Das Planisphärium Bianchini erwähnt und zeigt Aby Warburg unter anderem in dem Vortrag, den er 1925 zum Gedächtnis an seinen Freund Franz Boll hält und der unter dem Titel per monstra ad sphaeram publiziert und bekannt wurde. Diesen Vortrag kann man unter anderem in einem Dreieck verorten, dessen anderen beide Koordinaten Warburgs Vortrag zum Schlangenritual und Conrad Borchlings Vortrag über Rechtssymbole (u.a. Boten- und Richtstäbe) bilden. Tut man das, hat man eine Konstellation, die sich mit Warburgs Überlegungen zum Verhältnis zwischen Ordnung und Unbeständigkeit befasst, und die selbst wohl auch nur nicht als ordentlich und unbeständig ist (denn man könnte diesen Vortrag auch auf andere Koordinaten beziehen). Mir kommt es besonders auf den Polarforscher und Rechtswissenschaftler Warburg an, darum ist diese Konstellation für mich besonders interessant.
Warburg sagt in dem Vortrag, dass dieses Objekt ein "astrologisches Würfelbrett" gewesen sein könnte und bezieht es damit auf eine Anregung, die er 1910 Franz Boll gegeben hatte. Der hatte ihm nämlich die Abbildung eines Objektes, einen "Zwanzigfächner", einen Ikosaeder zugesendet, "dessen kleine Dreieckseiten mit Tierkeisbildern und Buchstaben versehen sind."
Franz Boll hatte das Objekt ein kleines Denkmal genannt und als Amulett gedeutet. Warburg hatte es aber als Wahrsagerwürfel gedeutet, also als Abbildung eines Objektes, an dem etwas in die Hand zu nehmen, zu werfen und dann zu deuten ist - und das der Prognose dient, dem Umgang mit einer Zeit , die ungewiss und unbeständig ist. Boll hatt Warburg ein Abbildung, also ein zweidimensionales Objekt zugesendet. Wenn Warburg diese Fläche als Würfel deutet, kann man sich diese Fläche wie einen Bastelbogen vorstellen, der auszuschneiden wäre und dann in einen Würfel umgefaltet werden müsste. Oder aber diese Fläche ist wie ein Spielbrett, also derjenige Teil des Objektes, der zwar nicht geworfen wird, mit dem aber gewürfelt wird, weil auf ihn gewürfelt wird.
DieZeit ist nicht leer. Nicht ohne Geschichte, ohne Raum und nicht ohne Körper kommt sie vor und erscheint sie. Ihr Bestand und ihre Bestände bewegen sich auf eine Weise, in der Gewissheit und Ungewissheit vorkommt. Der Würfel operationalisiert eine Bewegung, die auch eine Bewegung der Zeit und des Raums, von Körpern durch die Zeit und den Raum sein soll, auch eine Bewegung von Zeiträumen und Spielräumen.
Der Würfel operationalisiert einen Zeitraum und einen Spielraum - so operationalisiert der Würfel auch das, was Warburg einen Denkraum nennt: durch Distanzschaffen wird Wort und Bild gegeben, wird Orientierung und Handlung möglich. Der Umgang mit dem Ungewissen soll möglich werden.
Das Planisphärium Bianchini deutet Warburg wie gesagt als Würfelbrett, also ebenfalls als ein Objekt, mit dem eine Bewegung operationalisiert werden soll, die unter anderem von Ungewissheit gezeichnet ist. Solche Objekte sind kleine, mindere Tafeln, man kann sie als Tabellen verstehen. Sie sind in ihrer wendigen Anwendung den Uhren und den Globen (oder den Astroloabien) verwandt, verfolgen unter anderem auch das Ziel, im Verlauf von Zeit und Raum das einzurichten, was Warburg den Denkraum nennt. Soll ich mich bewegen und wenn ja wie, also etwas: wann von wo nach wo? Das sind so Fragen, die sich stellen, wenn man mit diesen Objekten hantiert. Das sind Kulturtechniken, denen auch die Rechtsgeschichte und die Rechtstheorie Aufmerksamkeit schenk - unter anderem durch die Überlegungen zur "Enteignung der Wahrsager", die Marie Theres Fögen angestellt, die also zuerst historisch ausgerichtet erscheinen. Auch die Rechtstheorien, die sich mit der Position Walter Benjamins befassen, befassen sich mehr oder weniger direkt mit solchen Objekten, weil er von dem Versuch seiner akademischen Qualifikation bis hin zu den geschichtsphilosophischen Thesen seine Überlegungen zum Recht und zur Revolutionierbarkeit des Rechts, zum Verhältnis zwischen alten und neuen Lebensweisen an einem Material ausrichtet, in dem erstens (kleine) Objekte vorkommen und das zweitens wendig, kehrbar und kippbar sein soll, wie die Puppe, die Warburg der Tochter von Asja an dem Tag schenkt, an dem er im Kino "Nach dem Gesetz" sieht, wie der Schachautomat und sogar wie der Engel der Geschichte (einem Bild, das wie mit einem ironischen Treppenwitz selbst geschichtet war und dessen Schichtung der Literatur erst auffiel, als man im Material, im Papier Wellen entdeckte und darum darauf schloss, dass unter Klees Bild noch ein anderen Bild stecken müsste).
Die Planisphäre ist eine frühe Tabelle, und weil sie eine Bewegung operationalisieren soll, in der erstens Kehren, Kippen und Wenden vorkommen und deren Herausforderung zweites in dem Umgang mit Unbeständigkeit liegt, nenne ich so ein Objekt ein Polobjekt.
Man würde es heute der Magie, dem Aberglauben, der Wahrsagerei zuordnen. Polobjekte wie der Globus, die Uhr oder das Astrolabium welche sind, würde man der modernen Wissenschaft zuordnen. Polobjekte sind sie aber alle, und alle Objekte ermöglichen einen gewissen Umgang, nur eben in genau dem Sinn, in dem man auch sagt, ein gewisser Meier habe angerufen: Die Ungewissheit, welcher Meier genau das war und was genau er eigentlich wollte, ist dann mitgemeint. Eine Uhr kann präzise sagen, wann die Mittagszeit wiederkehrt, aber was dann sein wird, ist bei der Uhr genauso ungewiss wie im Umgang mit einem astrologischen Würfelbrett. Man macht Termine für Montag den 11.9. um 12.00 Uhr, obwohl man gar nicht wissen kann, ob man dann in der Lage sein wird, diesen Termin wahrzunehmen. Im Hinblick auf eine erfüllte Rationalität sind Globus und Uhr auch nur Halbobjekte, auch halbseiden, was ja in Ordnung sein kann, vor allem kann es rational sein, auch damit umzugehen.