Ubi tabula ibi societas
1.
Tafelgesellschaft, nicht Tischgemeinschaft: Wo es eine Tafel gibt, gibt es nicht nur ein Gesetz, sondern mehrere, manchmal ziemlich viele, manchmal sogar unziemlich/ unziemend viele. Und Götter und Menschen, Gesellschaft gibt es dort gleich dazu. Dort gibt es das Verzehren des Gottes (Bing/ Warburg). Dort gibt es das Verschlingen des Menschen und der Gesellschaft. Dort gibt es La Grande Bouffe und Krümel, auch kleine Häppchen, große Reden, Smalltalk, Schüsseln und Reiskörner, bei denen weniger nicht mehr ist, sondern weniger.
2.
Man soll das Verhältnis zwischen Recht und Bild (das ist mein Forschungsschwerpunkt am MPI) als Geschichte und Theorie eines Bilderstreites entfalten, der nicht nur deswegen mindestens zwei Seiten hat, weil es darin Parteien gibt, die streiten.
Dieser Bilderstreit hat auch deswegen zwei Seiten, weil er durch Objekte läuft, die zwei Seiten haben und weil die Handlungen und die Beobachtungen darin einem Kalkül der Formen folgen, das ebenfalls zwei Seiten hat. Eine dieser Zweiseitigkeiten lässt sich stratifikatorisch, über Schichten, beschreiben, und zwar über jene Oberschicht und jene Unterschicht, die gleichzeitig als Bild und Bildgrund oder eben als pictura und tabula verstanden werden.
An dieser Zweiseitigkeit lassen sich Details entfalten, wie sie in der minderen Anthropologie, wie sie etwa in Bruno Latours objekt- und technikorientierter 'Verfassungstheorie'("Wir sind nie modern gewesen"), in Vismanns objekt- und technikorientierter Rechtsgeschichte und Rechtstheorie oder in der 'tropischen Anthropologie' von Eduardo Viveiros de Castro begriffen werden (dort werden zumindest Begriffe fĂĽr solche Details formuliert).
Alle drei interessieren sich nämlich für unterschwellige Phänomene, teils in Tradition einer von Freud erwähnten Kränkung. An allem dem finde ich die Tafel besonders interessant. Schon bei den drei genannten Autoren, der Autorin, steckt ein Interesse und ein Wissen über das, was unterhalb der Schwelle des Menschen, der Gesellschaft, des Rechts und des Bildes liegt und doch, widerständig und insistierend an deren Reproduktion teilnimmt. Siegert hat diese Phänomene einmal als weniger manifest, als frivol beschrieben.
Mehr Triebfedern als Gesetz, mehr vom Rauschen geht noch durch die Information, sogar dank des oder durch das Rauschen geht die Information ihren Weg. Wenn eine Tafel dem Bild unterschwellig ist, dann schließlich im Sinne solcher Operationsfelder, die selbst skalierbar sind, die vom Token über Tabletten, Tabletts und Tabellen über das tabulinum bis hin zum tabulatorium vorkommen. Das Mindere hängt nicht an wenigen Zentimetern , Sekunden oder Gewichten. Solche Operationsfelder beschreiben Leroi-Gourhan und, im Anschluss an den, Didi-Huberman, der daran sowohl das Befremdliche als auch Fruchtbare, die Unterstützung von Klassifikation, Unreinheit und Un- und Umordnung betont. Es braucht das Unterschwellige, um die, wie Didi-Huberman sagt, die Zerstückelung zu denken, zu begleiten, zu repräsentieren, zu sammeln. Das würde, so schreibt er, die Teilung der Dinge sanktionieren. Die Tafel (tabula) ist in dem Sinne nicht die Schicht, an der das Bild (pictura) keinen Ort hat, sie ist nicht die Utopie des Bildes. Sie ist dessen Heterotopie, die Schicht, die (Un-)Ruhe stiftet und stiften lässt.
Das ist Reproduktion, allerdings eine Reproduktion, deren Ursprung und Ziel die Differenz ist. Das Interesse am Bestandschutz mag dort nicht geringer oder stärker ausgeprägt sein als anderswo, eventuell sollen auch hier der Mensch, die Gesellschaft oder sogar die Welt erhalten werden. Weil alle drei, auch der Mensch, Einrichtungen sind, die Differenz operationalisieren, weil der Mensch mithin instituiert (Vismann) und normativ ist, Effekt des Umstandes, dass er gehändelt werden soll, Echo oder Resonanz einer institutionellen Macht (Vesting), steckt in dem Erhalten eine Ungewissheit, die nicht nur einseitig auf der Seite des Unbestimmten und der Negation verbucht werden kann. Man erhält darin etwas, wie man Post erhält. Man erhält etwas, was man noch nicht, noch nie hatte, das es trotzdem gab und trotzdem immer noch (etwas) geben kann. Dieser Erhalt, dieses Erhalten, konserviert nicht, was war, und der Vorgang fängt nicht bei Null an. Er alteriert. Das ist außerhalb der Musik (die von Alterierung spricht, wenn es um chromatische Variation eines Akkordes geht) der Begriff für Regungen oder Bewegungen, die von keiner gestillten Stelle getragen werden. Ist das Einlassung, Auslassung? Wüsste man das, wäre man nicht nachher klüger. Manche nennen das ein Ärgernis, muss aber kein Ärgernis sein.
3.
Man entlastet den Diskurs von der Frage nach der Garantie des Subjektes und konzentriert sich auf Protokolle, die nicht unter dem Zwang stehen, für Rechtssicherheit zu sorgen, die etwa in einer vagen Epistemologie, den Details von unübersichtlichen und kaum verallgemeinerungsfähigen Abwägungen entweder zur Sprache kommen oder dort so blockiert werden, dass ein rechtskräftiges Urteil so etwas wie eine Einladung dafür ist, demnächst entweder das Recht zu umgehen oder erst recht zu klagen, und sei es nur deswegen, um zu zeigen, dass diese Rechtsprechung in eine Sackgasse führt. Auf das Vage, man schaue sich die Literatur zur Kritik der Abwägung an, reagieren manche Juristen allergisch. Man muss den Diskurs von den theoretischen Spitzen bis zum Detail nicht zusammenhalten, man kann es tun, muss es aber nicht. Man sollte aber auch dem Vagen noch einmal eine Chance geben.
Streiken die Lokführer, stehen nicht gleich System und Systemtheorie auf dem Spiel, manchmal wollen die nur ein paar Euro mehr oder manchmal will eine Gewerkschaft nur wachsen, da muss man nicht gleich ein langjährig aufgebautes begriffliches Werk in den Ring werfen. Manchmal macht Putin einen Zug, der bei allem Größenwahn so klein ist, dass man als Jurist nicht gleich mit einer neuen Theorie vom Ende des Post-Strukturalismus oder von Irrtümern der Postmoderne, neuer Unübersichtlichkeit und einer Geschichte vom Verlust der Eindeutigkeiten oder der Fragmentierung reagieren muss. Die Unterscheidung zwischen zwei Seiten, die auch Schichten sind und die auch etwas mit Größe und Kleinheit zu tun haben, sollen insoweit auch das Vage, mit seinen Stabilitäten und Instabilitäten rehabilitieren.


















