November 2015 und Mai 2016
Erst ändert sich dreißig Jahre lang nicht viel, aber dann geht es ganz schnell
Im November 2015 rede ich bei der Tübinger Poetikdozentur unter dem aus dem Techniktagebuch entliehenen Titel “Heute einmal mit Maschine” über die Zusammenarbeit mit Maschinen beim Erzeugen von Texten. Ich erkläre Markow-Ketten, wie ich ihnen zuerst Mitte der 1980er Jahre in “A progress report on the fine art of turning literature into drivel” von Brian Hayes begegnet bin, und ich erkläre die Erzeugung von Zufallstext aus vorgegebenen Textbausteinen, wie man sie im Deutschen Literaturarchiv Marbach auf dem Weg zu den Toiletten in Form von Hans Magnus Enzensbergers “Landsberger Poesieautomat” besichtigen kann. “An diesen zwei Verfahren zur Erzeugung von Zufallstexten hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert”, sage ich.
In den nächsten Monaten merke ich, dass das nicht stimmt. Überall ist die Rede von computergenerierten Texten, die weder auf die eine noch auf die andere Art, sondern unter Zuhilfenahme von neural networks erzeugt wurden. Im Mai 2016 stellt Google einen Gedichtgenerator vor (Bericht im Guardian / Bericht in Wired), und spätestens jetzt ist unübersehbar, dass ich die Tübinger fehlinformiert habe. “Aber wie kann das sein?”, sage ich zu A., der sich mit dem Thema auskennt, “Ich habe genau diese Frage vorher noch mal recherchiert, weil ich selber überrascht war, dass sich in dreißig Jahren so wenig Grundsätzliches verändert hat.” “Du kannst nichts dafür”, sagt A., “das gab es letzten Herbst noch nicht.”
Die Buchfassung des Vortrags ergänze ich um eine Fußnote.
(Kathrin Passig)














