Dezember 2023, aber auch schon undefinierte Zeit vorher
Nicht so um die Ecken schreien
Wenn sich meine Eltern etwas mitteilen möchten, in ihrem Haus aber in unterschiedlichen Zimmern oder Stockwerken sind (bitte keine falschen Vorstellungen, es ist eine DoppelhaushĂ€lfte mit 120qm, kein Schloss), rufen sie sich ĂŒber ihre Smartphones an. Sie haben ihre Telefone dann beide auf Lautsprecher gestellt (vielleicht machen sie auch Videoanrufe, das konnte ich nicht ganz genau sehen, vermute es nur wegen des Klangs). Die Telefonate dienen beispielsweise der Information darĂŒber, wer gerade was im Fernsehen kuckt, ob jemand auch einen Apfel essen möchte oder darĂŒber, dass es jetzt Essen gibt. Oft sind sie super kurz. Meine Eltern sind 72 und 74 Jahre alt und nutzen sehr gewieft (Emojis, GIFs, Sticker) WhatsApp und Signal, aber fĂŒr sie ist der normale Modus Telefonieren. Erledigt mein Vater etwas in einem GeschĂ€ft, in das er mit dem E-Bike fĂ€hrt (er hat keinen FĂŒhrerschein), ruft er meine Mutter an, gibt eine Zwischenmeldung durch und kĂŒndigt an, dass er nun losfĂ€hrt. FrĂŒher haben sie letzteres ĂŒber Telefonzellen geregelt.
Meine Eltern kommunizieren quasi den ganzen Tag auf mehreren KanĂ€len mit verschiedenen Personen, meine Mutter hat, wenn sie wach ist und nicht kocht oder strickt oder gĂ€rtnert, ihr Telefon quasi immer in der Hand und achtet dementsprechend auch sehr darauf, dass es immer aufgeladen ist. Man kann sie deshalb sehr gut erreichen. Mein Vater, der ĂŒber Signal gern sehr lange Nachrichten schreibt, die man mehrfach per drop down Menu ausklappen muss, tippt auch hĂ€ufiger auf der Desktop App an seinem Laptop, er ist ĂŒber sein Handy nicht ganz so gut wie meine Mutter, aber doch sehr gut zu erreichen.
Das Telefonieren im Haus hat auch insofern Tradition, als dass meine GroĂeltern schon ĂŒber Festnetztelefonie in ihrem Haus der/dem Ehepartner/in Mitteilungen ĂŒber alles mögliche machten, dazu gab es den Hausruf. All das diente dem Zweck, dass ânicht so um die Ecken geschrieenâ werden sollte. Rufen im Haus ist seit mehreren Generationen in meiner Familie tabu und kommt nur in AusnahmefĂ€llen vor.
Nachtrag: Die Verlinkung des Hausrufs ist zumindest fĂŒr den Fall meiner GroĂeltern falsch, sie haben ein ganz normales Telefon benutzt. Ich glaube, man musste was wĂ€hlen, aber ich weiĂ leider nicht mehr, was. Das, was verlinkt ist, ist ja so eine Art Gegensprechanlage. Das hatten sie definitiv nicht, ich frage mich aber gerade, ob ich mich ganz richtig erinnere.
AuĂerdem hatte mein Opa eine Klingelanlage installiert: In jedem Zimmer war eine TĂŒrklingel, die man von einem Bord in der KĂŒche aus betĂ€tigen konnte. Klingeln hieĂ âbitte runterkommenâ. Vermutlich mit Kommunikationsabsicht oder zum Essen. Sie war allerdings quasi immer ausgeschaltet, weil wir als Kinder natĂŒrlich non stop KlingelmĂ€nnchen gemacht haben, ohne dass es einen Anlass zum Runterkommen gab.
Das Foto habe ich 2010 gemacht, als wir das Haus ausgerĂ€umt haben. Da war die Klingelanlage (am unteren Rand des Fotos) schon lange nicht mehr im Betrieb. DafĂŒr aber ein schöner alter Kassettenrekorder mit Radio im Bild.
(Alina Smithee)











