Judith Butler wird an den UniversitÀten als Gendertheoretikerin verehrt. Dabei hat sie ihre Theorie lÀngst einer politischen Ideologie geopf
Aufruf zur Ohnmacht
Dass Butler in ihrer Essaysammlung âGefĂ€hrdetes Lebenâ von 2005 unter dem Vorzeichen des âantiimperialistischen Egalitarismusâ eine ideologische Wende einleitete und infolgedessen in erheblichen Widerspruch zu den eigenen Gendertheorien geriet, blieb in der Rezeption des Bandes weitestgehend unbeleuchtet.
Ein Blick in Butlers seither vorgelegte Schriften offenbart ein streng dichotomes und antiliberales Weltbild, das einem neu erwachten politischen Engagement nach dem 11. September 2001 entspringt. Sie wolle mit ihren Ideen der âSelbstgenĂŒgsamkeitâ und der âungezĂŒgelten SouverĂ€nitĂ€tâ der Ersten Welt ein Ende setzen, erklĂ€rte Butler damals. Zentral in den Texten dieser Schaffenszeit, die Butler zugleich als moralphilosophische Antwort auf den islamistischen Terrorismus und den war on terror versteht, sind die Begriffe âLeidâ und âGewaltâ. Nach Butler ist jedes Leben ein gefĂ€hrdetes Leben, von der Geburt bis zum Tod. Jeder Mensch vermöge seinem NĂ€chsten Gewalt anzutun und daher auch Gewalt zu erfahren. Diese Einsicht in die prinzipielle Verletzbarkeit und Ohnmacht vor einer allgemeinen und unbezwingbaren Gewalt abzuwehren bedeute, neues Leid und neue Gewalt hervorzubringen. Damit verabschiedet sich Butler von der Idee des autonomen Individuums, das als politisches Subjekt nach Selbstbestimmung und einer vernĂŒnftigen Gesellschaft strebt.
Stattdessen empfiehlt sie eine Praxis des âNichthandelnsâ selbst da, wo es um Terror, FrauenunterdrĂŒckung und Homosexuellenverfolgungen geht. In âRaster der Kriegesâ fordert sie, man solle âsich den Bindungen ĂŒberlassen, die binden und entbindenâ, sich also mit dem eigenen Leid identifizieren. Unter dem Begriff des âgefĂ€hrdeten Lebensâ vermischt sie rhetorisch geschickt die physische Verletzbarkeit des menschlichen Körpers mit der politischen Bedrohung durch den islamistischen Terror. Der körperlichen GefĂ€hrdung kann man sich in ihren Augen genauso wenig durch GegenmaĂnahmen entziehen wie dem Terror, womit sie explizit auf die Antiterrorpolitik der Bush-Administration abzielt, die sie fĂŒr den primĂ€ren Grund anhaltender Gewalt hĂ€lt. Ăber den Antisemitismus und die ideologische Indoktrination der Terroristen erfahren ihre Leser indes nichts.
Abkehr von der Idee der Freiheit
Dass es sich bei dem hier vertretenen Menschen- und Gesellschaftsbild nicht um einen radikalen Pazifismus oder um eine âEthik der Gewaltlosigkeitâ handelt, wie Butler selbst behauptet, sondern um eine Ideologie, die ĂŒberaus gewaltvolle Konsequenzen zeitigt, lĂ€sst sich ihren Schriften unmittelbar entnehmen.
Durch die radikale Ablehnung liberaler und linker Freiheitsvorstellungen samt deren Kernbegriffen Universalismus, SubjektivitĂ€t und Individuum nĂ€hert sich Butler den Positionen islamistischer Ideologen an. Das tut sie, indem sie eine Neudefinition von Freiheit fordert, die nicht mehr auf SubjektivitĂ€t, sexueller und kĂŒnstlerischer Ausdrucksfreiheit beruht, sondern vom Begriff der HandlungsfĂ€higkeit (agency) ausgeht: Agency âerlaubt diverse Praktiken als Ausdruck von Freiheit vorzustellen, die nicht unbedingt dem Individuum entspringen oder irgendeiner innerlichen Vorstellung von Selbstbestimmungâ. Eine solche Praktik ist fĂŒr Butler beispielsweise die âFreiheit, eine Burka zu tragenâ.
Es ist evident, dass diese âFreiheitâ, die sich nicht mehr aus der Idee der Selbstbestimmung des weiblichen Individuums herleiten soll, die Freiheit des patriarchalen Kollektivs meint, ĂŒber den Frauenkörper zu verfĂŒgen. Butler kann diese Form von Freiheit nur legitimieren, indem sie das fĂŒr die eigenen Ăberlegungen zum Geschlecht so zentrale Konzept der âSozialisationâ fallenlĂ€sst und durch ein individualistisches Argument ersetzt: Erblickt eine Frau in ihrer eigenen VerhĂŒllung ihre Freiheit, so sei dies nicht Ergebnis der Deformation des Individuums durch eine patriarchale Kultur, sondern als HandlungsfĂ€higkeit und Ausdruck einer neuen Form von Freiheit zu akzeptieren.
Apologie des Patriarchats
Der Begriff der HandlungsfĂ€higkeit gerĂ€t der westlichen Akademikerin zum Instrument, die muslimische Frau des Orients als prinzipiell geschichtslos zu betrachten. Der Anspruch der von Butler vertretenen postkolonialen Theorie, den liberalen wie marxistischen Universalismus als âethnozentristischâ zu entlarven und selbst durch âPerspektivenwechselâ kulturgerecht zu forschen, mĂŒndet hier in einen neuen Essenzialismus. Die muslimische Frau wird zum Passepartout in den HĂ€nden einer mit Kultur-Stereotypen hantierenden Pseudo-Theorie.
Ohne ein Wort ĂŒber konkrete LebensumstĂ€nde zu verlieren, entscheidet Butler, dass die Burka dem nichtwestlichen Wesen der Afghaninnen entspricht, und behauptet ĂŒber die VerhĂŒllung: âSie symbolisiert, dass eine Frau bescheiden ist und dass sie ihrer Familie verbunden istâ und ergo schĂŒtzenswert. Radikaler könnte der Bruch mit dem feministischen Anspruch nach weiblicher SubjektivitĂ€t einerseits und mit dem wissenschaftlichen Anspruch nach AufklĂ€rung und Vernunft andererseits kaum vollzogen werden.
Butler richtet sich mit ihren Texten nicht an die muslimischen Frauen, ĂŒber die sie schreibt und die sie zum authentischen VerfĂŒgungsobjekt der MĂ€nner degradiert, sondern an die eigenen Kollegen an westlichen UniversitĂ€ten und an die Aktivisten der Frauen- und Homosexuellenbewegungen. Im Kampf gegen einen angeblich durch und durch kolonialrassistischen Westen â vornehmlich hypostasiert in den Vereinigten Staaten und Israel â ist es ihr zufolge notwendig, BĂŒndnisse auch mit jenen KrĂ€ften zu schlieĂen, die liberale Errungenschaften und Menschenrechte von Frauen und Homosexuellen ablehnen. Dabei bietet Butler ihren Lesern zugleich an, diesen gesellschaftlichen RĂŒckschritt als Fortschritt zu begreifen.
Affektive Erkenntnis
Patriarchale und homosexuellenfeindliche KrĂ€fte, schreibt sie, hĂ€tten lediglich ein anderes Konzept von ModernitĂ€t, daher bedĂŒrfe es nicht etwa der Kritik, sondern eines neuen VerstĂ€ndnisses von Zeit. Dass diese andere âModernitĂ€tâ Frauen und Homosexuelle bestenfalls an den Anfang ihrer Emanzipationsbewegungen zurĂŒckversetzen will und existentieller Gewalt preisgibt, wird nicht einmal mehr als Widerspruch thematisiert. Butlers Ziel ist es, eine Gemeinschaft des âkollektiven Widerstandsâ zu bilden, in der man ReaktionĂ€ren ihre Ablehnung von HomosexualitĂ€t und das patriarchale Frauenbild nachsieht.
Dass ein solches Gebaren nicht folgenlos bleibt und sich in der akademischen Forschung und Lehre fortschreibt, belegt beispielhaft der Fall des Zentrums fĂŒr transdisziplinĂ€re Geschlechterstudien an der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin. Unter dem Titel âFemale Genital Cutting. Die Schwierigkeit, sich zu positionierenâ wĂ€gten Geschlechterforscherinnen 2005 im hauseigenen Bulletin ab, ob und gegebenenfalls wie physische Gewalt gegen MĂ€dchen und Frauen thematisiert werden darf. Anstatt die GrĂŒnde fĂŒr die misogyne und potentiell lebensbedrohliche Praxis der GenitalverstĂŒmmelung wissenschaftlich zu analysieren, rĂŒckte man die Frage nach dem eigenen Sprechen darĂŒber in den Fokus: Man wolle den nicht-weiĂen Opfern und TĂ€tern nicht ihre HandlungsfĂ€higkeit absprechen.
Die eigene Theorielosigkeit wird von Butler in theoretisch anmutende Begriffe und Konzepte gekleidet, die dann fallengelassen werden, wenn sie antiliberalen Zielen widersprechen. Afghaninnen etwa, die nach dem Einmarsch der Vereinigten Staaten 2001 das Ablegen ihrer Burka feierten, nennt Butler verĂ€chtlich âKriegsbeuteâ der amerikanischen Armee. Westliche Feministinnen, die diese Entwicklung begrĂŒĂten, betrieben ein âKolonialprojektâ. Nichtwestliche Frauen, die die Burka als Gewalt gegen sich wahrnĂ€hmen, seien entweder bereits âzwangsverwestlichtâ, entfremdet oder eine bloĂe Phantasmagorie kriegstreibender Medien. Butler behĂ€lt sich offensichtlich selbst die Entscheidung vor, wann einer Person HandlungsfĂ€higkeit zuzusprechen ist und wann nicht.
In ihren Kampfschriften geht es Butler nicht um Wissenschaftlichkeit, stringente Argumentation und Logik. âRaster des Kriegesâ schlieĂt sie mit der expliziten Forderung, durch âNichthandelnâ einen âWeg der affektiven Erkenntnisâ zu beschreiten, um endlich aus dem âgeschlossenen Zirkel der ReflexivitĂ€t auszubrechenâ. Das Handeln des Subjekts solle nicht mehr auf Kosten des anderen, also eines Objekts, exekutiert werden, heiĂt es weiter. Hier wird nicht weniger als das Denken selbst verabschiedet, das sich erst als gegenseitig vermittelnde Bewegung von Subjekt und Objekt vollzieht. Das heiĂt auch, dass die Reflexion aufs Allgemeine ausgehend vom Besonderen, ohne die Begriffe wie Individuum, Selbstbestimmung oder SolidaritĂ€t nicht denkbar wĂ€ren, aufgegeben werden soll. Stattdessen sollen die Gedanken bestĂ€ndig um die eigenen GefĂŒhle und isolierten Handlungen kreisen. Weder Erkenntnis ĂŒber Gesellschaft noch soziale Emanzipation sind unter diesen Bedingungen noch zu erlangen. Butlers âEthik der Gewaltlosigkeitâ ist tatsĂ€chlich eine Kapitulation vor bestehenden GewaltverhĂ€ltnissen und die Absage an jegliche SolidaritĂ€t mit den realen Opfern dieser ZustĂ€nde.
Passive Aggression
Das macht sie attraktiv fĂŒr einen Zeitgeist, der zwischen forcierter Selbstbehauptung und SehnsĂŒchten nach dem Aufgehen in Kollektiven schwankt. Butler spielt geschickt mit den Ăngsten ihrer Leserschaft, indem sie enorme Bedrohungspotentiale konstruiert. Den Vereinigten Staaten wirft sie vor, im âKrieg gegen den Islamâ barbarische âSĂ€kularisierungsprojekteâ zu forcieren, bei denen sich Feministinnen und Homosexuellenaktivisten zu Handlangern eines brutalen Kolonialismus machten. Die Bedrohung wird umso gröĂer, je weniger sie von Butler empirisch unterlegt wird. Der Verzicht auf Empirie macht es wiederum möglich, die Menschen vor die simplifizierte Wahl zwischen einer Gemeinschaft des âkollektiven Widerstandsâ zu stellen, der sich im passiven Erleiden erschöpft, und einer vermeintlichen Barbarei, die sie im universalistischen Anspruch der Menschenrechte erblickt.
Hat das Individuum seine Nichtigkeit einmal eingesehen und jede Form des Handelns als vergeblich erkannt, bleibt ihm nichts anderes als die willenlose Unterordnung unter ein namenloses Kollektiv. Dass Butler lehrt, gerade darin seine Befreiung zu sehen, ist die zynische Note einer Politik, die der Ambivalenz des bĂŒrgerlichen Lebens mĂŒde ist. Butler appelliert an das Regressive in den Menschen, an das latente Unbehagen in der Moderne. Sie verspricht die kollektivistische Befreiung von den lĂ€stigen WidersprĂŒchen der bĂŒrgerlichen Gesellschaft, indem sie deren emanzipatorische Potentiale zum Opfer bringt. Um an ihrer moralischen Ăberlegenheit teilzuhaben, genĂŒgt es, sich zum persönlichen Leiden und der eigenen, unverĂ€nderlichen Ohnmacht zu bekennen, die aggressiv gegen alle diejenigen eingeklagt werden, die an der Idee der Emanzipation der Individuen festhalten..
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