, um es wieder aufzuspulen.Â
Die Kinder betrachten mich, als hÀtten sie mich noch nie gesehen. Spulen kennen sie nicht, noch nie haben sie ihre mp3-Dateien oder ihre CDs irgendwohin gespult. WÀhrend ich meine halbe Jugend mit Spulen verbracht habe, weil es ein Skill war, auf der Mixkassette genau den einen Song zu finden ...
Nur wenig spĂ€ter ist das alte Kassettendeck am Start. Boxen vom Computer drangestöpselt (mit Adapter fĂŒr die Klinkenbuchse natĂŒrlich, wobei der Stecker auf dem Bild im CD-Player steckt), und schon erklingt Rufus Becks Stimme im Raum, und die Kinder lauschen. Ich lausche dem Surren des Decks ...
Am selben Abend gehe ich die Abrechnungen meines Kabelanbieters durch und stelle fest, dass das gekĂŒndigte Kabelfernsehen gar nicht gekĂŒndigt ist. Einen Fernseher haben wir aber gar nicht mehr ... âMama, wann kommt eigentlich esc?â, fragt das Kind da, und ich google und lese den baldigen Termin, und erinnere mich an den uralten Fernseher im Keller, der der Vermieterin gehört. Den schleppen wir ins Wohnzimmer, stecken das Kabel des Kabelanschlusses ein und zappen uns durch das wiederauferstandene TV-Programm.Â
âWofĂŒr ist eigentlich das Fach da oben?â, fragt das Kind, und zeigt auf einen ziemlich breiten Schlitz im GerĂ€t. âOh, das ist fĂŒr Videokassettenâ, sage ich leichthin, und schon drĂŒckt das Kind auf Eject, und eine wirklich sehr sehr alte Benjamin-BlĂŒmchen-Kassette findet ihren Weg zurĂŒck ins Licht.
Die Kinder bestaunen das Band, ziehen es nicht heraus, und fragen auch nicht mehr nach, warum ich den Film erst spulen muss. Sie warten einfach, und ich lausche dem Surren. Danach betrachten sie andĂ€chtig den Film, als wĂŒrde es fĂŒr die Rezeption am Ende doch eine Rolle spielen, ob der Inhalt von einem Band kommt oder von irgendwoher aus der Luft, ĂŒber WLAN oder von Netflix oder YouTube.
Bisher habe ich ihnen nicht gesagt, dass ich aus meinen Arbeitstagen in Berlin noch sehr sehr viele Benjamin-BlĂŒmchen-Videos im Keller habe.