Was hat einen Schweif?
Was schweift, schwafelt, schwingt oder schwankt?
1.
Meteore haben einen Schweif, sie schweifen und kommen weitschweifig daher. Wie die Rede oder das Schreiben, die abschweifend sein sollen, tauchen Meteore zu Zeiten auf- und ab, die nicht richtig sein sollen. Sie tauchen manchmal auf, sometimes, zu säumigen Zeiten. Oft kann man diese Zeiten nach einiger Zeit doch auch berechnen und bestimmen, sehr präzise sogar. Sie sind aber schwer berechenbar und nicht selten notorisch unkalkulierbar.
In seiner Arbeit zu Recht und Literatur, die im Titel auch dem Schweif/ Schweifen (dem Schwafeln sagen manche) gewidmet ist, weil die Arbeit den Titel Sprachkrise(n) trägt, hat sich Ino Augsberg mit ziemlich gründlichen Linien beschäftigt, die Graphien sind und noch zur Choreographie gehören. Das sind also Linien, die einem Chorus aufsitzen, aufliegen oder in einem Chorus stattfinden, dort also ihre Stätte finden und sichtbar oder zu sichten sind. Das Pantheon etwa ist so ein Chorus, eine Art römische Disco, die göttliche Wesen verbreiten soll. Solche choreographischen Linien, wie Augsberg sie aufnimmt, sind nur dann keine Regeln, wenn man den Begriff der Regel von regula ableitet und damit ein starres Instrument meint, das rechteckige oder rechtwinklige, immer richtig verwickelte Operationsfelder für solche Architekturen organisiert, deren Stabilität und Konstanz her- und dargestellt (also auch konfirmiert) werden soll. Das Häkchen der Sozialen Systeme, also das, was sie in und unter den Texten machen, die von der Systemtheorie aufgenommen werden sollen, hat einen Haken. Es stammt von George Spencer-Brown, sieht aus wie eine regula, selbst wenn es anders operiert. Es scheint aber so wie eine Regel, die der regula entspricht. Das ist nicht einmal um die Ecke gedacht, auch wenn es mit der Ecke gedacht ist, die das Ideogramm der Systemtheorie ist: ihr eigentümliches Bild- und Schildzeichen, ein dogmatisches Digma. Das hat für mich einen Haken, schon weil ich darum in dieser Zeitschrift nichts veröffentlichen kann,selbst wenn Maren Lehmann und Peter Plener es wollen. Einen Kreis und eine Ellipse kann man mit der regula nicht zeichnen, aber die haben auch Regeln. Dass Regeln von der regula kämen und das Recht vom rechten Winkel, das ist züchtiges Sagen und Sagenzucht in einem. Regeln regnen und regen auch, sie können auch rinnen, rennen, benetzen und vernetzen, wässern und fluten auch. Im Begriff steckt's sogar, stückweise und teilweise manchen Lesern und Schreibern versteckt.
Wenn man den Begriff der Regel über Regie, Regung und Regen führt, dann regeln diese Linien, die Augsberg in sein Buch kopiert, auch etwas. Dann sind es auch zügige (auch windige/ wendige( wirbelnde), gezogene und ziehende, kontrahierende und distrahierende, attraktive, traktierende Linien. Dann sind es, gezügelt gesagt: Züge.
Augsberg zeigt in seiner Arbeit Linienzüge, die Tanz und Reigen notieren, von deren Regung und deren Kehren Kunde geben, also zum Kundenverkehr und zur Verkehrskunde gehören. Diese Linienzüge sind auch würdevoll und können damit noch mit der Notitia Dignitatum assoziiert werden. Man kann in den Linienzügen ein Ideogramm, ein Bild- oder Schildzeichen der Sprachkrise(n) sehen, deren Studium auch eines von Recht und Literatur ist. Die Notitia Dignitatum ist dabei Kunde der Kunden, Urkunde, weil es die antike Quelle für die Vewaltung der Bilder und die Bilder der Verwaltung schlechthin ist. Die Assoziation kann fernliegend erscheinen, abschweifend. Wer denkt schon, wenn er an Tristam Shandy oder heute an Recht und Literatur denkt, an römische Verwaltung und ihre Bilder aus dem 4. Jahrhundert nach Christus? Warburg kann es tun, Steinhauer auch, aber alle melancholischen Talente können in einer Sekunde das Entfernte assoziieren, egal wie weit und nah es liegen soll, weil ihnen ohnehin alles entfernt ist. Thomas Melle hat einmal gesagt, die Melancholiker seien die entfremdeten Charaktere schlechthin. Nicht unbedingt, aber unbedingt sind sie Händler der Entfernung, denn sie müssen es sein, weil sie die Welt im Rücken haben und die immer weiter rückt. Sie können Atlas und Glückspilz (d.i. Fortunarhizom) sein, oft sind sie beides in einer Sekunde (so gesagt, um das Gerücht der Geichzeitigkeit zurückzuhalten).
2.
Augsberg zeigt ziemlich gründliche Linien. Ziemlich gründliche Linien (fairly thorough lines) besorgen oder kuratierend etwas. Man kann ziemlich gründliche Linien mit ihrer Sorge/ Besorgung (sorrow/procuration) als technische Formulierung verstehen. Wenn man das tut, bezieht sich die Formulierung auf die Arbeiten von Cornelia Vismann, die in ihrem Buch über die Akten, über das, was vom Griechenland ist und das, was das Schöne am Recht ist, eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken entworfen hat, die Geschichte und Theorie von Graphien ist, die wiederum ziemlich gründliche Linien sind. Wenn die Formulierung überhaupt technisch geworden ist, dann über Vismanns Schreiben.
Linien sind es, weil sie gezogen, ziehend und zügig sind. Gründlich/ thorough sind sie, weil die Linien scharf und präzise sind und weil sie allem dem dienen, was einen Grund haben soll. Sie gründen was (condere). Sie sind insoweit rational, rationierend und rationalisierend, rasierend, reizend (condire), rasend und ragend (manchmal herausragend wütend; Vismann soll einmal mit einer Schere den Anzug von Joseph Vogel zerschnitten haben, man sagt, das sei um Karneval herum geschehen, das alles ist ein Gerücht).
Die Linien sind ziemlich/ fairly, weil sie gemustert sind, mustern und mustern lassen, messen und messen lassen, sogar missen und missen lassen (begehren, verzehren, bekehren und verkehren lassen). Sie sind dezent, Sitte, gleichsam kleidend oder kleidsam. In der Notitia Dignitatum findet man ziemlich gründliche und völlig römische Linien, die Cornelia Vismann eng mit den Wellenlinien amazonischer und tropischer Verwaltung assoziiert. Sie assoziiert die Notitia Dignitatum eng mit den Schreibstunden der Nambikwara. Eng ist klamm, ist sogar phobisch, damit auch strahlend und leuchtend (wie die Maske oder Person von Appollo phoibos und Sol Iustitiae und damit die Maske nicht eines Persönlichkeitsideal, sondern des Persönlichkeitsideal schlechthin!). The thorough und the sorrow, die Prokura und die Präzision stört`s nicht, ganz im Gegenteil, das speist sie, davon leben sie. Denn doch ist das/ die Enge, die Klamm, schweifend, sogar abschweifend. Wie gesagt: strahlend, wie ein Stern, der als dichter Punkt und kleinste Stelle am Himmel auch strahlt, vor allem wenn es direkt neben ihm und alles weitere schon schwarze Nacht ist.
2.
Augsberg zeigt in Sprachkrise(n) ziemlich gründliche Linien. Wenn man unter einem Vorbild auch eine versteckte Referenz versteht, dann gibt es Vorbilder der choreographischen Notationen, die Augsberg dem Tristam Shandy entnommen hat. Diese Vorbilder sind schweifende Linien. Warburg widmet solchen schweifenden Linien unter anderem den kleinsten Buchstaben des hebräischen Alphabets, das iota.
Auf Tafel 79 bringt er, für seine Verhältnis zurückhaltend, aber dem Anlaß ziemend, ein Achse stabförmig und vertikal an, die aus Photos von Zügen besteht, die schweifen. Das ist auf fast allen Photos dieser Stabes (oder Buchstabens), der Achse/ pole, nur ein Schwung, eine leicht gebogene Kurve, Biegung des Linienzuges. In einem Photo sind es nur zwei Pferde, die einen Wagen ziehen. Warburg bezieht sich damit aber auch auf Vorbilder, auch da stecken Referenzen. Dürers Graphie des Triumphes von Maximilian I. zeigt einen Zug und dazu zeigt Dürer auch das Schweifen, in exzessiven oder expliziten Abschweifungen, deren Nähe zu den Choreographien bei Tristam Shandy schon eng ist (Sigmar Polke hat die Schweife in einem seiner großen Bildezyklen ebenso eng auf die Alchemie bezogen) Die Graphien in der Notitia Dignitatum, die Warburg eng assoziiert sind, zeigen in einzelnen Codices, besonders dem aus München (in seiner Simulation und Dissimulation der Einheit des Objektes namens Notitia Dignitatum) auch Schweifendendes und Abschweifendes: Der Rauch und die heiße Luft über den Kerzen auf ihren Ständern wirbeln ventiliert. Die Peitsche des Wagenlenkers schweift, sie schwingt wirbelnd, tosend und ventilierend. Kein Triumphzug ohne Schweif, kein Triumphzug ohne Abschweifung, keiner ohne Meteorologie. Schweifen, schwafelnd, schwingen oder schwanken, auch schwofe(l)n, sind juridische Kulturtechniken, den als Technik kooperieren sie bei der Wahrnehmung von dem, was Recht sein soll. Vielleicht nicht in Speyer, aber auf der ENA lernt man, zu tanzen. Diplomaten lernen den Auftritt, von Anwälten, Richtern und Regierungen erwartet man den Auftritt, auch die Anbahnung und Anbändelung von Kontakten und Gesprächen. Ehrlich gesagt denke ich, dass man das auch in Speyer und immer dann, wenn Regierungen schulen und geschult werden, lernt, nur nicht so wie auf der ENA und nicht als Teil des offiziellen Curriculums. Die anthropologische Lehre legt das nahe, weil nach dieser Lehre alles das, was hier vorkommt, auch da vorkommt, nur in anderen Reihenfolgen (in anderem Reigen).
Will man das nicht, muss das verhindern. Dann muss man das Recht und die Regel so assoziieren, dass nicht auch Regime und Regie, nicht noch Regung, Reigen, Regen und Reichen anschlussfähig werden, also das werden, für dessen Begriff Luhmann nichts kann, weil Österreich schon anschlussfähig war, bevor Luhmann Begriffe erfand, weshalb er für die Verwendung des Begriffes auch nicht im Fegefeuer sitzen wird. Nur wegen der Erfindung des Begriffes der Ausdifferenzierung wird er dort sitzen, bis die Differenzierung aus ist.












