Wer einmal einen Dwillin gesehen hat, will nie wieder eine Katze. Zumindest denkt man das lange Zeit, immer den Anblick von einst vor Augen, die Aufregung, das Mystische, das plötzlich aufgetauchte Wissen, dass die nächsten Minuten - oder sogar Sekunden - das eigene Leben für immer verändern können wenn man es richtig anstellt. Man denkt zurück an das rasende Herzklopfen und die Nervosität die sich anfühlt wie ein unsichtbarer Lichterregen. Man denkt an den Dwillin und hat das Gefühl, dass er jetzt so weit entfernt, so unerreichbar ist, wie er einem früher, in diesen lebensverändernden Momenten, nahe war. So nahe, wie man es gar nicht für möglich gehalten hätte ohne die beiden zerbrechlichen Seelen miteinander kollidieren zu lassen. Man muss lächeln, wenn man an diese eine zufällige Begegnung zurückdenkt, aber gleichzeitig fangen die Augen ein wenig zu glänzen an, aber es ist in Ordnung. Man reitet weiter, glänzende Augen hat jeder mal.
Die Zeit vergeht anders als vorher, aber nicht schlechter oder besser, nicht langsamer oder schneller. Nur anders. Man vergisst den Dwillin nicht mehr, das wäre lachhaft, aber während die Zeit dahinfließt findet man sich mit der verpassten Chance ab und beschäftigt sich mit anderen, alltäglicheren Dingen. Man lacht, man weint, man strebt und kämpft und reitet, immer weiter reitet man, fort von diesem magischen Tag der versucht sich zwischen den anderen zu verstecken. Man hat akzeptiert, dass man dieses mystische Geschöpf nicht einfangen konnte, aber der Gedanke, sich einen anderen Begleiter zuzulegen erschreckt einen fast ein wenig, obwohl man doch ringsum sieht, dass das ganz normal ist und dass die meisten Menschen sich so verhalten. Es ist ein Gefühl, fast schon die Gewissheit, dass jedes Tier zu schlecht wäre. Armseelig im Vergleich mit der geheimnisvollen Macht die man damals wie eine Naturgewalt durch den eigenen Körper fahren gespürt hat. Man ist sich sicher, dass jeder Versuch den Dwillin zu ersetzen nur in Frust und Scham enden kann, es überhaupt versucht zu haben. Als würde man versuchen einen Wasserfall durch einen leeren Eimer zu ersetzen. Also reitet man allein, in der Gewissheit lebend, dass nur die wenigsten jemals etwas Vergleichbares erlebt haben und sich damit abfindend, dass eine einfache Wildkatze für Menschen wie einen selbst einfach keine Option mehr darstellt. Es klingt logisch, nüchtern, man akzeptiert und reitet weiter. Hin und wieder erwischt man sich dabei, wie man nachts am Lagerfeuer eine Streunerin streichelt, ihr etwas von seiner Ration hinlegt und mit ihr spricht als wäre sie nicht nur ein stiller nächtlicher Besucher. Aber wenn sie dann verschwindet versucht man nicht sie aufzuhalten, das wäre kindisch und bar jeder Vernunft. Es wäre nicht richtig, nicht aufrichtig. Manche bleiben bis zum Morgengrauen, ein paar Wenige folgen einem den ganzen Vormittag ehe sie aufgeben, aber auch wenn man sich nach Gesellschaft sehnt und vielleicht sogar ein paar Stunden den Dwillin aus seinen Gedanken verschwinden lassen kann, kehrt er doch irgendwann zurück und lässt alles Andere neben sich erneut verblassen und zu Asche zerfallen. Wer einmal einen Dwillin gesehen hat, will nie wieder eine Katze. Zumindest denkt man das lange Zeit.
Dann kommt die Zeit der Hoffnung, die fast noch grausamer ist. Wer einen Dwillin fangen kann, erlangt Unsterblichkeit, heißt es. Aber hat man das Wesen nicht mit eigenen Augen gesehen? Erinnert man sich nicht an jede geschmeidige Bewegung, an jede Nuance in den unerforschbaren Augen? An eine Stimme, die klingt als würde ein Lichtstrahl eine Glocke küssen? Es gibt sie, sie sind selten, aber man hat selbst einen gesehen! Es kümmert einen nicht, ob die Legenden wahr sind, Unsterblichkeit, pah! Alles woran man denkt ist, dass es möglich sein muss, einen Zweiten zu finden. Nochmals in diese rätselhaften Augen zu schauen und zu spüren wie etwas in einem berührt wird, dessen Existenz man nie zuvor erkannt hat. Ein hoffnungsloses Unterfangen möglicherweise, aber trotzdem ist es Hoffnung die man in sich aufkeimen spürt, die einen küsst und gleichzeitig so weit über sich selbst emporhebt, dass man nicht wagt über den Sturz nach unten auch nur nachzudenken. Man redet nicht darüber, niemand könnte es verstehen außer denen die selbst einen gesehen haben und sollte man auf solch einen Menschen treffen ist die Furcht zu groß, ihn mit der Hoffnung anzustecken und plötzlich einen Konkurrenten neben sich zu sehen, der einem die ohnehin verschwindend geringe Chance auf Glück streitig zu machen sucht. Und dennoch, bei aller Kraft die einem Hoffnung verleiht, bleibt man vorsichtig. Man sucht nicht, man hält nur Ausschau. Vielleicht reitet man einen kleinen Umweg, besucht gute Aussichtspunkte oder hält sich in offenem Gelände, aber man kommt nie zu weit vom Kurs ab, weil man weiß, wie nahe an der Grenze zum Wahnsinn man bereits unterwegs ist. Nur ein bemitleidenswerter Idiot würde alles opfern um sich auf die so gut wie aussichtslose Suche nach einem zweiten Dwillin zu begeben, sein Leben, seine Freunde, seine Familie hinter sich zurücklassend. Man weiß, dass es mehr gibt wofür es sich zu leben lohnt, als diese eine Sache, egal wie sehr sie das eigene Denken beherrschen mag. Die Zeit der Hoffnung kann Monate und Jahre dauern, manche lassen sie bald wieder hinter sich, während andere Jahrzehnte damit verbringen, Ausschau zu halten und auf der Suche nach dem Unmöglichen allein bleiben und hin und wieder grundlos Umwege reiten. In dieser Zeit ist es noch wahr... Wer einmal einen Dwillin gesehen hat, will nie wieder eine Katze.
Aber wenn man lang genug überlebt, kommt irgendwann das Erwachen, der Knall, der unvermeidliche Sturz aus einer Höhe die man kaum begreifen kann. Man gibt auf, lässt los. Macht sich Gedanken darüber, ob das dasselbe ist. Man vergisst den Dwillin nicht mehr, das wäre lachhaft. Aber man beginnt sich zu wünschen, ohne ihn glücklich werden zu können. Man lernt, in manchen Momenten seine geschmeidigen Bewegungen in denen einer nächtlichen Besucherin zu sehen, oder den leisen Nachhall einer Glocke in ihrem Gesang zu hören. Man blickt in Augen die nicht unerforschbar sind und glaubt dennoch einen Funken zu sehen ohne sicher zu sein. Man nimmt sich keine Begleiterin, noch nicht. Man hat ein wenig Angst vor der Endgültigkeit, aber es ist ein kontrollierbares, verständliches Gefühl und man erlaubt sich selbst, es noch aufzuschieben, langsam anzugehen. In manchen Nächten in denen man allein bleibt kommen vergangene Bilder zurück, manchmal auch ein Echo der inzwischen totgeglaubten Hoffnung, aber bei Sonnenaufgang steigt man aufs Pferd und reitet weiter. Man fängt an, wahrhaftig zu akzeptieren was man einst für unmöglich hielt und fühlt sich gut dabei, eine neue Art von Hoffnung macht sich breit, weniger verzweifelt sondern viel mehr einen seltsamen Frieden bringend. Man gesteht sich ein, wie satt man die sehnsuchtsvolle Einsamkeit hat und wie anstrengend die ständig wechselnden und oft auswechselbaren nächtlichen Besucherinnen sein können und muss fast ein wenig schmunzeln dabei, während man sich ausmalt wie das Leben mit einer einfachen Raubkatze aussehen könnte. Kein Dwillin vielleicht, mag sein, aber eine Katze, die im Gegensatz zu der furchtbaren, fremden Schönheit des Dwillins tatsächlich greifbar ist. Ein sterbliches Wesen mit Fehlern und Makeln, aber auch der Fähigkeit zu Treue und Liebe. Eine Begleiterin, die einen mit Freude und Zuneigung erfüllen kann anstatt mit einer fremden, unersättlichen Sehnsucht nach etwas, das nicht da ist und das einem auch niemals gehört hat. Man ist sich noch nicht sicher, unter welchen Umständen und wann man sich für eine Katze entscheiden wird, aber man weiß, dass es möglich ist, es geschieht überall auf der Welt, jeden Tag. Und nachts träumt man davon, sich schon entschieden zu haben, eine Begleiterin gefunden zu haben und jeden Abend am Lagerfeuer neben ihr einzuschlafen.
Und eines Tages wacht man auf und die Katze ist verschwunden, an ihrer Stelle liegt der Dwillin in seiner ganzen fremdartigen Schönheit und im ersten Moment erschrickt man fürchterlich, ungläubig, fast ängstlich. Man ist unfähig zu begreifen was geschehen ist und weiß nicht ob man fluchen und weinen soll oder ob man vielleicht immer noch träumt. Dann wird man plötzlich mit Sorge um seine Katze erfüllt, die nicht mehr da ist! Man sieht sich hektisch um, schnappt nach Luft, springt auf und fällt fast über seine Stiefel beim Versuch sie anzuziehen. Man will so schnell wie möglich aufbrechen um seine Begleiterin zu suchen!
Aber dann erwacht der Dwillin, sanft und geschmeidig, so schön wie ein wahrhaftiges Wunder und man hält einen Moment inne während sich der eigene Blick und der des Wesens treffen. Und es wird einem klar, dass man diese Augen kennt. Er wirkt nicht verwirrt oder verängstigt wie damals, der Klang seiner Stimme mutet nicht an wie ein Lied aus einer anderen Welt, er streckt sich und kommt auf einen zu als wäre er schon immer da gewesen und nicht plötzlich aufgetaucht. Es braucht einen Moment, aber mit einem Mal erkennt man, wer da wirklich vor einem steht. Es ist die Begleiterin, die man sich genommen hat. Die sterbliche, treue Wildkatze die sich entschieden hat bei einem zu bleiben und die sich über Nacht in das verwandelt hat, wonach man sich davor eine Ewigkeit lang vergeblich gesehnt hat. Man blickt in Augen die man kennt und weiß nicht ob man vor Glück lachen oder weinen soll.