1983 bis 1986
Computer â lohnt sich der?
Im Mai 1983 widmen sich in âDer Ăbersetzerâ, der Verbandszeitschrift des Literatur-Ăbersetzerverbands VdĂ (heute: âĂbersetzenâ), zwei BeitrĂ€ge der Frage, ob es sich fĂŒr Ăbersetzer*innen lohnt, in einen âTextverarbeitungs-Computerâ beziehungsweise einen âMikrocomputerâ zu investieren.
Zu dem Zeitpunkt gibt es im noch im Aufbau befindlichen EuropĂ€ischen Ăbersetzer-Kollegium in Straelen, einem Ăbersetzerhaus mit Apartments, SeminarrĂ€umen und einer Ăbersetzerbibliothek, bereits Computer zum freien Gebrauch durch die GĂ€ste. Und siehe da, die neuen GerĂ€te bieten âErleichterungen (âŠ) vielfĂ€ltiger Artâ:
âschon die erste Niederschrift gelingt schneller und schwereloser als auf einer elektrischen Schreibmaschine, es wird ja keine Mechanik mehr bewegt, sondern man tippt âauf den Bildschirmâ;
auĂerdem tippt man âendlosâ, nĂ€mlich ohne Trennungen; das Computerprogramm schiebt ein Wort, falls es zu lang wird, vom Ende der augenblicklichen Zeile selbsttĂ€tig in die nĂ€chste;
aller Text auf dem Bildschirm lĂ€Ăt sich sofort (oder auch wesentlich spĂ€ter, wenn man ihn wieder âabruftâ) auf einfachste Weise bearbeiten â Ăbertippen, Wegstreichen, EinfĂŒgen oder Umstellen geschehen elektronenschnell;
wenn eine Passage gestrichen ist, schlieĂt das Programm den folgenden Text auf, ordnet die Zeilen neu an, und man hat wieder eine makellos ĂŒbersichtliche Seite vor Augen;
auch beim EinfĂŒgen von zusĂ€tzlichem Text wird die Bildschirmseite sofort neu gegliedert;
und am Ende der Ăbersetzungsarbeit gibt man einem Typenraddrucker einfach den Befehl, den bisher nur elektronisch vorhandenen Text auszudrucken.â
(aus Klaus Birkenhauer, âWozu Textverarbeitungs-Computer beim Ăbersetzen?â, in: Der Ăbersetzer Nr. 5-6/1983, S. 1-2, zsue.de/heft/der-uebersetzer-05-06-1983/)
Zu diesen begeistert begrĂŒĂten Innovationen kam ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: In den Computern lieĂ sich Wissen akkumulieren, geordnet abspeichern und â zumindest im Ăbersetzer-Kollegium, wo sich viele aus der Branche trafen â untereinander austauschen. Angedacht waren schon damals Sammlungen von Fach- und Spezialterminologie, kommentierte Glossare und vor allem eine Dokumentation aktueller Umgangssprache, die auf den Computern vor Ort abgespeichert werden und somit den nĂ€chsten Besuchern zur VerfĂŒgung stehen sollten (Vgl. Birkenhauer, s.o.).
Die weitere Zirkulation dieses Wissens gestaltete sich dann allerdings schleppend: Noch 1995 bietet in derselben Zeitschrift ein Internet-literater Ăbersetzer seinen Kolleg*innen an, ihnen in diversen Foren aufgestöberte englischsprachige Glossare zu Hacker-Jargon, Polizei-Terminologie und Drogenvokabular zukommen zu lassen â gegen Zusendung einer leeren DOS-Diskette und eines frankierten RĂŒckumschlags. (Rainer Schmidt: âFundsachenâ, in: Der Ăbersetzer Nr. 2/1995, S. 5, zsue.de/heft/der-uebersetzer-02-1995/)
Trotzdem gaben bereits Anfang der 80er etliche Ăbersetzer*innen vier- oder fĂŒnfstellige DM-BetrĂ€ge fĂŒr eine âTextverarbeitungsmaschineâ aus (Erwin Peters, âComputer â lohnt sich der?â, in: Der Ăbersetzer Nr. 5-6/1983, S. 3-4, zsue.de/heft/der-uebersetzer-05-06-1983/). Schon die Auswahl gestaltete sich schwierig: âDa meine praktische Erfahrung gleich Null war, habe ich zunĂ€chst einmal Messen besucht und mich beim Handel informiert. Die Auskunft war ĂŒberall gleichlautend: die Computer der eigenen Marke können alles, die anderen gar nichts. Praktisch verwertbare Auskunft also fast Null.â Auch damals galt: âWer sich einen Computer anschafft, der sollte seinen Wortschatz zuvor um eine wichtige Vokabel bereichern: die âKompatibilitĂ€tâ.â Manche Marken boten zum Beispiel nur Schnittstellen fĂŒr ihre firmeneigenen Drucker an und vermarkteten Komplettpakete: âKomplette Textverarbeitungscomputer kann man heute ab etwa 10.000.- DM kaufen. Das ist ein Mikrocomputer mit Externspeicher und Daisywheel-Printer.â
An den Verlag wurde dann ĂŒbrigens das per âPrinterâ ausgedruckte Manuskript ĂŒberreicht. Noch 1986 diskutierte man in der Zunft die Fragen: âKann der Ăbersetzer eine Diskette statt einem Manuskript abliefern? Sollte er es ĂŒberhaupt tun?â, aber auch: âGeraten Ăbersetzer, die nicht mit Computer [sic] arbeiten, allmĂ€hlich ins Hintertreffen?â (Friedrich Griese, Vom Mikro in den Fotosatz â Tendenzen in der Buchherstellung" in: Der Ăbersetzer 9-10/1986, S. 7-8, zsue.de/heft/der-uebersetzer-09-10-1986/). In den Verlagen begann sich herumzusprechen, dass sich durch den Computereinsatz Herstellungskosten sparen lieĂen. Die Anschaffungspreise waren in den vierstelligen Bereich gesunken (âman könne sich heute fĂŒr 5000 Mark einen guten Mikrocomputer hinstellen, der vor drei Jahren 20000 Mark gekostet hĂ€tteâ). Fachzeitschriften wie die âmicroâ halfen bei der Entscheidungsfindung; das âBörsenblattâ informierte die Buchbranche ĂŒber das Thema. Aber es gab BeharrungskrĂ€fte: âNoch wird (âŠ) im Lektoratsbereich und in der Manuskriptbetreuung weitgehend auf den Einsatz von Computern verzichtet.â
Diese und weitere Entwicklungen (wie maschinelles Ăbersetzen, Internetgebrauch) sind im Online-Archiv der VdĂ-Verbandszeitschrift unter dem Schlagwort âTechnikgeschichteâ nachzuverfolgen: zsue.de/thema/technikgeschichte/
Eine Fundgrube fĂŒr Technikgeschichte ist aber auch die regelmĂ€Ăige Computer- und Internetkolumne der Zeitschrift, im Themenkatalog unter âPC-Rubrikâ verzeichnet, die noch bis zum Jahr 2000 âNeues aus dem Cyberspaceâ betitelt war und der Zunft hĂ€ppchenweise aktuelles Technikwissen vermittelt: zsue.de/thema/pc-rubrik/
(Hanne NĂŒte)














