Wuppertal
1.
Vorsichtig, die Stadt hat keinen Hafen! Aber immerhin hat sie viele Schwebebahnstationen. Etwas mehr als hundert Jahre lang hatte man es geschafft, den FluĂ, der dieser Stadt um 1928 herum ihren Namen gab, zu verdecken. Als hĂ€tte man ein Pflaster mit getrocknetem Blut beim SpĂŒlen zwar wieder angefeuchtet, aber nicht vom Finger genommen, so (in Wirklichkeit war es auch oxidiertes Eisen) lag die Schwebahn lange Zeit ĂŒber diesem Fluss, und er war ganz unansehnlich geworden, wie ein wasserleichenweiĂ gewordenes SchnittwĂŒndchen am Finger.
Wir sind hier in den letzten AuslĂ€ufern einer Zone, deren amerikanischer Version John Boorman in dem Film Deliverance ein Denkmal gesetzt hat. Wie sind hier also in den letzten AuslĂ€ufern eines schroffen, engen und dunklen Hinterwaldes, den man der VertrĂ€glichkeit halber portioniert und mit unterschiedlichen Namen versehen hat: Bergisches Land, Sauerland, Siegerland, Nordhessen, ThĂŒringer Wald und Harz zum Beispiel. Manche zĂ€hlen noch die Eifel und den PfĂ€lzer Wald dazu, aber die ĂŒbersehen den Rhein. Andere zĂ€hlen den Bayrischen Wald noch dazu, aber dann ginge diese Zone (falls man Donau und Inn ĂŒbersieht) bis St. Pölten, also bis vor die Tore Wiens. Dass Niederbayern und Passau noch dazu gehören könnten, leuchtet mir ein. Aber dass die Zone bis Wien gehen soll, das wĂ€re zu schön um wahr zu sein. Wuppertal ist der letzte, westliche AuslĂ€ufer einer mitteldeutschen Zone, am anderen Ende im Osten wohnt Björn Höcke. Manche nennen das Mittelgebirge, wenn es der Wahrheitsfindung dient, soll mir das recht sein. Das ist eine finstere, entweder konturschwache oder kleinzĂŒgige Zone. Die Textilindustrie hat sich in Wuppertal u.a. deswegen so frei entwickelt, weil hier vorher und nachher und sonst keiner hin wollte, darum noch genug Platz war und keine alten Leute die jungen Leute aufgehalten haben. Die letzten AuslĂ€ufer: Es sind wenig mehr als 25 km und liegt immer noch in erradelbarer Weite, und man steht in einem hollĂ€ndisch geprĂ€gten Stadtviertel am Rhein. DĂŒsseldorf haben Leute gebaut, die von klein auf Schiffe gesehen haben, vielleicht sogar im Austausch mit der Westindiengesellschaft standen, die also wuĂten, dass es die Welt gibt und alles ĂŒberall vorkommt, nur in anderen Reihenfolgen. Da spielten Der Plan auf!
Man kann von DĂŒsseldorf vieles halten, aber es hat atmosphĂ€risch einen deutlichen Abstand zu Wuppertal, frischen Wind und immer schon viel Verkehr. Und doch liebe ich Wuppertal, denn das ist vom spĂ€ten achtzehnten Jahrhundert bis heute trotz allem eine liebenswĂŒrdige Stadt geworden, gerade in der Art, wie hier alles auslĂ€uft und AuslĂ€ufer von etwas ist, was erst an anderen Stellen nochmal schlimmer wird. Das ist meine wahre Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts, denn anders als Paris wirkte hier nichts aus siebzehntem und achtzehntem Jahrhundert nach, als sie im neunzehnten Jahrhundert wucherte. Diese Stadt ist aus bucheckernbedecktem Waldrandboden heraus entstanden, darum ist der Geschmack der Wuppertaler auch heute noch eher breiig. Selbst die harten Zeiten der Industrialisierung sind hier auslaufend; selbst im Hinblick auf harte Zeiten ist diese Stadt jetzt ein AuslĂ€uferstadt. Anderswo ist es heute noch schlimmer als in Wuppertal, anderswo werden auch immer noch die Textilien genĂ€ht, die heute auch beim RĂ€umungsverkauf im schlieĂenden Kaufhof (Elberfeld war das zweite Haus von Tietz) nicht mehr verkauft werden.
2.
Das ist die Stadt der FrĂŒhindustrialisierung und die Stadt einer Industrie, die nicht Kohle und nicht Stahl produzierte, nur verfeuerte und verarbeitete, dafĂŒr aber Textilien und Maschinen und Werkzeuge herstellte. In den letzten 30 Jahren ist viel von der ganz frĂŒhen Industriearchitektur abgerissen worden und hat ParkplĂ€tzen Platz gemacht.
Der Wuppertaler ist wie der Weimaraner (liegt ja auch in den AuslĂ€ufern dieser schroffen mitteldeutschen Zone), der kauft bei allen dreien, bei Aldi, Penny und Lidl. Die neu klaffenden LĂŒcken am Wupperufer können einem einen Schrecken einjagen, wenn man an Architektur und Geschichte hĂ€ngt. Aber man muss auch sagen: Es gibt immer noch so viele sensationelle Industriearchitektur in dieser Stadt, dass das fĂŒr 80 Jahre Gentrifizierung, fĂŒr viele Werbeagenturen, Tangoschulen, Startups und Downs reichen wird. Diese schroffe Mittelzone hat den Protestantismus, den Sozialismus, das angeblich Freikirchliche und spĂ€ter theosophisch Esoterische, den Kult um karge Zeichnungen und eingetrocknete Fettblöcke von Beuys vermutlich erst im Nachhinein und dann als Ausrede dafĂŒr angenommen, dass die Leute hier waren, wie sie hier eben waren. Irgendwie meinten sie, sich rechtfertigen und GrĂŒnde haben zu mĂŒssen, das geht aber allen so. Die Geschichten, die dabei rauskommen, sind ja dann auch oft ziemlich gut. Die Topographie der Stadt, steile Berge und schnell fliessendes Wasser sorgen dafĂŒr, dass alles in dieser Stadt geschichtet bleibt, ohne unbedingt aufgeschrieben zu werden. Man sieht eigentlich immer, egal wo man steht, vier oder fĂŒnf HĂ€userschichten vor einem aufragen.




















