Flucht als Assessment Center. Ich weiß nicht, wie geschmackvoll ich die Kampagne von Social-Bee finde, die zur Zeit überall zu sehen ist. Das Münchner Start-Up will Geflüchtete an Firmen vermitteln und appelliert dazu an den Zynismus deutscher Unternehmer nach dem Motto: Der hat so viel mitgemacht – danach ist eure Ausbeutung nur noch ein Klacks. Auf seiner Website erklärt Social-Bee: “Durch den Weg der Arbeitnehmerüberlassung übernehmen wir als zwischengeschalteter Arbeitgeber sämtliche behördliche Fragestellungen und den Verwaltungsaufwand.“ (https://www.social-bee.eu/haeufige-fragen). Es handelt sich also um eine Zeitarbeitsfirma, die zugegebenermaßen nach ein bis eineinhalb Jahren “die Vermittlung der vorqualifizierten Talente in eine Ausbildung oder Festanstellung“ (ebd.) anstrebt.
Ich glaube ja, dass das gut gemeint ist. Im Zweifel für Social-Bee nehme ich einfach an, dass die beauftragte Agentur für die sozialdarwinistische Schlagseite der Kampagne verantwortlich ist. Ein Problem bleibt aber sicherlich jenes, das Marx unter dem Schlagwort “Surplusproletariat” beschrieben hat: Die Genügsamkeit und der Integrationswille der Geflüchteten lassen sich wunderbar ausspielen gegen andere prekär Beschäftigte und zwar schlicht, um Löhne und Arbeitsbedingungen weiter zu drücken. Das Angebot an Arbeitskräften in Deutschland, die bereit sind zu vielem gegen sehr geringe Bezahlung, ist seit Einführung der vollen Freizügigkeit innerhalb der EU 2011 ohnehin groß. Ist ja auch kein Wunder, wenn beispielsweise Bulgarien anlässlich seiner Ratspräsidentschaft den Mindestlohn auf 235€ monatlich erhöht(!).
Und eine letzte Sache noch: Warum sind eigentlich keine Frauen in der Kampagne zu sehen? Unter den Antragsstellern auf Asyl war 2016/17 immerhin mehr als ein Drittel weiblich (https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/flucht/218788/zahlen-zu-asyl-in-deutschland). Eine größere Sichtbarkeit dieser Gruppe wäre für alle Geflüchteten gut. Gerade wenn ich an die Sexmob-Hysterie denke, die Anfang 2016 in Deutschland herrschte. Wenn ich an manche Sachen denke, die ich damals von besorgten Bürgern gehört und gelesen habe, wird mir schlecht.