Die erste Sitzung der AbgrĂŒnde
Auf meinem Bett sitzend atme ich ein. Ein metallischer Geruch steigt mir in die Nase, doch wahrscheinlich ist das nur ein Flashback. Der Geist einer vergangenen Zeit. Es kann nicht sein, denn ich atme. Ganz ruhig. Ein und aus.
âMöchten Sie ein Wasser?â. Mit dieser Frage riss sie mich aus meinen Gedanken. Ich verneinte und bedankte mich. Ein wenig verwirrt fragte ich sie:âEntschuldigen Sie, aber warum bin ich hier?â. Sie lĂ€chelte mich an. âWir sind die Anonymen und Sie möchten sich uns anvertrauen.â. Noch immer verwirrt sah ich mich in dem ungefĂ€hr 10 mÂČ groĂen Raum um. Dort saĂen nur wir. Die schöne, ungefĂ€hr Anfang 40 JĂ€hrige Frau und ich. âWorĂŒber möchten Sie reden?â. âWenn ich das wĂŒssteâ, dachte ich. âDas letzte Mal sagten Sie mir, Sie wollen ĂŒber Ihren Bezug zu Frauen reden.â. âWas? Ich war schon einmal hier?â, ging es mir durch den Kopf. âIch habe keinen Bezug zu Frauen.â, antwortete ich ihr. Immer noch lĂ€chelnd schaute sie mich an. âAber sie vergewaltigen sie.â.
Meine Mimik schien zu versteinern. Sie scheint dies zu bemerken, denn ohne auf eine Antwort von mir zu warten fĂ€hrt sie fort:âSie berĂŒhren Sie, ohne ihnen nĂ€her zu kommen, oder? Und Sie wollen es.â. âIch will es? NatĂŒrlich will ich es! Sie sind begehrenswert allesamt. Wenn sie rennen und schwitzen, lĂ€cheln und im Gehen sich durch ihre Haare streichen. Ich will sie alle. Ich verlange und begehre.â, sprudelte es auf einmal aus mir heraus. âSie sind also auch nur Objekt Ihrer Begierde? Ein Filet, welches Sie von oben bis unten lechzend angaffen?.â, fuhr sie ruhig und unentwegt lĂ€chelnd fort. âJa!â. âWas? Nein, wieso sage ich das?â, meine Gedanken drehten Kreise. âAber ich habe nie eine berĂŒhrt! Zumindest nicht ohne ihre Zustimmung!â. Ein verzweifelter Versuch meine Ehrlichkeit zu retten. âDarĂŒber sind Sie sich sicher, ja?â. âWas sagt sie da? Nein ich bin mir nicht sicher, ich bin verunsichert. Verwirrt. Was passiert mit mir?â.
Sie holte eine Fotografie aus einem braunen Umschlag und reichte sie mir mit den Worten:âWenn Sie sich bitte dieses Bild ansehen wĂŒrden.â. Eine junge Frau, ihr Gesicht lag auf der Seite, der Kamera, mir â dem Betrachter â abgewandt. Sie war nackt. Mein Blick kreiste ĂŒber ihren Hals, Busen bis hin zu ihren ausladenden HĂŒftknochen. Nach geraumer Zeit schaute ich auf und fragte:âUnd? Wer ist sie und was soll ich mit ihr zu tun haben?â. âSehen Sie es nicht?â. Wieder dieses LĂ€cheln. Es macht mich wĂŒtend. Meinen Blick lieĂ ich also wieder auf das Bild fallen. Und ich sah es. AbdrĂŒcke von HĂ€nden verteilten sich nun auf ihrem gesamten Körper. KrĂ€ftige BerĂŒhrungen am Hals, den Bauch hinunter und auch an der HĂŒfte. âAber das war ich nicht!â, sagte ich aufgebracht. âAber doch,â, wieder das LĂ€cheln, âSie haben sie doch eingehend studiert und das haben Sie mit ihr gemacht.
âIch habe sie lediglich angeguckt. Ich habe sie nicht berĂŒhrt!â. Nun schrie ich sie schon fast an. In meinem Kopf dreht es sich. âDiese Frau habe ich nie zuvor gesehen, oder doch? Nein. Bestimmt nicht. Vielleicht nur kurz. Aber berĂŒhrt habe ich sie nicht. Nein, das ist ausgeschlossen. Ich kann keine AbdrĂŒcke hinterlassen. Blicke können keine AbdrĂŒcke hinterlassen. Oder?â. Ich sacke immer mehr auf meinem Stuhl zusammen und fahre mir unruhig durch die Haare.
âIch weiĂ, dass Sie diese Frau nicht angefasst habenâ, riss mich die Frau abermals aus meinen Gedanken, âaber das mĂŒssen Sie auch nicht. Ihre Blicke sind stechend. Jeder einzelne Gedanke von Ihnen, wenn sie eine attraktive Frau sehen, geht unter deren Haut. Sie spĂŒren es und fĂŒr jede schöne Frau da drauĂen sind Sie ein Schwein. Beherrschen Sie sich!â
Ein Schmerz wie von einem Peitschenhieb. Ich atme ein und aus, ganz ruhig. Auf meinem Bett sitzend, atme ich einen metallischen Geruch ein. Ich blute.