In touristischen Städten Spaniens, allem voran in Barcelona, prägt ein besonderes Merkmal das Straßenbild: Menschen mit dunkler Hautfarbe, die auf großen, ausgebreiteten Decken T-Shirts, Schmuckstücke und andere Kleinigkeiten verkaufen. Mit der Zeit ist daraus eine selbstorganisierte Gruppe von Migrant_innen entstanden. Wegen ihrer Decke - auf Spanisch „manta“ - werden sie „Manteros“ genannt. Da diese Art des Verkaufs auf Straßen und an öffentlichen Plätzen nicht erlaubt ist, haben die Manteros gelernt, sofort zu verschwinden, sobald sie Polizei sehen.
Am Nachmittag nach dem Museumsbesuch treffen wir zum Kennenlernen der Manteros einige von ihnen in ihrem Laden „Top Manta“ in der Ciutat Vella in Barcelona. Unsere Gastgeber nehmen sich Zeit, um uns ausführlich von ihren persönlichen Geschichten und der ihres Stolzes, der Kleidungsmarke „Top Manta“ zu erzählen:
der folgende Teil ist keine wörtliche Wiedergabe der Erzählung, da dies durch Übersetzung und aufgrund des großen Umfangs nicht möglich ist. Vielmehr liegt der Fokus hierbei auf inhaltliche Aspekte. Auch die wörtlichen Zitate sind Übersetzungen.
Lamine kommt aus Senegal, wie die Meisten der Manteros, und lebt seit 2006 in Spanien. Er und weitere 98 Personen waren zusammen auf einer patera (typische, einfache Holzboote, mit denen Migrant_innen aus Afrika versuchen, nach Europa zu kommen), bevor sie endlich La Palma de Mallorca erreichten.
Die Bedingungen auf der patera waren sehr schlecht und die Reise dadurch sehr hart. Sie hat eine Woche gedauert. Als sie in Spanien ankamen, wurden sie wie Verbrecher behandelt. Das findet Lamine “unmenschlich”: “nach einer solchen Reise werden wir nicht getröstet, sondern eingesperrt”.
Die Grenzüberquerung ohne Papiere ist in Europa und Spanien als Verbrechen zu sehen und in Spanien erwartet ihnen daher der Prozess. In der Schule in Afrika haben sie gehört, dass es in Europa Recht und Demokratie herrscht - das war folglich auch die Erwartung von Lamine und seinen Gefährten. Doch stattdessen wurden sie von der Polizei festgehalten und mussten in einem Abschiebegefängnis auf eine weitere Entscheidung der Behörde warten. Die Wartezeit betrug maximal zwei Monate – nach einer Reform hat sich diese Zeit mittlerweile auf sechs Monate verlängert. Die Wahrscheinlichkeit, zurückgeschoben zu werden, hängt von der Verfügbarkeit der Flüge ab, die in ihre Herkunftsländer gehen. Anders als die meisten seiner Gefährten gehört Lamine zu den wenigen Glücklichen, die nicht unmittelbar abgeschoben wurden, da es für ihn zu der Zeit kein passender Flug gab. Er wurde geduldet.
La Ley de Extranjería (dt: das Ausländergesetz)
Nach der Erhaltung der Duldung dürfen die Migrant_innen für drei Jahre sich in Spanien frei bewegen: Die Dokumente, die sie bekommen, erlauben ihnen allerdings nicht, Spanien zu verlassen. Eine Arbeitsgenehmigung erhalten sie auch nicht. Es bleibt ihnen daher oft nichts anderes übrig, als auf der Straße illegal Waren zu verkaufen oder auf den Feldern schwarz zu arbeiten.
In dem Fall, wenn sie von der Polizei gefasst werden, müssen sie erstens eine Geldstrafe von mindestens 60 Euro zahlen. Lamine erzählt auch, dass einer seiner Bekannten wegen besonderer Schwere auch schon mal 10.000€ zahlen musste, nennt jedoch dazu keine Einzelheiten. Zudem werden all ihre Waren beschlagnahmt. Ferner droht ihnen auch noch die Abschiebung in ihr Herkunftsland. All diese Konsequenzen des spanischen Immigration- bzw. Ausländergesetzes führen dazu, dass Migrant_innen sich sehr ungerecht behandelt fühlen und aus Protest bezüglich der Gesetzgebung den Slogan „mata gente cada día“ (dt: tötet Menschen jeden Tag) z.B. auf Demonstrationen aufrufen.
Die Manteros kritisieren nicht nur das polizeiliche Vorgehen, sondern auch die einseitige Medienberichterstattung, die die Migrant_innen ins schlechte Licht rücken. Unsere Gastgeber erzählen uns explizit von einem Beispielfall, in dem diese deutlich werden: 2015 fand eine Razzia in der Wohnung von einem der vendedores (dt: Straßenverkäufer) statt, bei der ein afrikanischer Migrant ums Leben kam. Laut offizieller Darstellung war dieser Vorfall selbstverschuldet, laut den Manteros liegt die Schuld allein bei der Polizei. In der Folge organisierten sich in Barcelona große Proteste seitens der Manteros, die für ihre Rechte kämpfen wollten.
Die Mindestvoraussetzungen, die für die Legalisierung ihres Status‘ bzw. das Erhalten von Papieren zu erfüllen sind, erfordern eine Aufenthaltsdauer in Spanien von mindestens 3 Jahren und den Besitz eines Arbeitsvertrages mit einer Dauer von mindestens einem Jahr. Ein offizieller Arbeitsvertrag ist jedoch für sie sehr schwer zu bekommen: nicht nur, weil sie keinen klaren Status haben und deshalb kaum ein Arbeitgeber sie beschäftigen will, sondern auch aufgrund rassistischer Ressentiments. Um gegen diese “schlecht realisierbaren” Voraussetzungen und gegen die schlechte Behandlung von vielen Seiten vorzugehen, gründeten die Manteros eine eigene Gewerkschaft.
Das Projekt „Top Manta“ bzw. die gleichnamige Bekleidungsmarke ist ein weiterer Weg, mit dem die Manteros sich selbst helfen wollen. Sie schaffen selbst legale Arbeitsplätze in ihrem Laden im Zentrum Barcelonas und ihr Slogan ist “ropa legal hecha por gente ilegal” (dt: legale Kleidung gemacht von illegalen Menschen).
2017 starteten sie ein Crowdfunding, bei dem innerhalb eines Jahres über 3500 Menschen mitgemacht haben. Dabei wurde ca. 67.000 Euro gesammelt und die Teilnehmer erhalten im Gegenzug Top Manta-Kleidung. Mit dem Geld starteten sie Schritt für Schritt: Sie legten die Basis für ihren Laden, erwarben die Druckmaschinen für ihre Kleidung und stellten 15 T-Shirts her. Fünf davon wurden gleich von den Mitgliedern bei der Vorstellung ihrer Marke getragen, die restlichen zehn wurden jeweils für 10 Euro verkauft. Mit den Einnahmen wurde Zutaten gekauft, mit denen sie typisch senegalesisches Essen zubereiteten und auf fiestas verkauften.
Mittlerweile haben sie genug Umsatz gemacht, um ihren Laden voll auszustatten. Lamine betont außerdem, dass bei „Top Manta“ niemand ausgebeutet wird: Die Materialien und die Arbeitskräfte für ihre Kleidung sind fair trade. “Top Manta” ist auch mit einer Buchhandlung geteilt: außer Kleidungsstücke wie T-Shirts, Pullover, und Taschen kann man hier interessante Bücher meist mit Themen über Afrika kaufen.
Seit der Präsentation der Marke “Top Manta” ist das Medienecho weltweit sehr positiv gewesen. Ungefähr 4000 Menschen folgen bzw. unterstützen sie über ihre Webseite und in sozialen Netzwerken. Die Manteros haben auch schon weitere Ziele für die Zukunft geplant: demnächst werden die Kleidung weltweit geschickt, Ziel ist es hauptsächlich, die Unterstützer der Crowdfunding zu bedanken, die im Ausland wohnen. Außerdem wollen sie ihre Marke um eine Schuhkollektion erweitern.
Zusätzlich zum Verkauf finden jeden Samstag Workshops mit Kindern statt, mit dem Ziel, aufklärerische Arbeit bezüglich strukturellen- und Alltagsrassismus zu leisten sowie Vorurteile abzubauen. Zum Beispiel, dass über Afrika allgemein angenommen wird, dort dominiere Krieg, Armut und Hungersnot. Aber in Wirklichkeit ist Afrika auch ein Kontinent reich von Ressourcen und Menschen guter Bildung. Die Meisten der Migrant_innen, die aus Afrika nach Europa kommen, haben eine gute Ausbildung genossen oder hatten einen Beruf. Sie sind anständige Leute, die jede Art von Kriminalität ablehnen, aber aufgrund der Ley de Extranjería können sie in Spanien nicht arbeiten. Das Projekt “Top Manta” ist eben gegen dieses Gesetz gerichtet. Unter den bisherigen Erfolgen zählt die Entstehung von Bildungsprogrammen in Zusammenarbeit mit der katalanischen Regierung und die Beschaffung von Papieren für 60 der vorher illegalen Manteros.
Webseite der Manteros: http://manteros.org/
Text: Chiara Zattolo, Zheng Wu